mußten ihrer Natur nach nur kurze Tage seyn, cs waren furchtbar gefahrvolle Tage, aber es waren doch auch großartige Tage.
Die Riesenpetition der Nassauer, die Urkunde des neuen Staatsvertrags, lautete wie folgt:
„Die neueste französische Revolution, hervorgerufen durch die Treulosigkeit und Korruption der Regierung, hat Europa erschüttert. Sie klopft an die Pforten von Deutschland.
Es ist Zeit, daß Alles, was von nationaler Kraft, was von Freiheitsgefühl in der deutschen Nation ruht, zur schleunigsten Entfaltung gerufen werde.
Es ist Vieles, was die Deutschen, was namentlich der Stamm der Nassauer zu fordern berechtigt ist.
Aber die Zeit drängt, sie gestattet nicht Alles, was seit 33 Jahren versäumt worden ist, auf einmal zu ordnen.
Folgende Forderungen aber sind es, welche sofort erfüllt werden müssen: 1) allgemeine Volksbewaffnung mit freier Wahl seiner Anführer, namentlich sofortige Abgabe von 2000 Flinten und Munition an die Stadtbehörde von Wiesbaden; 2) unbedingte Preßfreiheit; 3) sofortige Einberufung eines deutschen Parlaments; 4) sofortige Vereidigung des Militärs auf die Verfassung; 5) Recht der freien Vereinigung; 6) Oeffentlichkeit, öffentliches mündliches Verfahren mit Schwurgerichten; 7) Erklärung der Domänen zum Staatseigenthum, unter Kontrole der Verwaltung durch die Stände; 8) sofortige Einberufung der zweiten Kammer lediglich zur Entwerfung eines neuen Wahlgesetzes, welches auf dem Hauptgrundsatz beruht, daß die Wählbarkeit nicht an einen gewissen Vermögensbesitz gebunden ist; 9) Beseitigung aller Beengungen der uns verfassungsmäßig zustehenden Religionsfreiheit."
Eine Deputation begab sich mit diesen Forderungen zum Staatsminister von Dungern. Ueber eine Stunde harrte das Volk der Rückkehr; der Regen goß in Strömen herab; allein was kümmert dies in einem Augenblicke, wo die ganze Existenz der Gesammtheit wie des Einzelnen auf dem Spiele stand?
Der Minister versprach, was er in Abwesenheit des Fürsten versprechen konnte: Gewährung der Preßfreiheit und des Bewaffnungsrechtcs; er gelobte, alle Kraft aufzubieten, um auch die übrigen Forderungen durchzusetzen. Mit Noth gelang es Hergenhahn, die wild aufgeregte und mißtrauische Menge mit diesen einstweiligen Konzessionen zufrieden zu stellen und die Versammlung bis zum 4. März zu vertagen , damit man alsdann die eigene Entschließung des Herzogs vernehmen möchte. Unterdessen drang eine zweite Deputation dem Minister das Ver
sprechen ab, den Landtag sofort durch Stafetten einrufen zu lassen, und ihm ein neues, in öffentlicher Sitzung zu berathendes Wahlgesetz vorzulegen. 2000 Gewehre wurden noch am nämlichen Tage von der Regierung an die Bürger abgegeben und denselben amtlich kund gethan, daß man die von dem Bundestage beschlossene Einberufung des nassauischen Kontingents hinausgeschoben habe, um keinem Verdacht, als beabsichtige man den Bürgern mit Waffengewalt gegenüberzutreten, Raum zu geben.
In demselben merkwürdigen Aktenstücke war die Bewegung ausdrücklich als eine „gesetzliche" anerkannt.
(Fortsetzung folgt.)
Miszellen.
Berlin. Der Unfug, welcher mit den angeblichen Heilungen des sogenannten Wunderkindes (der 11jährigen Tochter des Holzaufsehers Braun) vor dem Brandenburger Thor getrie: ben wird, nimmt in einer wirklich bedenklichen Weise überhanff und man bemüht sich bereits mehrfach, diese ganze Angelegenhei für die verschiedenen religiösen und politischen Interessen auszw beuten. Es findet nach dem betreffenden einstöckigen Häuschei in der Schifferstraße an jedem Nachmittage eine kleine Völker. Wanderung statt und es haben sich vor dem Hause selbst bereit- mehrere Binden mit Lebensmitteln etablirt,. welche reichlich Nahrung finden. Die Volksmenge umsteht gaffend das klein Häuschen und begrüßt das Mädchen, wenn sich dasselbe sehe« läßt, wie eine Heilige. Von allen Seiten strömen Krüppel un! Kranke hinzu, welche aber nur vorgelassen werden, wenn sie an Tage vorher ihren Namen und die Art ihrer Krankheit schriftlis eingereicht haben. Das Mädchen selbst nimmt mit den Kranke: keine Manipulationeu vor, sondern ermahnt dieselben nur zun Vertrauen auf Gottes Hülfe und verspricht dann gewöhnlich ii drei Tagen sichere Hülfe. In vielen Fällen soll auch schon da bloße Abgeben der schriftlichen Anmeldungen Hülfe bringen. Dr Constabler haben unausgesetzt Wache vor dem Hause, halten di Ruhe aufrecht und besorgen diese schriftlichen Anmeldungen bi Kranken. Viele wohlhabende Familien haben das Mädchen aw schon in die Wohnungen holen lassen. Es werden zwar und nid selten augenscheinlich absichtlich in der Stadt allerlei Nachricht« von vielen wunderbaren Heilungen, die durch das Mädchen b wirkt sein sollen, verbreitet, es sind in dieser Beziehung auch ß gar schon drei Brochütèn erschienen, aber bisher hat sich b näherer Nachforschung auch nicht eine einzige dieser Heilung« bestätigt. Es ist sehr zu bedauern, daß in der so intelligent« Stadt Berlin der Aberglaube noch eine so tiefe Wurzel zu find« vermag und jedenfalls wäre es zu wünschen, daß die Behöck hier endlich ernstlich einschritte.
Verantwortlicher Redakteur: W. H. Riehl.
Druck und Verlag der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung in Wiesbaden.