Der Wanderer.
Beiblatt zur
Allgem. Zeitung.
1849. — Jlf 79.
△ Der schwarze Bettler.
(Fortsetzung.)
Bei dem Geräusche, welches das Gelächter verur- isachte, wandte sich der Bettler um. Er zog seinen Strohhut und streckte seine offene Hand nach dem Balköne aus.
Xavier zog sogleich seine Börse.
„Dieser Neger mißfällt mir!" brummte Carral, ebenfalls seine Börse ziehend.
Xavier warf seine Gabe hinab. Bevor der Bettler sich bückte, um sie aufzuheben, entblößte er von Neuem sein Haupt und legte die Hand auf sein Herz.
„Neger, da hast Du fünf Franken," rief Carral, ich gebe sie Dir unter der Bedingung, daß Du Dich zum Teufel scheerst und Dich nicht mehr hier blicken lässest !"
Das Fünffrankenstück fiel in den Hut des Negers. Anstatt es zu behalten, warf er es weil von sich und nahm seine' frühere unbewegliche Stellung wieder ein.
„Sie haben ihn beleidigt," sagte Xavier.
„Einen Neger beleidigen!..." erwiederte der erboste Mulatte; „aber Gedanken sind zollfrei und ich darf doch wohl für meine fünf Franken meine eigenen haben... Ei! mein Theuerster, Sie sind ja schon wieder in Ihre melancholischen Träumereien versunken. Sie haben ganz gewiß den Spleen."
Xavier ließ einen Seufzer hören. .
„Das ist die Krankheit der glücklichen Leute," erwiederte er, „ich kann sie nicht haben."
Er richtete einen traurigen, unentschlossenen Blick auf seinen Gefährten; aber von dem Bedürfnisse nach Mittheilung ergriffen, das im Herzen aller jungen Leute ist, nahm er die Hand des Mulatten, drückte sie in der {einigen und sagte;
„Carral! Sie sind mein Freund, wie ich glaube; ich habe Vertrauen zu Ihnen. Da Sie einen Theil meines Geheimnisses errathen haben, so will ich Ihnen Alles sagen... Ich leide!"
„Das sieht man, Theuerster, aber... warum leiden Sie?"
„Ich bin arm..."
„Das ist eine sehr allgemeine Unannehmlichkeit! Ich bin in derselben Lage."
„Ich heiße Xavier!"
„Das ist ein artiger Vorname!" sagte Carral mit großer Fadheit; „ich gestehe, daß am Schluffe noch etwas seyn sollte. Was mich anlangt, so habe ich mich nicht in dieser Hinsicht über das Schicksal zu beklagen, aber was wollen Sie, Theuerster, wenn Jedermann von Geburt wäre, so würde (steine Edelleute geben."
„Und dann,..." fuhr Xavier fort, der dieses treffende Argument kaum verstanden hatte.
Bevor er jedoch seinen Satz angefangen hatte, gingen die Thüren von Saint Germain auf, und die Menge der Gläubiger strömte auf den Platz. Die beiden Freunde stellten ihre Unterhaltung ein.
Der schwarze Bettler begann sein Almosensammeln. Unbeweglich und mit auSgestreckter Hand dastehend, glich er einer Statue von Ebenholz, ausgestellt, um das Mitleid der Vorübergehenden anzusprechen. Fast Jedermann gab ihm, denn er war bekannt, und die Berühmtheit hilft auch den Bettlern.
Xavier neigte sich über den Balkon, seine ganze Snle strahlte aus seinen Augen.
„War sie denn in der Vesper?" fragte Carral leise.
„Ja," erwiederte Xavier, dessen Stirne sich mit tiefer Nöthe überzog.