Der Wanderer.
Bellctristischcs Bciblatt zur Nassauischen Ag«m. Zeitung.
1849. — â 19.
△ £ u 3 t e it n e.
(Fortsetzung.)
D'Orizelle erwiederte mit einer Art Unwillen:
„Gott, welche Idee hat man Ihnen denn von sich selbst beigebracht? Sind Sie nicht die Tochter eines Mannes, der seinen Adelstitel sich erwarb, den sein Verdienst an den Hof gebracht hatte? War Ihr Platz nicht hier in dem Schlosse, mitten unter den Freunden Ihres Vaters? Hat man Sie nicht denen entrissen, die die Ihrigen sind? Bestätigt dieser Milon nicht, daß er Sie von uns getrennt hat, und Sie unter den Seinigen erzog, um desto besser über Ihre Zukunft verfügen zu können?"
„Ach!" rief sie, als wenn man sie mit einem glühenden Eisen berührt hätte.
„Ja," fuhr er in herbem Tone fort, das ist ein unwürdiges Beginnen. Man hat Ihr Zutrauen getäuscht, und dann es gezwungen. Ihr Milon ist ein verschlossener und heftiger Mensch, was er einfloßt, ist Hast und Schrecken. Der Abbe Gilbert ist ein jovialer Spitzbube, ein Landbettler, der das Sakrament miß- :braust. Er hat diesen Morgen eine profane Komödie gespielt. Wir werden ihn bei seinem Erzbischöfe empfehlen ..." •
„Mein Herr'. mein Herr!" unterbrach ihn Luzienne bestürzt, „es ist nicht so, wie Sie eben sagten. .."
Statt aller Antwort warf sich d'Orizelle vor dem Mädchen auf die Knie und ergriff ihre Hände.
„Luzienne, Sie sind frei, frei, hören Sie? Ich liege zu Ihren Füßen, noch ist es Zeit; kommen Sie, v kommen Sie, werden Sie meine Gattin!"
Luzienne, ich liebe Sie! das Schloß ist nur zwei Schritte entfernt, sagen Sie ein Wort, ein einziges. Ah!
dieser Moment bedeutet für Sie, umfaßt für mich Leben oder Tod. Luzienne, wollen Sie leben oder sterben?
Niemals zerriß noch eine schrecklichere Versuchung ein unschuldigeres Gemüth. Die feurige Sprache, die Beschwörungen, das Flehen des Edelmannes griffen Luzienne auf das heftigste an. Sie wankte einen Augenblick, eine Sekunde, aber das war auch Alles. Ihr auf das Kreuz geleisteter Schwur war noch zu neu.- Die auf Milon, auf Gilbert gehäuften Schmähungen erbitterten sie.
„Niemals! Niemals!" rief sie, zurückweichend, bereit zur Flucht.
Außer sich eilte Aubry auf sie zu.
„Sie dürfen nicht weggehen, mich nicht allein lassen. Ich liebe dich, hörst du wohl, ich will dich nicht verlieren! ich will es nicht! du sollst wider deinen Willen glücklich seyn ! . . . Wir sind allein ... ich. werde dich entführen .. . ich werde dich auf's Schloß bringen." ■
Er öffnete die Arme, um sie zu ergreifen. Aber plötzlich ward sie ruhig. Sie sah ihn kalt und mit Würde an.
Sie haben soeben Ihr ganzes Werk zerstört, sagte sie zu ihm. Gott allein weiß, was ich für Sie empfand, denn jetzt erinnere ich mich dessen nicht mehr. Ergreifen Sie mich, mein Herr, tragen Sie mich fort. Derjenige, der mir auf diese Weise Gewalt anthun will, kann nur meinen Haß und meine Verachtung erhalten.
Bei diesen Worten ließ die Exaltation des Edelmannes plötzlich nach. Er bedeckte seine Augen mit beiden Händen, und als er sie wegzog, war sein Gesicht blaß und verstört.
„Verzeihen Sie mir, Luzienne ... Ah! man ist so, wenn man liebt ... Sie sehen es, ein einziges Wort von Ihnen, und ich bin überwunden, bestraft. . ♦ denn