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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1849. J\ls 78.

A Der schwarze Bettler.

Nach Feval erzählt von August Marckh off.

Gegen die Mitte des Herbstes im Jahre 1816 saßen im ersten Stocke eines auf dem Platze Saint Germain des Pres zu Paris gelegenen Hauses zwei junge Leute auf dem Balköne, welche mit einander schwatzten und rauchten. Es war an einem Sonntage. Das Zifferblatt des Thurmes zeigte vier Uhr. Unsere beiden jungen Leute erwarteten ohne Zweifel das Ende der Vesper, um die Damen zu mustern, die aus der Kirche kommen würden.

Beide waren groß und schön, doch bildeten ihre Physiognomien einen vollkommenen Kontrast. Der Aeltere, Dessen braunes Antlitz einen Ausdruck eigenthümlicher mit Gedankenlosigkeit und eitlem Stolze gepaarter Her­ablassung zeigte, schien nahe daran, jenen kitzlichen Zeit­abschnitt zu erreichen, der die Grânzlinie zwischen Jugend and reifem Alter zieht. Er hatte sein fünfunddreißigstes Jahr überschritten. Seit wann? Diese Frage war nicht eicht, zu beantworten, denn auf seiner Stirn zeigten sich 'eine Falten und seine schwarzen Haare, die zu kraus waren, um schon zu seyn, bewahrten sogar, statt sich zu wtfärben, unter der wohlthätigen Einwirkung der Pom­made, welche sie zusammeuhielt und ihnen Glanz verlieh, sine gewisse Jugendfrische. Seine Augen waren glühend and voll Feuer, senkten sich jedoch zuweilen, wenn ein kühner wer forschender Blick sie traf. Sein feiner Schnurrbart 'ndlich war rein von jedem grauen Härchen, nur drückte mter dessen glänzenden tiefgezogenen Haarbüschen zu »eiben Seiten des Mundes eine tiefgezogene Falte den Mundwinkel herab; er mußte oftmals und sehr bitter ge- acht haben, bis diese charakteristische Furche gezogen war. Dieses Zeichen strafte auch das jugendliche Aussehen des desichtes bedeutend Lügen.

Dieser Mann ließ sich Ritter Don Juan von Carral

nennen, spanischer Edelmann. Er sprach oft von seiner Familie, die eine der Ersten in Andalusien war, und zeigte sich bei jeder Gelegenheit sehr eitel auf seine edle Abkunft.

Hierbei ging es ihm wie jenen schönen Damen, die sich Schmeicheleien über ihr gekauftes Haar sagen lassen. Juan von Carral war der Sohn eines Negers, Sklave von Geburt, und hieß Jonquille mit seinem wahren Namen.

Sein Kamerad, der sich ganz einfach Xavier nannte, war viel jünger. Seine breite und offene Stirn war von prächtigen blonden Haaren umgeben. Seine weiße Haut glich dem Alabaster neben der sonnverbrannten Wange des Mulatten. Sein Blick war frei, aber nach­denklich. Eine unbestimmte Traurigkeit und Zerstreutheit schien der gewöhnliche Ausdruck seiner Physiognomie zu seyn. Er zählte zweiundzwanzig Jahre.

Um diese beiden Leute herum war der Platz völlig menschenleer, nur auf der einzigen Stufe, welche die zur Kirche führende Treppe einnahm, stand auf einem langen Stocke gestützt, ein Bettler, der ebenfalls den Ausgang der Vesper erwartete.

Dieser Bettler war ein Neger, ein wirklich schöner Neger, der zwanzig Jahre früher herrlich den Othello Shakesspeare'S dargestellt haben würde. Sein breites Antlitz trat, schwarz wie Ebenholz, aus den Schneemassen seines Bartes und seiner Haare hervor. Seine hohe Gestalt krümmte sich nicht unter der Last des Alters; aufrecht stand er da, und trug mit einem gewissen Stolze die armseligen Lumpen, welche seine Schultern bedeckten.

Im Jahre 1816 hätten wir den in Paris bekannten Lesern diese Beschreibung nicht zu geben brauchen; denn Jedermann kannte damals den schwarzen Bettler, der an der Kirchthüre von Saint Germain des Pres um Almosen bat.