Der Wanderer.
BcllrttiftischrS Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1849. — â 16.
^Luzienne
(Fortsetzung.)
„Diesen Abend, fuhr Milon fort, wollen wir Ihre Hand von derjenigen erbitten, die darüber zu bestimmen das Recht hat, und wenn Sie, was ich hoffe, nicht zu schwach ist, so wollen wir sie im Wagen hierher bringen, und wir werden Alle vereinigt seyn, um uns nicht mehr zu verlassen.
„Ja wohl, sagte der Pfarrer, an der Tafel sitzend, mit der Serviette um den Hals, ja meine Freunde, laßt unS Zusammenhalten! Niemals hat man noch ein geschlossenes Carre überrascht."
Die Pächterin betrachtete ihn von der Seite, als Luzienne weggegangen war, sagte sie zu ihrem Söhne:
„Woran denkst Du denn?"
„Ich weiß was ich thue, versetzte Milon, Ich will eS so."
„Ei! ohne Zweifel, rief der Abbe. Lassen Sie ihn nur machen. Kommt, Milon, zum Frühstück."
„Nein, noch nicht, erwiderte dieser und ergriff seinen Hut. Ich fühle mich so angegriffen. Ich will ein wenig in die frische Luft gehen."
Thue das, mein Sohn, und möge Gott mit Dir seyn!
Dann, als Milon hinausging, rief er ihm nach: ,
„Schick mir Jemanden, der mir Gesellschaft leistst, schick mir Trian, den Schnitter, den Ungläubigen, den Eselskopf, daß ich ihn bekehre, das wird mich wenigstens beschäftigen."
Der Pfarrer fing allein an zu frühstücken, sich heimlich, ohne sich eS zu gestehen, seinen alten Gast vom vorigen Tage zurückwünschend.
IV.
Als Luzienne, den Weg zu ihrer Mutter nach Rou- mare verfolgen!', an den zum Schlosse führenden Hauptweg gekommen war, bemerkte sie einige Schritte vor sich ein schönes schwarzes Pferv mit weißer Decke, das im Freien umherlief, und zugleich auch ein wenig weiter den Herrn dieses Pferdes, der aufmerksam einem Landmanne zuiuhören schien, welcher, seine Mütze in der Hand, zu ihm sprach. Der Reiter wandte Luzienne den Rücken zu, aber der Landmann machte Front gegen sie, und sogleich erkannte sie ihn. Es war der Mäher Leguillon. Der Reiter war der Vicomte d'Orizelle.
Sie trat schnell zurück. Es war unmöglich, den Weg zu passiren, ohne bemerkt zu werden, und vielleicht hatte der Bauer sie schon bemerkt. Warum war dieser Mensch so nahe an der Meierei? Was sagte er zum Vicomte? — Sich tausend Gedanken machend kehrte Luzienne um und war bereits wieder an der Meierei angelangt, als ein Gedanke ihren Schritt hemmte.
Warum schickte Milon sie nach Roumare, allein, zu dieser Stunde, ohne selbst zu gehen, oder ihr Begleitung mitzugeben? Er wußte doch, daß sie am Schloßparke vorbeigehen mußte, und welches Zusammentreffen dort mehrere Male stattgcsunden hatte. Er wußte doch sehr gut, wie bedenklich es war bei der gegenwärtigen Lage der Zwistigkeit, Luzienne auf dem Schloßgebiete preiszugeben. — Warum also sandte er sie? Geschah eS nicht, um zum Kampf herauszufordern, wie Gilbert sagen würde, um den Feind zu zwingen, sich zu demaskiren? Ja, ja, man stellte sie auf die Probe, man wollte sehen, was stärker war, ihre heutige Verzichtleistung oder ihr gestriger Wunsch. Man wollte eine Garantie für die Zukunft. Und wer konnte sagen, ob Milon ihr nicht heimlich gefolgt war, ob er nicht in ihrer Nähe war, bereit, alle Gefahr von ihr abzuwenden?