Der Wanderer.
Belletristisches | Beiblatt zur
Allgem. Zeitung.
1849. — JVi 90.
△ Set schwarze Bettler.
(Fortsetzung.)
Der Marquis von Rumbrye war ein alter, ehren- ter und rechtlich denkender Edelmann. Er hatte früher ie Frau bis zum Rasendwerden geliebt. Diese Liebe r erkaltet, und die böswilligen Zungen behaupteten, ; dieses nicht ohne Grund geschehen sey. Hr. von mbrye, sagte man, habe seiner Gemahlin oftmals zu zeihen gehabt; auch jetzt noch mache er kein Aufsehen, l ein Mann von feiner Lebensart unter gewissen Um. tben zu schweigen weiß. Aber die Welt, welcher der er Marquis das Aergerniß seines ehelichen Unfriedens zarte, zeigte sich nicht besonders erkenntlich dafür, und durfte, wenn er selbst den allerbesten Willen vorauS- :e, kaum hoffen, daß der edle Name von Rumbrye jeder boshaften Anfeindung verschont bleiben würde. Diese Lage, welche die Moral und die Höflichkeit ; nöthigen, als eine ausnahmsweise zu bezeichnen, chte Hrn. v. Rumbrye kalt, und nicht sehr begierig (ach, sich der Welt zu zeigen. Als ehemaliger Emitter, den die ältere Linie der Bourbonen mit Ehren- len und Würden überhäuft hatte, fügte er sich den ordernissen seiner hohen Stellung und öffnete der lt sein Haus, doch waren ihm diese Festlichkeiten un- lenehm. Er errieth die geheimen Gedanken aller seiner sie in Bezug auf seine Person; er glaubte in Aller (fe ein beleidigendes und kränkendes Wort zu lesen; wäre gern der Gesellschaft seiner Standesgenossen ent# )en.
Wenn indeß auch früher die Marquise zuweilen die setze der Ehe überschritten (diese Thatsache galt für orisch), so war doch seit langer Zeit ihre Aufführung lt zu tadeln. Die Liebe war für ihr Herz eine Be- iftigung gewesen; jetzt hatte sie einen andern Zeitver
treib, und gab sich daher keine Mühe mehr, Liebeshändel anzuspinnen. Sie liebte ihren Sohn mit leidenschaftlicher und grenzenloser Zärtlichkeit; das war vielleicht das einzige lobenswerthe Gefühl im Herzen dieser Frau, welche das Geschick mit allen verführerischen Reizen geschmückt zu haben schien, um desto bester den schwarzen und zurückstoßenden Abgrund ihrer Seele darunter verbergen zu können.
Die ganze Liebe Herrn von Rumbrye's war auf seine aus seiner ersten Ehe entsprossene Tochter übergegangen, und er wünschte sich alle Tage mehr Glück, kein Kind aus seiner gegenwärtigen Verbindung zu besitzen. Außer Helene liebte er Niemand, wenn wir nicht etwa den König und Lavier ausnehmen wollen, den ein Un# gefähr vor zwei Jahren während der Reaktion der hundert Tage zu seinem Beschützer gemacht hatte. Es war dies übrigens einer jener Dienste, welche jeder beherzte Mann leisten kann. Lavier hatte nämlich, als junger und den kaiserlichen Ruhm liebender Mann, Napoleons Rückkehr mit Begeisterung begrüßt. Seine bekannten Gesinnungen hatten ihn sogar in den Stand gesetzt, bén alten Emigranten wirksam gegen die Beleidigungen desjenigen Theiles im Volke zu vertheidigen, der stets den Besiegten schmäht und den Sieger lobpreist. Dieser Dienst brachte Herrn von Rumbrye dem jungen Manne näher. Ungeachtet der Verschiedenheit im Alter und in den Meinungen, trotz des großen Abstandes, der sie in Bezug auf ihre gesellschaftliche Stellung trennte, bildete sich ein gewisses freundschaftliches Verhältniß zwischen ihnen. Auch war der Marquis ganz der Mann, die edle und reine Seele des jungen Mannes zu schätzen. Er liebte ihn.
Ebenso liebte Lavier Fräulein von Rumbrye, die seine Liebe erwiederte.
Sicherlich wird von uns der Leser oder die holde Leserin keine Erklärung dieser Thatsache verlangen. La-