Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
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1849. — M 30. ---------
△ 2 u j i e n n e.
(Absetzung.)
Die andere Stimme fuhr fort, ohne zu hören:
„Wie! Sie haben so viel Klugheit, so viel Beharrlichkeit angewandt, um eine arme Frau vom Lande in den Abgrund zu stürzen4 Und dann lassen Sie sie im Stiche? Was war sie Ihnen denn?"
„Ach, sie galt mir Alles! Seit sechs Monaten habe ich Alles vergessen, Alles aufgegeben, Alles geopfert... Man hielt mich für toll; man wußte nicht, daß ich Sie liebte... Man wird es jetzt ahnen... wenn ich einen Tag länger bleibe..."
„Aber ich liebte Sie nicht, und jetzt... jetzt verursachen Sie mir Furcht!... Was uns bindet, ist eine Kette von glühendem Eisen, die man nur während meines Schlafes umgeworfen hat... Ich will Sie lieben, verstehen Sie! Ich habe nur das noch... Sie sind es mir schu'dig... ich will die Zeit hèn, Sie zu lieben... Wenn Sie meine Liebe nur bedürfen, so bleiben Sie, mein Herr! bleiben Sie!..."
„Du bist schön in deiner Verzweiflung !... O! ich wollte... Aber nein, das würde Sie zu Grunde richten. Ich muß fort. Sie müssen mich lieben, Sie haben es gesagt; — und wohin wird meine Abwesenheit Sie führen? — Sich selbst überlassen, werden Sie sich aufreiben, werden Sie mit leeren Fantomen kämpfen. Die Vernunft wird Sie jedoch aufklären. Sie werden über die Schrecknisse lachen. Sie werden sich meiner Zärtlichkeit Ierinnern, meiner Rechte; Sie werden mich lieben; so wird ies kommen."
„Sie glauben, daß es so kommen wird?..."
„Zweifeln Sie daran nicht. Eine Abwesenheit von wenigen Tagen wird das vernichten, was Sie Gewissensbisse nennen und das nur das erste Staunen des Skla
ven ist, der sich gegen seinen Herrn bewaffnet. Ja, Sie werden endlich erfahren, daß das Leben größer ist, als man es Ihnen vorgespiegelt hat. Sie sollen jetzt anfangen, es zu genießen, ich habe die Hindernisse besiegt. Sie müssen fort! Die Unschuld ist wohl in zarter Jugend an ihrem Platze. Im günstigen Augenblicke muß man sich ihrer entledigen. — Komm, Du bist schön, komm mit mir! Laß uns zusammen fortgehen. Komm, wir wollen von einer Welt zur andern ziehen; wir wollen mit offener Stirne gehen; Du wirst mein Stolz seyn, ich werde Dich vor aller Welt bekennen!..."
„Ach! ja Sie wollen mich retten, nicht so? Ich begreife! mich reiten!... Sie wollen das Gestohlene weit fortbringen und es dann ungestört genießen. Hier fürchten Sie sich."
„Ach! schweigen Sie! Begreifen Sie nicht, wem Allem ich Trotz bieten würde..."
„Wirklich! vor aller Welt! wie Sie sagen, aber nicht vor einem gewissen Manne... Ja, Sie haben Furcht... So lange die Leidenschaft Sie verblendete, haben Sie Allem getrotzt... Heute sehen Sie klar, Sie ermessen den Abgrund, Sie fürchten sich..."
„Unglückliche! Du sprichst Dein Urtheil aus! Weißt Du nicht, gefühllose Frau, daß das, was mich verlockt hat, die Drohung ist, die Du jetzt aussprichst? Nun wohlan, ich werde bleiben!"
„Ach! das ist besser! das ist es... ich glaube Ihnen... Sie wollen bleiben!..."
„Ja! aber hören Sie mich an. — Dieses tragische Glück, dieses Glück, das mir gefällt, — ja ich will eö verlängern! — Der Augenblick, in dem wir sind, ist kritisch. Meine Abreise wird für Sie nicht stattfinden, aber für die Welt muß es seyn. Man muß mich hundert Meilen von hier glauben."
„Hören Sie mich wohl an.— Ich habe im Schlosse