Der Wanderer.
gclletristischks Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1849. — .1" 43.
△ Snjienne.
die Schande zu ersparen, um seinen letzten Seufzer zu empfangen. Mit einer von Schluchzen unterbrochenen Stimme, geschlossenen Augen und den Kopf nach Hinten auf die Rücklehne ihres Stuhles gelehnt, bittet sie den Abbe, sie mit einem Worte, einem Zeichen von dem verhängnißvollen Augenblicke zu benachrichtigen.
Doch plötzlich öffnen sich ihre Augen auf erschreckende Weise, ein elektrischer Schlag läßt sie aufspringen, ein schrecklicher durchbohrender Schrei entreißt sich ihrer Brust.
Milon, Milon selbst ist da, lebend, zwei Schritt von ihr!... Ist es ein Traum? ist der Tod gekommen, ist sie nicht mehr unter den Menschen?... Sie glaubt eS, denn eine ungewöhnliche Vision erscheint vor ihren Augen. Das schöne Antlitz ihres Gatten strahlt in einem Hellen Lichte, weiße Blumenguirlanden umkränzen seine Stirn, umwinden seinen Körper, und um ihn herum halten sechs junge Mädchen ihn mit diesen Guirlanden umschlungen... Ein Volkshaufe erfüllt das Gemach; sie sieht den Abbe Gilbert, ihre Mutter, die Pächterin um sich; Milons Augen drücken Verzeihung, Glück, Liebe aus. Er reicht ihr die Arme entgegen, sie stürzt sich hinein, sie wird ohnmächtig in denselben.
Die Freude ist nicht tödlich... Man erweckt sie wieder, man erklärt ihr Alles. Milon ist durch das Privilegium der Canonici der Normandie gerettet: Milon hat den Ruhm des heiligen Romain erhöht.
Vor achtzehn Tagen nämlich traten vier Canonici in die große goldene Kammer während des Verhöres, das man unterbrach, um sie zu empfangen. Sie geboten dem Parlament, jedes weitere Verfahren gegen die Ge- fangenen einzustellen, wer sie auch seyen und wie viel auch ihre Zahl betrage, die jetzt in den Gefängnissen der Stadt sich befänden. Von nun an gehörten alle jene Gefangenen dem Kapitel. In der Betwoche hat es sie heimlich und getrennt befragen lassen. Heute richteten
(Schluß.)
Jetzt beginnt eine feierliche Zeremonie. Der Ver- rtheilte fällt auf die Knie nieder vor dem Heiligthum nd küßt es mit Inbrunst. Dann neigt er seine Stirn or dem Erzbischöfe. Die ergreifende Stellung des Prie- ers, seine ernste Stimme, seine Gcberden, die auf den limmel deuten, kündigen an, daß er noch ein letztes Rai diesem Manne sein ganzes Verbrechen vorhält. )ann befiehlt er ihm, bad Confiteor zu beten. Der Ge- mgene gehorcht. Er bittet Gott und die Menschen um Vergebung. — Dann findet ein kurzes Schweigen statt, ine feierliche Erwartung hält den Athem der Menge n, tiefe Bewegung bemächtigt sich einer jeden Brust, ndlich spricht der Geistliche die Gebete der Absolution üt langsamer Stimme und die Hände auf das Haupt es Schuldigen legend, während die, Fahne der heiligen ungfrau und das Kreuz des Erretters sich ebenfalls uf dies von Reue niedergebeugte Haupt neigen. Dann 'chrt er den Gefangenen zu der. Reliquie des heil. Ro- iain und läßt ihn dieselbe dreimal küssen.
Sogleich durchzittert ein einziger, donnernder gigan- scher Schrei die Luft. Die goldbedeckte Menge umgibt Rilon auf der Plattform. Er ist verschwunden.
Schon ist Luzienne nicht mehr auf Erden. Versenkt r ihre Betrachtung, mit aller Kraft jeder Handlung ilgend, jedes Wort ihres Gatten auffangend, das ihr er Abbe Gilbert muthig erklärt, fühlt sie nicht mehr ie Stärke in sich, zuzusehen ... Jener furchtbare Volkschrei, jener schreckliche Ausbruch hat sie wie ein Todes- gnal betroffen. Jene Priester, die plötzlich Milon umeben habhl, scheinen ihr da zu seyn, um dem Volke as Menschenopfer zu verbergen, um dem Schuldigen {