Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1849. — . I" 93.
âÄM'^
△ Der sehwarz e Bettler.
(Fortsetzung.)
Erst bei der letzten Figur fiel es Helene ein, daß Xavier etwas zu sagen habe.
Sie warf einen unruhigen Blick um sich, um sich zu gewiffern, daß kein Neugieriger in der Nähe sey, und chte eine ernste Miene.
„Herr Xavier, sagte sie ganz leise, ich habe Sie ge- ! en, heute Abend zu kommen."
„Wenn Sie wüßten, welche Freude mir dieses Wort ursacht hat, mein Fräulein!" begann Xavier in lei- ischaftlichem Tone.
„Lassen Sie mich reden, erwiederte das junge Mäd- n, jetzt, da ich es bedenke, glaube ich unrecht gehan- t zu haben. Ich wollte Sie vor Jemandem warnen. ?)$ habe ich keine Gewißheit und fürchte mich auch... »ch Herr Xavier bitte ich Sie, seyen Sie auf Ihrer lt."
„Das ist befremdend! Auch Carral sagte mir, daß einen Feind habe."
„Herr von Carral? Nannte er keinen Namen?"
„Nein; er weigerte sich."
„Nun denn! Herr Xavier, sagte das junge Mäd- n zögernd, ich will Ihnen denselben nennen. Hüten e sich vor Frau von Rumbrye."
Kaum hatte sie diesen Namen ausgesprochen, als -e Schulter leicht berührt wurde. Sie wandte sich erbend um. Die Marquise stand hinter ihr.
„Die Reihe ist an Ihnen, mein Kind, sagte sie mit etlicher Freundlichkeit, Sie versäumen die Figur."
Helene trat verwirrt und zitternd in die Reihe. Frau n Rumbrye folgte ihr mit mütterlichem Blicke.
„Wie schön und anmuthig sie ist!" sagte sie auf eine eise, daß Xavier eS hören mußte.
„Helene täuscht sich," sagte dieser bei sich, worauf er ebenfalls in die Reihe trat."
Dann verdüsterte sich der Blick der Marquise.
„Ich bin errathen ! dachte sie. Sie muß ihn sehr lieben, weil sie |o über ihn wacht!... Daß auch dieser elende Jonquille nicht kommt!"
Xavier führte Helene an ihren Platz zurück, und stellte sich dann in eine Ecke, von wo er sie bemerken konnte, indem er wartete, bis der Anstand ihm erlauben würde, sie von Neuem zum Tanze aufzufordern. Helene, weniger glücklich, mußte die Hand des Herrn Alfred des Vallees annehmen, welcher ihr mit den ungestümsten Komplimenten zusetzte, und sie auf seine Ehre versicherte, daß seine Weste nicht aus Staub's Atelier komme.
Gegen zwei Uhr Morgens erschien Carral an der Thüre des Hotels. Er war bleich und niedergeschlagen. Bei seinem Eintritte schlug er die Augen nieder; er wagte nicht, seine Freunde offen anzusehen, so sehr fürchtete er, mit verächtlichem Lächeln empfangen zu werden. Er wußte, daß Frau von Rumbrye nicht die Frau dazu war, leere Drohungen zu machen.
Als er sah, daß ihn Jeder wie gewöhnlich empfing, ward seine Brust von drückender Last befreit 1 Er erhielt seine frühere Sicherheit zum Theil wieder und stellte sich in eine Fensternische, in der Hoffnung, dem durchdringenden Blicke der Marquise zu entgehen.
„Ich will den Beobachter machen, dackte er; vielleicht wagt sie es doch nicht... Wenn sie spricht, werde ich mich zeigen."
Herr v. Carral täuschte sich. Frau von Rumbrye, die ihn erwartete, hatte keinen einzigen Augenblick die Eingangsthüre außer Acht gelassen. Sie hatte ihn gesehen und, ihres Sieges gewiß, sich zurückgezogen. Vielleicht hätte sie nicht gesprochen, wenn er nicht gekommen wäre.