Der Wanderer.
Beiblatt zur
Allgem. Zeitung.
1849. — M 98.
A Der schwarze Bettler.
(Fortsetzung.)
Seit einigen Monaten hatte sich ein französischer Emigrant, der bis dahin in Diensten Ludwigs XVIII. in Mitau und in Rußland gestanden, in London niedergelassen. Dieser Edelmann besaß trotz der beträchtlichen Verluste, die er durch die Revolution erlitten, ein für einen Franzosen immerhin noch recht ansehnliches Vermögen, für einen Lord freilich wäre dasselbe kaum der Rede werth gewesen; er hatte blos wenige 50,000 Fran, ken monatlich zu verzehren. Es war der Marquis von Rumbrye, ein Wittwer, der nur eine einzige sechs- bis siebenjährige Tochter besaß.
Der junge Herr Alfred des Vallees stand im Begriffe, sein 14. Jahr zurückzulegen, und Florence dachte, Fräulein von Rumbrye könne mit der Zeit eine recht annehmbare Partie für ihn werden. Um diese Verbindung in's Werk zu setzen, rechnete sie auf ihre eigene geistige Ueberlegenheit, auf den Einfluß, den sie auf den Marquis zu gewinnen hoffte, auf die verführerischen Eigenschaften des jungen Herrn Alfred des Vallees rc.
Anfangs schien Alles nach ihrem Wunsche zu gehen. Der Marquis von Rumbrye hielt die Kreolin für würdig, die Stelle der Gefährtin einzunehmen, welche er durch den Tod verloren hatte. Er bot ihr seine Hand an, die sie annahm.
Während der ersten Monate ihrer Ehe war Flo- rence'S Betragen tadellos; sie wußte die Rolle der guten Hausfrau und Mutter vortrefflich zu spielen und nahm sich der Erziehung der jungen Helene mit allem Eifer an. Der Marquis war glücklich; er freute sich jeden Tag mehr über die Wahl, die er getroffen.
Bald aber trübte sich dieses Glück. Herr von Rumbrye machte die traurige Erfahrung, daß er hintergangen
worden. Von nun an zog er sich von ihr zurück und suchte auch Helenen so viel als möglich von ihr fern zu halten.
Trotz dieser Hindernisse gab die Marquise keineswegs ihr Vorhaben auf. Als die Restauration der älteren Linie der Bourbons eintrat und die Familie von Rumbrye nach Frankreich zurückkehren durfte, faßte sie auf's neue Hoffnung. Fern von dem Schauplatze ihrer Fehltritte, vergaß der Marquis vielleicht.
Er vergaß nicht; da er aber in seiner Frau seinen eigenen Namen achten mußte, theilte er Niemand seinen inneren Kummer mit. Die Marquise konnte daher in Paris die damals übliche, streng sittliche Lebensweise ungescheut zur Schau und ihre Stirne so hoch tragen, als das vorwurfsloseste Weib.
Herr von Carral versäumte diese Gelegenheit nicht, sich zu zeigen. Der Unglückliche kam, weil er stets überall seyn zu müssen glaubte, wo Lärmen und Leben war. In Paris konnte sich der Mulatte, ohne Argwohn zu erwecken, brüsten. Wer hätte ihn auch in der Verkleidung eines Hidalgo wieder erkannt?
Aber bald verwandelte sich seine Freude in Kummer. Florence sagte ein Wort und der Sklave fühlte, daß drückender als je sich eine Kette um seinen Willen schmiedete. Er beugte seinen Nacken und gehorchte.
Es mag seyn, daß er Lavier liebte, aber es galt, zwischen (sich selbst und Lavier zu wählen. Und in solchen Fällen bleibt die Wahl selten zweifelhaft.
VI.
Die Versuchung.
Wir sind noch auf dem Ball der Frau v. Rumbrye. Im Augenblicke, wo diese letztere und Carral sich trennten, führte Lavier Helene zu ihrem Platze zurück. Er hatte zum dritten und letzten Male mit ihr getanzt. Die Klug-