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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur

Allgem. Zeitung.

1849. M 17.

/^Luzienne

(Fortsetzung.)

Während er so sprach, nahm das junge Mädchen all seinen Muth zusammen und antwortete:

Sie sagen, Herr, daß Sie weit entfernt waren, mich heute hier zu erwarten . . ."

Ganz gewiß, versetzte d'Orizelle; sind Sie nicht seit einigen Stunden die Verlobte, die Gattin des Herrn Milon?"

Sie wissen schon? Ah! ich begreife: der Mann, den ich vorhin bei Ihnen gesehen habe, dieser Leguillon."

Nun ja, bemerkte er, ich kann nicht lügen; ja, Le­guillon hat mir Alles erzählt; während er mir es er­zählte, hat er Sie auf dem Wege gesehen; ja, ich bin sogleich hierher gekommen, quer durch das Gehölz, und erwartete Sie. Sind Sie zufrieden gestellt, Fräulein? Werden Sie auch offen seyn wie ich? Werden Sie auch Ihrerseits bekennen, daß Sie mich getäuscht, grausam getauscht haben?"

Ja, mein Herr, ich habe Sie getäuscht."

Wie! als ich hier an diesem Platze Ihnen mein ganzes Leben erzählte; als diese Bäume, dieser Himmel, Diese Natur uns denselben Gedanken einhauchten; als unsere Herzen sich so gut verstanden, als ich glaubte... als ich hoffte... denn mit einem Worte, Sie waren auf­richtig, ich las in Ihren Augen, und wenn ich Ihnen unsere strahlenden Feste, unsere lachenden Vergnügungen schilderte, so hörten Sie mir mit Wärme zu, Sie sagten zu mir:Ach! wenn ich doch einen Tag lang alle diese Sachen kennen lernen könnte." Und damals haben die Gräfin und ich uns vorgenommen, sie Ihnen zu verschaffen ; und als Alles bereit war, als Sie heute frei waren, varfen Sie sich in die Arme unserer Feinde, anstatt zu uns zu kommen! heißt das nicht uns täuschen?"

Mein Herr, antwortete Luzienne, hören Sie mich. Eines Tages haben Sie sich mir genähert, indem Sie von meinem Vater sprachen, von den Salons, von den Palästen, in denen er lebte, dann von den Blumen, den Vögeln, von allem, was mir lieben. Da, als Sie von sich, ich will sagen von der Gräfin sprachen . . . hörte ich noch mit Vertrauen ... Ich that Unrecht, ja, ich that Unrecht; ich empfand Reue darüber; Gott hat mich einen Augenblick erleuchtet, zum ersten Mal vielleicht."

Sind Sie gewiß, daß diese augenblickliche Erleuch­tung, die zum ersten Male geschah, von oben kam, daß Sie es sind, die diesen Morgen gedacht, gehandelt, daß nicht andere Personen Sie bestimmt haben?"

Diejenigen, von denen ich spreche, sind meine Freunde , meine Wohlthäter. Ich glaube an Sie seit meiner Kindheit, ich ehre Sie, und wenn Jemand mich vom rechten Wege abbrachte, so ist . . ."

Luzienne zögerte.

So bin ich es, nicht wahr?" versetzte d'Orizelle, eine freudige Bewegung unterdrückend;aber wenn Sie von der Meierei sprachen, so geschah es nur, wie von einem Verbannungsorte, und diese Freunde, diese Wohl­thäter, ihre Existenz erschien Ihnen sehr einförmig. Ihre Rohheit verwundete Sie, ihre Strenge erzürnte Sie. Herr Milon besonders verursachte Ihnen eine gewisse Furcht, und wenn ich Sie lachend fragte, ob Sie ihn zum Manne möchten, so legten Sie mir schaudernd Still­schweigen auf. Dieser Gedanke schon ließ Sie zittern. Wie sehr haben Sie sich doch diesen Morgen geändert?"

In die Enge getrieben, antwortete Luzienne:

Wohlan! weil ich denn muß. Ich habe mich selbst getäuscht, aber heute habe ich frei gehandelt. Ich war überzeugt, ruhig, glücklich; ich habe Milon gebeten, mich zu schützen, als er mich der Gräfin übergeben wollte. Als er glaubte, ich weigere mich, seine Frau zu seyn, so bot