Einzelbild herunterladen
 

Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1849. .1" 68.

Die S ch w e ft e r.

(Fortsetzung.)

Zagend brachte ich die ersten Worte meiner Erklä­rung hervor; Louise schlug die blauen Augen schüchtern nieder, und trocknete ihre hervorbrechenden Thränen ; ich glaubte, es seyen Boten der süßesten Gewährung, Freu- venthränen, die ihren Augen entflössen. Lebhafter, feuri- ger sprach ich weiter von dem Glücke, das unserer in der Ferne harte, malte ihr mit glühenden Farben eine schöne, segensreiche Zukunft.

Endlich schwieg ich; mein Herz pochte in Angst und Hoffnung; es war lange still im Zimmer; Louise weinte oor sich hin. Dann sprach sie mit matter Stimme:Um Alles in der Welt, Hermann, höre mich ruhig an; glaube mir, daß ich ganz Deinen Werth zu schätzen weiß, daß ich Dich liebe mit dem Gefühle, das Die zärtliche Schwe­ster mit dem guten Bruder verbindet; verlange kein an- )eres, höre mich ruhig an, mein guter Bruder. Als noch Wohlstand und Ruhe in unserem Lande herrschten, ehe )er Feind kam, als das Glück noch nicht die Schwelle mseres kleinen Hauses verlassen hatte, da wohnte neben ins eine Familie, eng verbunden mit der unsrigen, wie jute Nachbarn es seyn sollen ; der älteste Sohn des Hauses rar ungefähr 4 Jahre älter als ich, das 8jährige Mäd- heu; er war immer so gut und gefällig gegen mich, und ächelnd nannten uns oft unsere Mütter die kleinen Ehe- eute. Die glücklichen Tage vergingen nur- zu schnell, und ald kam alle Noth des Krieges über unser Städtchen. xineS Abends saßen Wilhelm, des Nachbars Sohn, und ch auf einem Hügel nicht weit von der Landstraße; ein eanzösisches Regiment, das in die Stadt einrückte, be- ebte sie; lustig klangen die Trompeten und der Gesang der Solbaten durch die Luft.Sieh, da ziehen sie wieder in," sagte Wilhelm bitter,das Brod unserer Eltern zu

nehmen, das letzte thränenfeuchte Brod. Aber wenn ich nur erst zwei Jahre älter bin, und stark genug, das schwere Gewehr zu tragen, dann soll es bald aus seyn; dann gehe ich hin, den bösen Napoleon zu erschießen, der uns Deutsche haßt, und unserm Fürsten das Land gestohlen hat."Und Du willst mich verlassen, Wilhelm," klagte ich,und sagst, daß Du mich lieb hast?"Ja," sprach er,und dann komm' lch zurück, und reich und mit Ehre bedeckt, fahre ich dann bei Dir, meiner lieben Braut, vor, in dem schönen goldglänzenden Wagen. Doch nein," brach er trübe ab,gewiß, ich kehre nie zurück; aber sag' mir, Louischen, willst Du mir treu bleiben, wenn ich bald sterben muß, treu, wie jene alten Ritter­fräulein, von denen Mutter uns neulich erzählte, die in's Kloster gingen, wenn ihre Geliebten in der Schlacht er­schlagen waren?"Treu bis in den Tod," erwiederte ich. Wenige Wochen darauf starb Wilhelm an einem bösartigen Fieber, das unsere Gäste mitgebracht hatten. Man konnte mich nicht von seinem Bette ferne halten, und auch mich ergriff die böse Krankheit. In meinen Träumen sah ich den verstorbenen Wilhelm oft, wie er sich zu mir neigte, und seine bleichen Lippen mir zuflü­sterten:Treu bis zum Tode."

Ich genaß, Wilhelms Bild verließ mich nie, nie der Gedanke, daß ich, einer Nonne gleich, stets einsam werde leben müssen; kein Mann hat je in der Jungfrau den Wunsch erregt, ihn besitzen zu mögen; nie hab' ich mich an den Gedanken gewöhnen können, es würde für mich eine Zeit geben, wo ich Hausfrau , Mutter seyn würde; gewiß, meine Bestimmung ist, allein den Weg durch's Leben zu wandeln. Einige Jahre nach dem Tode Wil­helms hatte ich den Verlust meines ältesten Bruders zu beklagen, an dem ich mit ganzer Seele hing. An jenem Abend, als wir uns zuerst im Theater sahen, waren meine Gedanken ferne von den lächelnden Bildern, die