Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur
Allgem. Zeitung.
1849. — Jlf SV.
△ £ it ) t e n n e.
(Fortsetzung.)
^Diese Beschäftigung dauerte eine halbe Stunde. Die Bude ward geschlossen. Die beiden Gatten waren allein; Stille herrschte. Als Luzienne die Feder niedergelegt hatte, stützte sie ihr Haupt in ihre Hand, und heftete ihren Blick schmerzlich auf ihren Mann, der noch eifrig mit seiner Korrespondenz beschäftigt war. Er merkte bald, daß er der Gegenstand der Aufmerksamkeit seiner Frau war. Er sagte, wie immer, sanft und freundlich, aber ohne das Haupt zu erheben:
„Du zählst Deine Kasse nicht?"
Der Ton dieser Stimme brachte Thränen in die Augen der jungen Frau, und sie gehorchte ohne etwas zu sagen. Sie öffnete die vor ihr befindliche Schieblade und fing an die Thaler und die größere Münze zu sondern.
Aber bald trübten Thränen ihren Blick. Als sie maschinenartig zwei oder drei Geldrollen gemacht hatte, fing sie an mit den Händen im Gelde zu wühlen, indem sie die Münzen ausnahm und dann wieder zurückfallen ließ, als wenn ihr Gewicht zu schwer sey.
Milon betrachtete sie einen Augenblick und sagte dann in halb-satyrischem Tone:
„Kannst Du das Geld nicht liebgewinnen? Es würde Dich der Humanität näher bringen."
„Ich kann nicht," sagte sie niedergeschlagen. Sie bedeckte ihre Augen mit ihrem Sacktuche, und warf sich in ihren Sessel zurück, den sie inne hatte.
Milon verließ seinen Platz, ohne ein Wort zu sagen, ging hinter den Tisch und setzte sich aus einen Stuhl neben sie, ohne daß sie es bemerkte.
„Nun, sagte er, was hast Du noch, armer gedankenvoller Kopf, arme Tochter eines Dichters? ..."
„Ich weiß nicht... ich weiß nichts mehr... ich habe Dir nichts zu sagen... ich habe Dir Alles gesagt... Alles, mein Gott! Und doch leide ich mehr als jemals; der Kummer erstickt mich, ich möchte sterben!..."
Bei den Worten: „Ich habe Dir Alles gesagt," war Milon erblaßt und runzelte die Stirn. Aber Luzienne sah es nicht; sie sprach, indem sie vor sich sah, wie es die Traurigen gewöhnlich thun. Er vermied sichtlich auf den ersten Theil .ihrer Rede zu antworten.
„Hast Du, sagte er, Dich seit unserer Heirath über mich zu beklagen gehabt?"
Sie antwortete, die Hände faltend und sich zu ihm neigend:
„Ach! Du bist ein, Engel von Geduld und Nachsicht !"
Milon warf einen bitteren Blick nach Oben.
„Als Du die Eristenz annahmst, die ich Dir bot, Luzienne, hast Du mehr als ein edelmüthiges Opfer gebracht, Du hast einen zum Enthusiasmus geneigten Charakter verlâugnet. ..."
„Ich war glücklich mich dessen zu entäußern."
„Ich verlangte nicht so viel. Wir hatten Dein Nature! geehrt, als wir Dich erzogen: ich habe es nicht verachten wollen, als ich Dich heirathete. Deine Gegenwart im Magazin ist freiwillig. Du hast Dein Gemach, Deine Harse und Deine Blumen. Alle Sonntage gehen wir zur Meierei, und es steht Dir frei, dort solange zu bleiben, als Du willst. Nur in einer Sache waren wir verschiedener Meinung...."
Luzienne unterbrach ihn unsichern Tones:
^a ^a .. . Die Werke meines Vaters, wovon Du eben sprachest, und die man mir nicht einmal erlaubte zu lesen." '
„Verzeihe uns, aber wenn man jung ist, nimmt man leicht im Ernst die Worte des Dichters, und für