Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur
Allgem. Zeitung.
1849. — M 25.
△ Sujiennc.
(Fortsetzung.)
Ihren Worten folgte die That auf dem Fuße. Sie nahm einen Mantel um, öffnete das Fenster, das auf einen kleinen mit einer Hecke umschlossenen Garten, der hinter der Meierei lag, hinausging, und sprang auf den Rasen hinab. In demselben Augenblicke schienen im Innern deS kleinen Gartens zwei Männer aus der dicht- belaubtenZHecke zu kommen, sie näherten sich schnell, obgleich geräuschlos, dem Gartenthore, durch das Luzienne den Garten verlassen mußte. Der Eine von den Beiden war mit einem goldgestickten Mantel bedeckt, sein Schritt war lebhaft und stolz.
„Was bedeutet das, sagte er leise. Man sollte sagen, sie habe uns gesehen oder vermuthet? Lauf, Leguil- lon, verlier sie nicht aus dem Gesicht. Es ist unmöglich, daß sie sehr weit geht. Sey immer hinter ihr, in einer Entfernung von zwanzig Schritten."
Während der Bauer verschwand, um dem Befehle nachzukommen, ging der Mann nachdenkend dem Hause zu.
„Armes Kind! murmelte er. Es ist Wahnsinn, Tollheit... Ach! ich liebe sie! Seit fünf Monaten hat mich ihr Bild durch ganz Europa verfolgt. Studien, Ehrgeiz, Alles hat sie in den Hintergrund gedrängt... Und in drei Tagen..." hier machte der Mann eine bezeichnende Bewegung und sagte barsch: „Man muß ein Ende damit machen! Es gibt nur eine Frau, die ich liebe, und einen verhaßten, gefährlichen, unversöhnlichen Rival..."
" So sprechend, folgte er demselben Wege, den Le- guillon eingeschlagen hatte.
Luzienne hatte diese beiden Männer nicht gesehen. Sie eilte schnell vorwärts; sie erreichte die Landstraße, und folgte ihr eine Zeit lang, allein, in der Dunkelheit.
Sie näherte sich bereits dem Walde, aber sie fühlte auch schon ihre Kräfte nachlassen. Sie dachte zu spät daran, daß sie seit dem Morgen keine Nahrung hatte zu sich nehmen wollen. Sie hatte Furcht. Kalter Schweiß ergriff sie. Sie wollte umkehren und hatte ungefähr dreißig Schritte wieder nach der Meierei zu gemacht, als ihre Kräfte sie verließen. Sie fühlte, daß ihre Natur unterliegen würde. Sie schleppte sich an den Rand des Weges, und sich mit einer Hand gegen einen Baum stützend, fiel sie auf ihre Kniee und richtete ein heißes Gebet zum Himmel:
„Mein Gott! willst Du mich verlassen! Mein Gott! willst Du mir nicht beistehen..."
Sie wollte sich wieder erheben. Aber diese letzte Anstrengung erschöpfte sie vollends. Das Land, der wolkige Himmel, der Baum, an den sie sich lehnte, alles drehte sich mit reißender Geschwindigkeit um sie, und ohne Bewußtseyn fiel sie sogleich auf den Boden hin.
In Folge der rückgängigen Bewegung der jungen Frau befand sich der Bauer, der ihr folgte, nur noch zwei oder drei Schritte von ihr. Er warf sich auf die Seite, als er sie zurückkommen sah, sein Gefährte kam zu ihm, als sie fiel. Alle beide gingen schnell vorwärts.
„Fataler Umstand!" sagte der Mann im Mantel.
„Wie so, Herr? fragte der Angeredete. Sie brau, chen sie nur hinzubringen, wohin Sie wollen."
„Ruhig! Elender!"
Sich gegen den leblosen Körper neigend, sagte er:
„Theure, göttliche Schönheit! ich bedarf das Leben Deiner Augen, die Liebe Deines Herzens! Möge ich hier sterben, vom Blitze getroffen, wie ein feiger Verbrecher, wenn ich Dich nur in meinen Armen halte.
Er machte dem Bauer ein Zeichen, ihm behülflich zu seyn, die ohnmächtige Frau aufzuheben und fortzubringen.