Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassaaische» Allgem. Zeitung.
1849. — M 60.
Die S ch w e st e r.
(Fortsetzung.)
Doch besser, als der blöde Schäfer es verdiente, fügte eS die freundliche Göttin Gelegenheit; im furchtbaren Gedränge, das beim Hinausgehen aus dem Schauspielhause entstand, ward meine Nachbarin von dem sie begleitenden Bedienten getrennt, und da gewann ich endlich Muth genug, sie anzureden, und die Bitte zu wagen: ob ich sie nach Hause begleiten dürfe. Dankbar ward mein Anerbieten angenommen; das junge Mädchen nahm meinen Arm, und wir gingen durch die noch sehr belebten Straßen. Einmal über den gefährlichen Schritt des Anredens hinaus, war ich unbefangenen und leichten Herzens geworden; über die eben gesehene Oper, über Die Schauspieler, über das glänzende Leben in der Residenz plaudernd, hatten wir einen ziemlich weiten Weg gemacht, als die junge Dame vor einem großen Hause stehen blieb, und freundlich dankend Abschied von mir nahm.
„Wer wohnt in diesem hellerleuchteten Hause?" fragte ich einen Vorübergehenden:
„Der Staatsrath N."
Unter meinen Empfehlungsbriefen war auch einer an ihn. Um zwölf Uhr am folgenden Morgen stand ich in seinem Vorzimmer. Man sah, der Staatsrath war ein Günstling des Monarchen, es drängte sich um ihn Die Menge der Bittenden, seine Säle wimmelten von elenden Physiognomien, auf denen man die Gier nach Geld, nach Rang, nach Aemtern und unverdienten Ehrenbezeigungen las; wie schämte ich mich so tief auch inmitten dieses Haufens zu stehen! Nach peinlichem Warten wurde ich endlich vorgelassen; während der Staatsrath das Schreiben las, welches ich ihm überreicht hatte, musterte ich den vor mir Stehenden, der, der Sohn eines
armen Landpredigers, aus einem unbedeutenden Subalternbeamten, Günstling des Monarchen geworden war, vielleicht bald das Portefeuille des Ministers erhielt. Doch lag nichts von dem abschreckenden Stolze des Emporkömmlings in den Zügen des stattlichen imponirenden Mannes, vielmehr sprach sich Gutmüthigkeit und Offenheit darin aus. Mir ward von ihm die freundlichste Aufnahme; er versprach, meine Bewerbungen um eine Anstellung kräftig zu unterstützen, — in seinem Hause werde ich stets ein willkommener Gast seyn. „Ich will Sie gleich meiner Frau und meiner Nichte vorstellen, dann aber müssen Sie mich bis zum Diner entschuldigen," sprach er lächelnd, „Sie sehen ja die Menge der Supplikanten, die, um meine Verwendung bei Sr. Majestät bittend, mich täglich wie heute vom Morgen bis Abend quält." Er öffnete eine Seitenthüre, und wir traten in reichverziertes Gemach, in dem zwei Damen saßen; es war die Gemahlin des Staatsraths und meine holde Nachbarin aus der Oper, seine Nichte.
Welch' schöne Stunden hab' ich in diesem Zimmer verlebt; wie manchen Abend saßen wir, wenn Louisen's Oheim und Tante auf Bällen oder Hoffesten waren, allein, und tauschten unsere Gedanken aus, erzählten uns die geringfügigen Begebenheiten unseres Lebens; wie oft sang mir Louise mit ihrer frischen, schönen Stimme heitere Lieder; wie aufmerksam, wie theilnehmend hörte sie meine bitteren Klagen über den jetzigen Zustand unseres Vaterlandes, meine begeisterten Hoffnungen auf eine bessere Zukunft; denn ich hielt fest an dem Glauben, Napoleon werde einst gestürzt, Deutschland wieder das weite, mächtige Reich werden, wie es unser großer Kaiser Karl mit weisem Szepter regierte, so wenig auch etwas im Jahre 1812 zu solchen Hoffnungen berechtigte. — Louise war ein einfaches, stilles Mädchen; in einer kleinen hannoverschen Stadt erzogen, hatte sie schon früh den Wohlstand