Der Wanderer.
elletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1849. — ^ 89.
Die Sage vom Faulenweiberbrunnen zu Wiesbaden.
An's Licht gezogen von C—s.
In der alten Grafenstadt Wisebaden sah es zur des hochherzigen und mächtigen Grafen Ludwig b Nassau (er starb 1627) gar anders aus denn .utage, wo sie die blühende Hauptstadt und die Zierde von Gott vorab gesegneten Landes ist. Zwar hatte elbeseit der schweren Heimsuchung des Jahres 1547, lur die Burg mit etwa 20 Hausern einer fürchter- i Feuersbrunst entging, wieder in etwas erholt; ihr Ansehen und der Ruf ihrer schon von den Rö- entdeckten Gesundquellen wollte denn doch nicht viel > sagen in den deutschen Landen. Kein Wunder also
, daß in selbiger Zeit der fürsichtige Pächter des unten Wiesbadner Heilwassers den alljährlich in Gulden bestehenden Zins dem städtischen Seckelmeister mdete, und das edle Gewässer nun fast unbenutzt allmählig auch ungehindert lustig durch die Straßen chlätscherte.
So überaus reichlich aber auch die gute Stadt mit n warmen Elemente gesegnet war, so ging das lau# and süße Quellwasser ihr im Inneren doch gänzlich >erohalben denn selbiges von einer außerhalb ge# ' en Quelle alltäglich hereingeschafft werden mußte. !)es Geschäft stand aber in jener guten häuslichen bei Reich wie Arm den Frauen des Hauses selbsten md schwerlich würden d'rum auch die Wiesbadener lväter ob solch schwerem Verrichten ein Einsehen für Velber genommen haben, wenn nicht die Entfernung öronnens und noch ein absonderer Umstand das -wesen allmählich verkümmert und sie selbsten an sicher Pflege verkürzet hätte.
Der absondere Umstand war aber kein anderer, als daß die ehrsame Weiberschaft sich seit langen Zeiten gewöhnet und schier zu Recht genommen hatte, sich all# morgens und allabends unter dem von einer Linde gar traulich beschatteten Bronnen zusammen zu finden, um nach erfolgter Füllung der Gefäße noch ein Stündlein oder zwo über die gewichtigsten HauS- und Stadtnovitäten zu plaudern, wie auch mit scharfigen Zungen das Wohl und Wehe, die Ehre und die Unehre der lieben Mitchristen zu beleuchten und nach Gebühr und Würden abzuhandeln. Mochte indessen daheim auch Mann und Kind nothleiden und das liebe Vieh fast verdursten; und mochte gar oftmals auch ein Gevatter Schuster oder Schneider sein zögerndes Weiblein bei der Heimkunft mit Elle und Knieriem begrüßen — all das war vergeblich, denn bas Plauderstündchen dort draußen war zu wonnig, und das Traktiren der Nächstenehre war zu verführerisch, als daß Vermahnen und Scheltwort, oder Elle und Knieriem dem abzuhelfen vermöget hätten.
Nun hatte aber auch Graf Ludwig, der ein überaus thätiger Herr war, schon seit langem solch' müßiges Treiben der Werber gar übel vermerket, und oftmals, wenn er zum edlen Waidwerke auszog, oder von selbigem heimkehrte, die am Bronnen Schwatzenden eigenmündig faule und lässige Frauen gescholten; auch zur Abhülfe dessen den Männern zum öfteren gerathen, das Wasser mittelst Röhren in die Stadt zu leiten — allein das Dräuen und Ansinnen des gestrengen Herrn blieb eben so eitel, wie das Vermahnen und Schelten der armen Hausväter selbst sammt Elle und Knieriem. Denn mit Kirren und Schmollen wußten die listigen Frauen die gegen solche Künste, wie fast männiglich heute noch, gar schwache Eheherren von dem Legen der Bronnenröhren ein jedes Mal wieder abzubringen, und wußten auch den harten Zornreden des gräflichen Herrn meist dadurch