Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur
Allgem. Zeitung.
1849. — Jtë S6.
A S u $ t c n n e.
(Fortsetzung.)
Luzienne bejahte es durch Zeichen und fügte mit schwacher Stimme hinzu:
„Es scheint mir, Madame, daß ich Sie kenne."
„Sehen Sie!" rief die gute Dame, „sie kennt mich! Ja, mein Täubchen, - ich bin die Gräfin von Remalard, die Sie so sehr verzogen hat, als Sie klein waren."
Luzienne war nicht im Stande, sich dessen zu erinnern. Als sie hörte, daß sic im Schlosse sey, fühlte sie nur eine leichte Ueberraschung.
„Im Schlosse!" sagte sie, eine Hand an die Stirn legend.
DaS war Alles.
Die Gräfin fuhr fort:
„Sie sind darüber erstaunt. Das ist natürlich. Die Erinnerung ist noch nicht wieder da. Sie wissen nicht, meine Liebe, daß Sie vor einer Viertelstunde fast todt am Ende meiner Allee lagen. Es hat Sie Jemand dort im Vorbeigehen gesehen und Sie hierher bringen lassen. Was machten Sie denn ganz allein, mein Kind, zu dieser Stunde auf der Landstraße?"
„Ich weiß nicht... sagte Luzienne unsicher. Ich habe mich gefürchtet, ich glaube... Ich hatte einen bösen Traum... Ich rettete mich auf das Land..." Dann setzte sie, die Augen auf die Zimmer richtend, hinzu: „Ein Fest... im Schlosse..."
„Ein böser Traum... Ach! mein Gott! der mußte sehr schrecklich seyn..."
„Ja... ja... ich habe gelitten... viel gelitten..."
„Sehen Sie! Sehen Sie! Ich wußte, daß sie nicht glücklich war. Das ist das Werk jener Männer! WaS haben Ihnen denn jene Bösewichter gethan?"
Luzienne antwortete in demselben Tone:
„Ich kann mich nicht erinnern... Es gibt Jemand... der mir viel Böses gethan... ich habe gekämpft so viel ich konnte... es geschieht wie ich gehofft... man ist mir zu Hülfe gekommen..."
„Liebe Kleine! ES muß Dein Vater seyn, der Dich hierher sendet. Man hat Ihnen Uebles gethan! Ist es die Pächterin? Ist es dieser Spitzbube von Pfarrer, den eine gute That immer reut? Oder ist es Herr Milon, Ihr Gatte? Wie nennt doch mein Neffe diese Engländer? Ah! Puritaner! Puritaner! das ist meiner Treu wohl der Name des lieben Herrn Milon. Er hat sonst viel Unrechtes verübt; er hat es noch heute gethan, dessen bin ich gewiß. Wenn dieser Mensch jemals in meine Hände fällt, so möge er sich hüten! Aber Sie hören mich nicht, meine Liebe..."
Luzienne hatte wirklich auf all' das Gerede nicht Acht gegeben. Bei den ersten Worten schon hatte sich ihre Aufmerksamkeit von diesen ab und dem Geräusche des Festes zugewendet, das man in der Nähe hielt. Sie lauschte auf die fernklingende Musik, sie athmete die warme und wohlriechende Atmosphäre. Sie achtete nicht mehr auf ihre Umgebung. Mit starrem Blicke und einem Lächeln auf ihren Lippen horchte sie in die Ferne.
Frau von Remalard, die es bemerkte, näherte sich Luzienne, die noch immer vor sich hinstarrte, und sagte, ihre Hand ergreifend:
„Fühlen Sie sich stark genug, mein Kind, um sich aufrecht zu erhalten?"
„Ja! Ja! sagte Luzienne, noch immer in Gedanken."
„Wohlan, schnell! mein Engel, geben Sie mir die Hand , stehen Sie auf, setzen Sie sich in diesen Stuhl vor dem Spiegel, und lassen Sie uns machen."
(Fortsetzung folgt.)