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Der Wanderer.

Bklletristifchcs Beiblatt zur Naffamschm Allgcm. Scituiig.

1849. ^s 37.

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(Fortsetzung.)

Und die zweite Stunde des Morgens? Die Bau­ern von Maromme, welche die Schüsse gehört haben und die alle in der Aussage übereinstimmen, daß es zwei Uhr Morgens gewesen sey? Nun, sie schliefen sie haben sich getauscht! Milon sagte Ihnen: Es war Mitternacht. Und dann kommt Aubry nicht weiter als aus dem Schlosse her, Aubry ist erst seit einer halben Stunde weggegan­gen; und wenn er einen gefährlichen Umweg nimmt, so geschieht es nur in der Absicht, daß die halbe Stunde ausgefüllt werde, es ist eine militärische Erinnerung, eine amerikanische Fantasie. Die Mutter, die Frau, die Schwie­germutter Milons konnten reden, konnten vielleicht seine Vertheidigung auf einem siegreichen Terrain führen. Mi­lon legt ihnen Schweigen auf, und außerdem verbietet das Gesetz, sie zu vernehmen.

Endlich war noch ein Zeuge übrig, ein sehr wich­tiger Zeuge, der die Kindheit des Angeklagten geleitet hat, der ihn von Grund aus kennt, der weiß, ob cs mög­lich ist, daß Milon der Mann für die Anklage seyn könne. Aber dieser Zeuge ist ein Priester, eine geheiligte Person, der nur in Ausnahmsfällen von Ihrer Justiz abhängt, und der Offizial des Erzbisthums bewilligt nur seine schriftliche Aussage zu unsern Versammlungen. Nach dieser Aussage hat der Priester Gilbert selbst d'Orizelle - in der Meierei empfangen, er hat selbst eine Gefahr be­fürchtet, er selbst hat Milon benachrichtigt; er hat mehrere vertrauliche Mittheilungen deßhalb erhalten, aber keine ging weiter, als Befürchtungen auszudrücken, und der Abbe betrachtete diese Befürchtungen als übertrieben: er »ah in der Eraltation Milons die Frucht einer zu strenge ausgeübten Zurückhaltung, und ich bitte, jene letzte Er-

j klärung des trostlosen Priesters festzuhalten, der nicht be- i greifen kann, daß weder Antipathie, noch Misanthropie ' noch Stoizismus einen Menschen wie Milon gerades­wegs zu einer solchen Mordthat ohne thätliche Beleidi­gung, ohne heftigen Anlaß hat bringen können. Ihm zufolge gibt es einen Abgrund zwischen der Seele Milons, so ungestüm es auch war, und dem Verbrechen.

Mit einem Worte: eristirt dieser materielle unwider­stehliche, zu entschuldigende Anlaß zum Morde, wie es bei der Feststellung des Thatbestandes angenommen ist? iNein, Hoffen Sie das nicht. Ist Milon von d'Orizelle i auf eine Weise beleidigt worden, die man nie vergibt? : Niemand sagt es, und er will es Ihnen auch nicht sagen, l Seit gestern ist er stumm, in der Haltung, die Sie noch an ihm sehen. Während seiner dreimonatlichen Gefangen­schaft hat er Niemand jehen wollen, man konnte nicht ein einziges Wort aus ihm herausbringen. Sein Ad­vokat hat selbst nicht mit ihm verkehren können.

Was bedeutet das, meine Herren? Ist eS nicht augenscheinlich, daß dieser Mann, mit einer höheren Geisteskraft begabt, mit einem Blicke die ganze Sachlage im Augenblicke deS Mordes begriffen, daß er dann die Kette gebrochen und selbst den Knoten des Streites hat lösen wollen? Die wahre Antwort der Angeklagte besitzt sie, er behält sie für sich. Warum denn? Weil sie seine Entschuldigung enthält, und Milon will weder entschuldigt, noch gerettet seyn. Doch! ich, ja ich werde ihn wider seinen Willen retten."

Das ganze Auditorium schauderte. Der Advokat benutzte diese Wirkung und fuhr kräftig fort:

Milon ist kein Meuchelmörder; Milon ist ein stol­zer Mensch, der das Gewicht einer großen Beleidigung und eines großen Unglücks nicht tragen will, und der sich zugleich vorgenommen hat, sich zu rächen, uns zu täuschen und zu sterben.