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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Naffauischcu Allgem. Zeitung.

1849. M SI

S u 5 t e n n e.

(Fortsetzung.)

Luzienne machte 'eine verhängnißvolle Bewegung, instatt sich in die Arme ihres Mannes zu werfen, wie 3 jede ihrer selbstbewußte Frau gethan hätte, wich sie vn ihm zurück, und betrachtete ihn mit Staunen.

Du glaubst das?" sagte sie.

Ja, ich glaube es, und siehst Du, Du hast Furcht," ersetzte Milon.

Oh! das ist zuviel! das ist nicht wahr, rief Lu- »nne. Ich bin nicht strafbar. Du bist strenger als Gott! u bist ohne Mitleid."

Nehmen Sie sich in Acht!" würde Herr d'OrizeÜe gen . . .

Schweig doch! ach! schweige! Ach! Ach! ich habe ir gesagt, ich wisse nicht, ob ich dich lieben würde; Du üßtest Nachsicht mit mir haben. Milon, Milon, an je# m Tage reichtest Du mir die Hand und dann... Ach! s Glück, das Zutrauen hat nicht lange gewährt!"

Das ist noch die Frucht der Lehren des Vlkomte! äe machst aus Deinem ganzen Leben einen Roman, u eheliche Liebe scheint Dir unmöglich. Du verräthst sch selbst. Du rufst Exaltation hervor, um Dich zu be# aben, Du bist toll!"

Das tödtet mich!" rief sie, ihre Stirn mit ihren mden bedeckend. Ach ich werde es noch wirklich rden, wenn Du so fortfährst! Wenn Gott mir noch nder gegeben hätte! diese stellen keine Bedingungen, sie )en wenigstens Herz gegen Herz! Aber ich habe zu l Kummer, um Mutter zu werden."

Dann fiel fie in einem heftigen Paroxysmus ihrem anne um den Hals und ihr thränenvolles Gesicht an «er Brust verbergend, rief sie:

Ach! theurer Gatte! ich habe ja nur Dich, ich habe nur Dich! Stoße nicht eine arme Frau zurück, die nicht weiß, wohin sie sich wenden soll! Wenn Du mich liebst, so sage es mir nur; aber sage es ohne Rückhalt. Das wird mich gewinnen. Ach! lasse meine Seele nicht ohne Religion, laste eine Frau nicht ohne Liebe!"

Einen Augenblick war Milon besiegt. Er preßte die arme Frau an sich, eine Thräne glänzte in seinen Au­gen. Aber er überwand sich mit ungeheurer Anstrengung; und sich aus den Armen seiner Gattin losmachend, sagte er mit gebrochener Stimme:

Luzienne, ich hatte diese Szene vorhergesehen . . . ich erwartete sie . . . doch sie übersteigt meine Kräfte. Du weißt nicht, was Du von mir forderst, ich kann nichts versprechen, ich muß mich selbst befragen. Auch Du be­darfst der Ruhe, der Erholung. Morgen werde ich Dich nach der Meierei bringen, dort kannst Du einige Tage bleiben, und dann wollen wir sehen . . ."

Luzienne antwortete nichts. Bleich, kalt, schweigend erhob sie sich, nahm ihre Lampe und wollte sich entfernen.

Gute Nacht, Luzienne; gute Nacht, sagte Milon, auf Morgen."

Sie antwortete nicht und entfernte sich.

Milon blieb allein und sagte zu sich, indem er ihr mit den Augen folgte:

Ich verstehe . . . Mich zu ihren Füßen hinzuwer- x sen, ihr unaufhörlich von Zärtlichkeit zu sprechen . . . jeden Augenblick mit meiner Liebe gegen den Gedanken anzukämpfen, den ich in ihrem Herzen lese. Nein! das ist nicht möglich!"

Dann setzte er sich an den Platz seiner Frau, been­dete die Zählung des Geldes, worauf er sich wieder an seine Korrespondenz setzte.

Am andern Morgen brachte schon früh ein Mieth- wagen die beiden Gatten nach St. Jean du Cardonnaye.