Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Rassauischeu Allgem. Zeitung.
1849. — .M 18.
/^Luzienne.
(Fortsetzung.)
Das junge Mädchen wurde bei diesem so schnellen Siege außer Fassung gebracht. Sie glaubte zu weit gegangen zu seyn. Ein unwiderstehliches Mitleid, eine Art Gewissensbisse bemeisterten sich ihrer.
„Ach, mein Herr, sagte sie zitternd, ich wollte Sie nicht betrüben, und da Sie sagen... daß die Gräfin verzichtet. . .
Luzienne unterbrach, fidj. Alle beide schwiegen einen Augenblick mit niedergeschlagenen Augen. D'Orizelle antwortete endlich:
„Sie heirathen Herrn Milon ... Sie werden einen ordentlichen Gatten an ihm haben, Fräulein...
Glücklich wieder auf ihren Verlobten zu kommen, gerührt von der delikaten Sorgfalt, die ihn wieder vor ihre Augen brachte, faltete Luzienne die Hände:
„Ach, ist dies nicht so? sagte sie."
„Er ist ein vorzüglicher Mann; ein Mann, der, wenn er will, Sie zu allen Ehren bringen, alle Herrlichkeiten, die Sie sich denken mögen, Ihnen verschaffen kann..."
„Sie glauben es? Sie glauben es? sagte sie sich ihm nähernd."
„Ja ich glaube es. Herr Milon hat uns heute viel Leid zugefügt, aber ich lasse ihm Gerechtigkeit widerfahren."
„Das ist sehr edel von Ihnen, sagte Luzienne, die Augen niederschlagend."
Als der Edelmann ihr die Hand reichte, um sie zum Sitzen einzuladen, nahm sie diese Hand und aus Mitleid, aus Achtung, aus Erkenntlichkeit setzte sic sich. D'Orizelle fuhr fort:
„Sie sind besser als er, denn er hat mich diesen Morgen unfreundlich behandelt."
„Ach, mein Herr, man muß ihm verzeihen."
„Seyen Sie ruhig, — und eine unwillkürliche Bitterkeit mischte sich unter die Worte des Edelmannes; — bei uns ist das Verzeihen eine ganz einfache Sache. Sie gehören zu den Unfehlbaren, zu denen, die kein Mitleid bedürfen. Ohne Zweifel werden Sie niemals Nachsicht nöthig haben.. . Aber wir Andern, sehen Sie, lassen unser Herz schlagen, und da wir viele Schwachheiten haben, so haben wir auch viele Nachsicht nöthig . .. Bei uns glaubt man dem jungen liebenden und guten Mädchen , die uns eines schönen Tages sagt: Ich gehöre Ihnen . ..
Man wird getäuscht. .. Man kann dulden, man kann sterben, aber man verzeiht. ,
Luzienne fühlte sich von Neuem auf einem schlupfrigen Terrain. Nicht minder unruhig als gerührt versuchte sie mit erzwungenem Lächeln zu sagen:
„Sie wollen doch wohl von mir nicht reden ... die Gräfin wird gewiß nicht deßhalb sterben. . ."
Aubry unterbrach sie sogleich:
„Wozu noch länger Verstellung? Luzienne, die Gräfin kommt hierbei nicht in Betracht. Sie wissen cs wohl, Sie haben es wohl erkannt; Luzienne, ich liebe Sie ...
Das junge Mädchen wollte aufstehen, aber d'Orizelle hielt sie ohne Mühe im ersten Augenblicke zurück. Das verhängnißvolle Wort hatte sie zu sehr überrascht.
„Was fürchten Sie denn? versetzte er. Sind Sie nicht "die Gattin des Herrn Milon, eines festen und tugendhaften Mannes? Haben Sie nicht völlig Ihren freien Willen? Weiß ich denn nicht, daß meine Thor- heit Sie nicht gewonnen hat? — Ich spreche nur von mir, Luzienne ... Ja, ich liebte Sie, herrliches Mädchen , nachdem ich Sie einst an dieser einsamen Stelle