Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung,
1849. — â 41.
ASu$tenne.
(Fortsetzung.)
„Einem alten Gebrauche zufolge wird jeder Gefangene insgeheim vor sie gerufen in eine verschlossene Kammer, und sie drangen ihn, auf den Knieen, die Hand auf dem Evangelium neben dem Kruzifix, sein Verbrechen, wie es sich wirklich verhält, zu bekennen, hätte er auch den Richtern gänzlich die Wahrheit verborgen. Der Kapitelschreiber notirt daS Bekenntniß, welches später laut vor dem versammelten Kapitel abgelesen wird."
„Ich begreife, unterbrach mit bitterm Tone die Pächterin, aber Milon wird ein öffentliches Bekenntniß seiner Schande nicht ablegen."
„Das eben bringt mich zur Verzweiflung. Ich hatte dafür alles gethan. Der Offizial und seine Richter, alles bot die Hand dazu . . . aber an seinem Starrsinn scheitert Alles."
„Er denkt nicht an die Schande des Schaffots .... an seine größere Schande, die auf uns haften bleiben wird ..."
„Er muß nachgeben! erwiderte der Abbe heftig, er muß eS, ich will's!
„Und jetzt will ich es auch! sagte die Pächterin."
Als sie dann Luzienne und Madeleine in der Allee mit dem Priester kommen sahen, sagte sie:
„Ruhig! Es gibt ein Mittel. Entfernen Sie sich, und kehren Sie morgen zur selben Stunde zurück."
Als Gilbert am folgenden Tage ins Kloster zurückkam, stellte ihm die Pächterin nachstehenden Brief zu, der an Milon gerichtet war:
„Mein Herr!"
„Ich bin zwar sehr unwürdig, Ihnen zu schreiben, aber Ihre Mutter befiehlt es mir, und wie ich ihr in
allen Stücken gehorche, die sie für gut hält, so bin ich auch genöthigt, Ihnen diesen Brief zu übersenden. Ich will Ihnen sagen, daß ich jeden Morgen beim Erwachen Ihre Mutter um Vergebung anflehe. Dann beschäftige ich mich unaufhörlich damit, das Tuch zu nähen, daS Sie umhüllen soll, und beständig fürchte ich den Augenblick, wo Sie durch meine Schuld sterben werden. Ich bete viel Tag und Nacht, denn ich schlafe fast nicht. Ich fühle, wie allmälig in unmerklichem Grade mein Leben schwindet, so sehr leide ich, und ich fühle, daß ich in Folge Ihres Todes oder vielleicht noch 'zu gleicher Zeit mit Ihnen sterben werde.
„Man hat mir gesagt, daß Sie sich weigerten, die ganze Wahrheit zu bekennen, weil sie eines Tages öf- * fentlich werden könnte. Ach! Sie denken nicht daran, daß an jenem Tage Ihr Tod Ihre Schande richterlich verhüllen wird; daß das Geständniß den Schmerz Ihres Todes für Ihre Mutter schwächen wird, weil man sehen wird, daß diese Strafe nicht verdient war, und daß nur ich allein, wenn ich es überlebe, mit Schimpf bedeckt werde. Ich bitte Sie, dieß Geständniß zu machen.
„Ich versichere Ihnen, daß ich auf Alles gefaßt bin. Ich kann Sie nur beschwören, als Christ zu sterben, zu bedenken, daß Diejenige, die Ihnen schreibt, sehr verschieden ist von Derjenigen, die Sie gekannt haben, und daß Alles durch den Tod geläutert wird.
„Ich kann Ihnen nichts mehr sagen, denn ich bin sehr schwach, und habe keine Gedanken mehr.
Möge Gott Sie beschützen und Ihnen seine Gnade angedeihen lassen, so viel eine arme Frau, wie ich, es von ihm erflehen kann. Luzienne Aillaud.^
An demselben Abend noch kehrte der Abbe zurück, um mit apostolischer Freude zu verkünden, daß der Versuch gelungen sey. Milon hatte zitternd den Brief von Luzienne gelesen; dann hatte er eine Zeit lang geweint.