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Der Wanderer.

Scllktristischcs BkiblaN zur Raffamschen StUgcm. Zeitung.

1849. â 75.

IosL, der Geèger.

Genrebild aus dem ungarischen Volksleben.

Von Adolf Dur.

Es ist spät in der Nacht. Die Bauern haben die orfschenke schon verlaffen und nur mehrereZigeuner liegen ff den Banken und schnarchen. Jeder der Schläfer hat n Instrument neben sich auf den alten Tisch gelegt, der n Faustschlägen der zechenden Bauern schon so lange dersteht. Da liegt die grollende Brummgeige, das narrende Klarinet, die weinende Fidel in mehreren, chst bescheidenen Eremplaren und das joviale Zimbel, s bei einer Zigeunerbande von ächtem Schrot und >rn nun und nimmer fehlen darf. Unsere Bande aber eine solche, von der Kultur noch nicht befleckte. Unsere chläfer tragen noch ihre zerrissenen Jacken von dem ver- iedensten Schnitte und Farbe, und von allen Orten sammengestohlen; die Meisten sind aber noch mit ab­schabten blauen Mänteln mit kurzen Kragen zugedeckt, as ist, wie gesagt, so eine Zigeunerbande, wie deren .'le in Ungarn herumziehen; ihre Mitglieder haben kein glänzendes Nationalkostüm, wie Diejenigen, welche im rslande von Spekulanten herumgeführt werden.

Unsere Virtuosen liegen umher und schnarchen. Nur ner steht am Fenster und starrt hinaus auf das oben hende, hell erleuchtete Kastell. Er trägt einen unzer- jenen blauen Spenzer und ist überhaupt > besser geklei- , als seine und Lißt's cbarmants collègues. Von ttlerer Größe, jung, bardlos, schlank und kräftig, mit mverbranntem Gesichte, schwarzem, krausem Haare, t unedlen, orientalisch markirten Zügen schaut der be# hmte Fiedler Josi zum Fenster hinaus, und der Mond egelt sich in seinem gedankenlos auf das Kastell Hin- rrenden Auge.

Josi ist der Anführer dieser Bande; mit dem Striche seines Bogens beherrscht er das Zimbeln und Fideln und Blasen seiner Untergebenen; seine kleine Fidel ist die mächtige Herrscherin, der sich die große Brummgeige ei­nes grauen Dade mit unterthänigem, gehorsamemSchnar- ren fügen muß; wenn seine Fidel in lang gezogenen Molltönen klagt, duckt sich das vorlaute Klarinet, die Zimbelschläge irren in langsamem Takte auf dem ge­spanntem Drahte umher, und die übrigen Geigen klagen gefügig mit; doch wenn sie wieder aufjauchzt, die kleine Fidel, da klingt es wie das Wort der Erlösung und die schleppenden Töne beginnen, wie befreite Sklaven, sich in schnellem Takte überstürzend, drein zu jodeln.

So beherrscht Josi sein kleines Volk, das ihm wil­lig allenthalben folgt, denn ihm öffnen sich die Thüren aller Kneipen in der Umgegend, und seine Kunst geht nicht nur nach Brod, sondern auch nach Wein und Speck und nach manchem Groschen. Seit einiger Zeit jedoch wurden seine Untergebenen mit ihm unzufrieden, und das nicht ohne Grund. Das Wanderleben ist das Leben der Zigeuner, am Wenigsten aber hält es eine weit gesuchte Zigeunerbande in einem armen kleinen Dorfe aus, da es für sie in Marktflecken und Landstädten immer mehr Gelegenheit gibt, Geld zu verdienen. Josi ist aber nun schon einige Frühlingswochen hindurch in unserem Dorfe und will nicht vom Flecke. Allnächtlich starrt er, wie heute, zum Fenster hinaus auf das erleuchtete Kastell.

Denn in demselben wohnt das wunderhübsche Fräu­lein, die Tochter des Barons, und Josi wünschte sehr, daß sie eine Zigeunerin wäre; zu wünschen, daß er selbst ein Herr vom Stande sey, war ihm nie eingefallen. Ja wäre er nur ein blasser Mann mit der Geige in der Hand gewesen, dessen Name auf papiernem Wege durch die Welt fliegt, so hätte er sich der stolzen Donna we-