Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen
Zeitung.
1849. — M 27
△ 8 M j t e M n e.
(Fortsetzung.)
Sogleich beschäftigten sich die Frauen der Gräfin, die unterdessen gerufen und in zwei Worten instruirt waren, mit dem armen Kinde. Die Einen fingen an sie zu fristren, die Andern entledigten sie ihrer bäuerlichen Kleider, und bekleideten sie mit einer Robe von weißem Mousselin. Ein Perlenschmuck schlaug sich um ihren schönen Hals , eben solche Armbänder zierten ihre nackten Arme.
„Gott, wie schön sie ist, meine Damen! rief die Gräfin aus. Kommen Sie, mein Kind, stützen Sie sich auf mich, verlassen Sie mich nicht und seyen Sie ohne Furcht. Sie sollen sehen, wie schrecklich die Welt ist, die man Ihnen verbietet."
Die Gräfin gab Luzienne den Arm, und führte fie zur Stelle.
„Ein wenig Muth! sagte sie zu ihr. Wir wollen erst soupiren; das wird Ihnen Kraft geben."
Sie führte sie durch den ersten Salon, der in diesem Augenblick, sowie alle Andern verlassen war; im Hintergründe desselben öffnete sie eine Thüre, auf der den Fenstern gegenüberliegenden Seite.
Luzienne sah sich Plötzlich in einem herrlichen Eß- iaale, wo bereits die ganze Gesellschaft sich versammelt ^atte. Die Männer, stehend, bemühten sich eifrig um Die Damen, die einen blendenden Kreis um die mit den kostbarsten Gerichten verschwenderisch besetzte Tafel bildeten. Der Reichthum der Kleider und des Tafelgeschirrs, )er Glanz der Lichter, das Liebesflüstern aller dieser Stimmen, die auf tausendfache Weise zu gefallen strebten, ■ ergriffen, sie auf wunderbare Art.
Sie sah sich selbst an der Tafel sitzen, neben der mermüdlichen Gräfin, die sie nicht zu Athem kommen
ließ, indem sie ihr zärtlich zuredete und sie wie ihre Tochter behandelte. Die Blicke Luzienne's begannen mit einem unbestimmten Ausdrucke in der sie umgebenden Gesellschaft umherzuirren. Einen vermißte sie, und zwar Einen, den sie anfangs mit Furcht, allmählig aber mit einem leisen Vorwurfe suchte.
Plötzlich empfand sie eine tiefe Bewegung. Aubry war da, er stand neben der offenen Thüre. — Er war es, in der eleganten und kriegerischen Uniform eines Obersten; bleich, schweigend betrachtete er Luzienne, durch deu ganzen Raum des Salons von ihr getrennt.
Indessen hatte der Tanz aufgehört. Das Orchester stimmte leisere Akkorde an, um melodische Stimmen zu begleiten. Die Arien Mozart's, Cimarosa's, Gretry's, die leidenschaftlichen Gesänge des Orpheus, Paris, der Armida entzückten daö Auditorium. — Plötzlich tritt ein tiefes Schweigen ein. —. Drei Harfen fangen an zu präludiren, dann begleiten sie eine Frauenstimme, die sich mit Zartheit und Melancholie erhebt, während ein Chor von jungen Mädchen in Pausen einfällt.
Schweigende Rührung ward durch dieies Lied hervorgebracht. Aber das allgemeine Entzücken war nichts im Vergleich zu dem, das sich Luzienne's bemächtigt hatte. Unbeweglich, ganz in Gedanken versunken, das Haupt nach vorn geneigt hört sie noch...
In diesem Moment, während die übrige Gesellschaft bereits wieder durcheinander wogte, bemerkte sie, daß man sie anred-ete, und sah die Gräfin vor sich, die den Vikomte an der Hand hielt:
„Danken Sie dem Herrn, sagte sie, er hat uns eben dies Bruchstück einer Cantate Ihres Vaters aus Wien mitgebracht."
„O Himmel!"
„Wozu der große Gluck selbst die Musik komponirt hat. Zugleich stelle ich Ihnen meinen Neffen, Hrn. Aubry