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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

IMO. .1" 36.

S 11 j t c n II c.

(Fortsetzung.)

Es war in der großen goldenen Kammer des Par­laments.

Zu seiner Rechten öffnete sich der furchtbare Kreis des Tribunals. Auf den hohen Sitzen befanden sich die Präsidenten, die Räthe und die Gerichtsschreiber; an diese reihten sich die Leute des Königs, Amtleute, Pro­kuratoren, Staatsanwälte und dergleichen, die mit der obern Reihe einen Senat von schrecklichem Ansehen bil­deten.

Im Zentrum und an der Spitze, unter einem präch­tigen Baldachin, und in allem Glanze einer souveränen Majestät, saß der erste Präsident. Zur Linken des Abbe war eine dichtgedrängte Masse von Zuschauern, hinter den Bayonnetten der Soldaten.

Vor ihm zwischen dem Tribunal und der Barriere befanden sich die Advokaten, die Huissiers, die Geschwor­nen, die bevorrechteten Zuschauer und die Zeugen.

Man saß über Milon zu Gericht.

Ein Advokat stand auf und plaidirte. Er sprach mit hinreißender und durchdringender Kraft folgender­maßen:

Lassen Sie uns, meine Herren, diese unerhörte Thatsache kurz wiederholen. Zuerst die Anklage. Eine edle Familie nimmt einen Dichter vom Lande auf. Aber die Poeten sind undankbar, welchen Fehler haben nicht die Poeten? Dieser verläßt seine Wohlthäter und geht nach Versailles, wo er stirbt. Unermüdlich in seinen Wohlthaten will das Haus Remalard die Tochter des Michel Aillaud adoptiren. Ein junger Mann befindet sich dort, der der Chef der Familie des Poeten geworden ist. Dieser junge Mann wird bei seinem Auftreten im

Leben von den niedrigsten Leidenschaften getrieben. Er haßt die Großen, er haßt die Menschen. Er begehrt in seiner Kousine eine Frau, die er nach seinen anti-sozialen Doktrinen erzogen zu haben glaubt. Dieser junge Mann ist Milon, der Angeklagte. Unterstützt von seiner Ver­wandtschaft läßt er sich von der Wittwe des Poeten Vollmacht geben, und hält das junge Mädchen in seinem Hause bei sich zurück. -

Im Schlosse, wo man die Beleidigung noch fühlt, kommt d'Orizelle an.. . Er ist ein Edelmann, Ver­wandter von Remalard; er besitzt alle äußerlichen Vor­züge, die man in dieser Welt bewundert, Alles, was Mikon fürchtet und verabscheut. Man kennt seinen Cha­rakter nicht, aber bald erscheint dieser Charakter in den Augen der Gräfin und ihrer Gäste als ein Wunder von Erziehung und Sanftmuth. Er geht, ohne zu sagen, daß man ihn von Allem unterrichtet. Der Zufall, sagt man, führt Milon und d'Orizelle zusammen. Der Edel­mann redet den Bürger an, spricht lobend und achtungs­voll zu ihm. Milon antwortet ihm nur herausfordernd. Die beiden Gegner trennen sich. d'Orizelle hat die Rechte des Schlosses vertheidigt und einen Augenblick nachher ist Luzienne vie Verlobte Milons, nach vierzehn Tagen seine Frau.

Der Zufall, meine Herren, führt die junge Gattin zu einem Feste bei der Gräfin. Der Edelmann erfüllt die Pflicht der gewöhnlichsten Höflichkeit, indem er sie nach Hause zurückführt, und zwei Tage nachher bringt ihn der Zufall wieder Milon in den Weg und Milon tödtet ihn nach Art der Räuber.

Das ist die ganze Anklage. Nichts mehr, nichts weniger. Dieses System, das aus Milon einen so schrecklichen Menschen macht, dieses System entspringt aus den Thatsachen. Die Kläger, die Belastungs- und Entlastungszeugen, Alles stimmt überein, Alles tragt