Der Wanderer
Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung
1849. — M 100.
f* Vom Tannenbaum.
I.
Tannenbaum, im Waldrevier Ragst du stolz gleich einem König, Durch die Zweige wehen dir Goldne Kunden wundertönig; Aber eS vermag sie nur Leis und stille zu erlauschen, Wer so ganz mit der Natur Ist vertraut und ihrem Rauschen.
Kommt am hohen HimmelSraum Sonne mit dem goldnen Wagen, Gilt sie, schlanker Tannenbaum, Dir den ersten Gruß zu sagen, Und erzählt dir was sie sah, Was daS Meer ihr zugerauschet, WaS sie in Amerika Wunderholdes hat erlauschet.
Wenn sie dann am Abend sacht Wiedertauchet in die Wogen, Und deS Sternenheeres Pracht, Kommt am Himmel aufgezogen In das grüne Pflanzenohr, Singet leise, leise nieder Dir der ganze Sternenchor Süßharmonisch seine Lieder.
Unterdeß im Wipfel dein Werden wach die wilden Tauben, Die sich hier im Morgenschcin Tausend Küsse schnäbelnd rauben; — Sie umgarnen dir das Herz Und berauschen deine Sinne Mit der Liebe süßem Schmerz, Mit der süßèn Luft der Minne.
Aus des Bodens tiefer Nacht Bringen deine Wurzeln Kunde, Wie die dunklen Gnomen sacht
Tanzen dort zur Geisterstunde. Und der zarten Blumen Duft Sagt dir, wie in ihren Kelchen In der milden Maienluft Zarte Elfenüppig schwelgen.
Wenn im herbstlich kalten Hauch Ringsum sich die Wälder färben, Und rings um dich Baum und Strauch Und die Blumen müssen sterben. Hält der Kummer und das Weh Dir das Freundesherz umfangen, Und die hellen Thränen seh Ich an deinen Zweigen hangen.
Wenn der Winter frostig kalt
Auf den weißen Bergen hauset, Und hindurch den nackten Wald Kalter Sturmwind saust und brauset, Lauschest du im grünen Kleid, Auf die hellen Schlittenglocken Lauschest du zur Weihnachts-Zeit, Wie da Kind und Greis frohlocken.
Seltne Kunden rauschen so Aus deS weiten Weltalls Reichen, Traurig heute, morgen froh, In den duft'gen Tannenzweigen; Aber es vermag sie nur Leis und stille zu erlauschen, Wer so ganz mit der Natur Ist vertraut und ihrem Rauschen.
II.
Höre was da draußen klingt? — Durch die Straßen zieht ein Geiger, Hei! wie der den Bogen schwingt! Immer quillt die Tonfluth reicher. — Wohl aus überird'schem Land Ist der süße Klang entsprungen, Denn noch keiner Menschenhand Ist ein solches Spiel gelungen.