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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen

Zeitung.

1849. M 63.

D i e Schwester.

(Fortsetzung.)

So Hatt' ich denn die liebenswürdigste Braut ver­loren, eine Schwester dafür zu finden. Gewaltsam be­legte ich alle Gefühle der Liebe, die ich für Louisen hatte ich wollte ihr nur Bruder, der zärtlichste Bruder seyn.

Nur wenige Monate noch war es uns vergönnt, im raulichen Verhältnisse liebender Geschwister beisammen ,u leben; dann riefen mich ernste Pflichten. Napoleon's Ilückstern war erblichen, um nimmer wieder zu leuchten. Das deutsche Volk erhob sich wider ihn, aller Orten bil­deten sich freiwillige Schaaren; ich eilte, mich einer der- elben anzuschließen. Der Abschied von Louisen war chmerzlich; wir tauschten Ringe, aus unsern Haaren ge­lochten.Bald, Louise," sprach ich weinend,wird ein flücklicher Bräutigam' den Ring Dir reichen, der Dich ür ewig an ihn bindet; wirst Du auch dann, glücklich in der Seite Deines Gatten, noch zuweilen des Bruders gedenken?"Nein, nie werd' ich das Glück in einer ?he finden, nie wird mir Glück zu Theil werden; alle Stützen schien meinem jungen Leben; der Himmel führte Di$, meinen Bruder, mir zu, und jetzt schon mußt auch Du mich verlassen."

Wir hatten uns gelobt, einander zu schreiben; aber ie Feldposten gehen so unregelmäßig; mehrere Briefe, ie ich Louisen schrieb, blieben unbeantwortet, und bange Sorge um sie ergriff mich. Ich hatte erfahren, das- igreich Westphalen sey auseinander gestäubt wo waren ie Günstlinge des Königs geblieben? vielleicht als Opfer er zügellosen Volkswuth gefallen; und LouisenS Oheim, ,e selbst, wo mochten sie weilen, was ihr Schicksal ge­worden seyn? Lange, nachdem der Kampf entschieden, ie Alliirten im Besitz von Paris waren, lag ich noch m Feldhospitale, an einer schweren Wunde krank. Als

ich auf dem Wege zur Genesung war, brachte mir der Wärter einen Brief, der für mich abgegeben sey. Ich erbrach ihn eilig er war vor vielen Wochen geschrie­ben, von Berlin datirt der erste Brief, den ich von Louisen empfing.Schmach," schrieb sie, Unglück haben mich heimgesucht; ich vermag nicht, meine Klagen der Feder anzuvertrauen; Deine Schwester ist grenzenlos un­glücklich. Der Friede ist geschlossen, Deine Pflicht gegen das Vaterland erfüllt; eile, Trost, Mitleid Deiner ar­men Schwester zu spenden. Bei dem Gerichtsrath S. frage nach mir; er war der Einzige, der sich meiner an­genommen hat."

Mir fehlen Worte, den peinlichen Eindruck zu be­schreiben, den Louisens Brief auf mich machte; welches Unglück konnte Louisen, die von früher Jugend an dul­den gelernt hatte, so sehr niederbeugen? Täglich quälte ich den Arzt, er möge mich aus dem Spital entlassen; aber der pflichteifrige Sohn des Aeskulap entließ mich trotz aller Bitten nicht eine Stunde früher, als er es für rathsam hielt; noch Wochenlang blieb ich im Kran­kenhause eingespcrrt, und immer mit grelleren Farben malte mir die Quäkerin Phantasie Louisens Schicksal.

Endlich öffneten sich mir die Pforten des Spitals. Der Genesende gleicht dem Kinde, das in den ersten Tagen des Frühlings aus dem dumpfigen Zimmer in's Freie kommt, kaum die Herrlichkeit fassen kann, die fich seinem erstaunten Auge zeigen; jedem Vogel zuruft, der sich auf den Baum schwingt, dem zarte Blüthen ent­sprossen ; ist doch auch ihm die Welt wieder neu, und das, was ihm sonst unbedeutend schien, eine Quelle der Freude. Doch meine Brust hatte keinen Raum für Freude, sie erfüllte nur der Gedanke an Louisens Schicksal; zu ihr wollte ich eilen, ihr hilfreich beistehen, mein Brud'er- htkz ihren Klagen öffnen.

Ich ging zum Kommandanten unseres Korps, mir