Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Raffauische» Allgcm. Zeitung.
1849. — â 48.
△ Jerome Paturot auf dem Wege zur Aufsuchung der besten Republik.
! (Fortsetzung.)
Der Aufruhr war auf's Höchste gestiegen; keine menschliche Macht hätte ihn zu dämpfen vermocht. Die Leichtfertigkeit in den Aeußerungen hatte ihre letzte Schranke erreicht; die Leichtfertigkeit in den Geberden vereinigte sich bereits mit ihr. Die jungen Leute sprachen bereits davon, die Lampen auszulöschen, die Sünderinnen lach- ten wie Ausgelaffene. Es war wirkliche Gefahr vorhanden, ich näherte mich Malvina. Im Anfänge hatte sie diesen Auftritt von der spaßhaften Seite aufgenommen; als die Sachen aber ausgeartet waren, runzelte sie die Stirn und warf auf die Ränkeschmiede Blicke, welche eines Jupiters würdig waren. Man sah, daß sie'dieselben zurückzuhalten versuchte, indem sie sich selbst beherrschte. Das war zu gleicher Zeit ein Kampf nach Außen und ein Kampf im Innern. Endlich entschlüpfte sie mir im kritischen Momente so zu sagen aus den Händen, spaltete diese verworrene Menge und erstieg wie ein Pfeil die Stufen der Estrade. Diese ungestüme Bewegung, diese Erscheinung, führten eine plötzliche Umwandlung in dem Zustande der Gemüther herbei.
„Sie wollen Frauen an dem Büreau? rief meine Frau mit siegreicher Gebehrde aus, hier ist eine!"
Ein Gemurmel der Zustimmung empfing diese Erklärung; die Versammlung erklärte sich besiegt. Malvina trug den Kopf nicht, wie Jedermann, es lag in ihrer Miene und in ihrer Stimme ein Etwas, um weit unruhigem Köpfen zu imponiren. Man schwieg daher,- man hörte.
„Und daß sich jetzt Niemand rührt! fügte sie hinzu, ich besorge die Polizei des Lokales."
Dank dieser unvorhergesehenen Diversion konnte der Klubb wieder ein wenig Ruhe finden und den regelmäßigen Gang seiner Arbeiten wieder vornehmen. ^Durch ein Wunder gerettet, erschöpfte sich die Präsidentin in Danksagungen gegen Malvina. Sie glaubte, daß der Engel ihrer Theorien vom Himmel herabgekommen wäre.
„Meine Schwester, sagte sie zu ihr, was verdanke ich Ihnen nicht?"
„Es ist gut, antwortete ihr meine Frau; besorgen Sie Ihre Geschäfte mit diesen Herren, späterhin werden wir unsere Rechnung abschließen."
Das Programm nahm seinen freien Lauf; man plauderte über die Frauen und ihre Stellung in der modernen Gesellschaft. Die Präsidentin hatte eine sorgfältig vorbereitete Homilie; sie schüttete sie in langen Strömen über den gebändigten Klubb aus. Mehr als einmal empörte er sich, er verlangte Gnade. Malvina erhielt daS Recht des Redners gegen Jeden aufrecht. Gern oder ungern, der Klubb war genöthigt Alles anzuhören; er lernte daS Leben der Kammerjungfern, daS Loos der Stickerinnen und daS Schicksal der Putzmacherinnen von Grund aus kennen.
Als die Präsidentin auf diese Weise daö Publikum mißbraucht hatte, berief die Ordnung deS Programms andere Redner. Es waren zum größten Theile Frauen über daS jugendliche Alter hinaus. Die Tribüne schüchterte sie ein, und keine von ihnen fand die nöthige Geistesfreiheit wieder, um den Klubb lange zu ermüden. Die Sitzung nahte daher auS Mangel an Rednern ihrem Ende, als ein junger Mann aus dem Kreise heraustrat und mit studierter Langsamkeit auf die Estrade zuschritt. Er war blond, seine Wangen schmückten sich noch mit dem Flaume des Jünglingsalters. In dem AuSdrucke seiner blauen Augen, in seinen gerundeten Bewegungen zeigte sich etwas Weibisches, das seine Gegenwart auf