Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1849.
JW 33.
/X L u z i e n n e
(Fortsetzung.)
X.
An tiefem Tage war Luzienne gegen sieben Uhr Norgens aufgewacht, da sie in dem großen, neben ihrem Zimmer befindlichen Saale Gehen und Kommen hörte. Sie war plötzlich erwacht, obgleich das Geräusch nicht chr stark war. Sie richtete sich mit einer konvulsivischen Zewegung in ihrem Bette auf, und sich mit den Händen n die Stirne greifend, sagte sie:
„Es ist kein Traum!"
Zu gleicher Zeit waren ihre Hände auf ihre Knie nrückgefallen.
Doch plötzlich erhob sie ihr Haupt, sprang aus em Bette und öffnete das Fenster. Sie athmete die :eie Luft in langen Zügen ein und kleidete sich darauf lit großer Sorgfalt an. Dann vor-dem Spiegel stehen leibend, sagte sie:
„Ich bin jung, stark und schön... Was hatte man enn nöthig, mich in solche Verzweiflung zu stürzen?"
Dann auf's Gerathewohl ein auf ihrem Tische lie- endes Buch ergreifend, wollte sie in den Saal Hinausehen, als sie dort die Pächterin sprechen hörte, die der Ragt mehrere Anweisungen gab und sich, wie gewöhn- ch, bereitete, auf das Land hinauszugehen.
Schon am vorigen Morgen hatte Luzienne nicht eher ewagt, in den Saal zu treten, als bis die Pächterin 'eggegangen war.
Auch diesen Morgen zögerte sie noch, die Thüre zu ffnen; aber sie runzelte die Stirne und sagte zornig ei sich:
„Diese Frau flößt mir noch Furcht ein; aber Ge- uld! es wird ein Tag kommen, man hat es mir gesagt,
wo ich meine Freiheit wieder haben werde, wo sie mich vielleicht um die Ruhe ihres Sohnes bitten wird, und wo ich sagen werde: da ist die Frucht Eurer That!"
Und nachdem sie einige Gänge in ihrem Zimmer gemacht hatte, sagte sie:
„Man muß ein Ende damit machen..."
Sie horchte von Neuem, si-e versicherte sich diesmal, daß die Pächterin sich entfernt hatte; sie öffnete die Thüre und trat in den Saal.
Die Magd war allein darin.
„Guten Tag, Madame," sagte fröhlich das gute Mädchen zu ihr, die einst ihre Gespielin war.
Aber Luzienne antwortete nicht; sie durchschritt stolz den Saal und begab sich in den Hof. Dort traf sie den Kutscher und sagte:
„Grand-Jean, wann könnt Ihr anspannen und mich in die Stadt fahren?"
„In einer kleinen Stunde. Ich will eben die Pferde füttern."
„Gut. Beeilt Euch!"
Luzienne kehrte in den Saal zurück und setzte sich auf ihren gewöhnlichen Platz an dem Fenster, das nach dem Hofe hinausging. Sie öffnete das Buch, das sie in der Hand hatte und fing an zu lesen, ohne sich recht bewußt zu werden, was sie las, und blos in der Absicht^ das Mädchen los zu werden, welches sich beständig um sie zu thun machte.
Endlich sagte diese:
„Unser Fräulein ist sehr stolz geworden, seit sie eine Dame ist. Sonst hätte sie mich nicht allein bei meiner Arbeit gelassen; besonders da die Herrin fort ist und ich -doppelte Arbeit habe."
Luzienne erhob das Haupt und sagte:
„Wo ist sie denn heute?"
„Die Herrin? Sie ist im Kloster Sainte Anne, Sie