Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Naffamschm 9(Ugcm. ZeituiiA
1849. — â 15.
/^Luzienne
(Fortsetzung.)
Milon ging langsam zu ihr, sah sie bedeutungsvoll an und sagte:
„Mit mir, Luzienne."
Sie wiederholte stammelnd und ganz blaß:
„Sie?... Sie?..."
Milon schüttelte den Kopf, und zu seiner Mutter und dem Abbe zurückkehrend sagte er mit düsterer Miene:
„Jch^wußte es wohl. Sie ist ganz bestürzt. Sprechen wir nicht mehr davon."
Diese Worte riefen Luzienne wieder zu sich; die Farbe kehrte auf ihre Wangen zurück. Sie rief:
„Ach! tauschen Sie sich nicht! Was ich fühle, ist nicht dies. Ich habe in Ihnen niemals etwas Anderes, als einen Freund, einen Beschützer gesehen... und jetzt Plötzlich.... — Ich habe durchaus keine Abneigung gegen Sie, fuhr sie dann lächelnd fort, Ihr Verlangen macht mir großes Vergnügen, ich versichere Sie "
„Wie! rief Milon, seinerseits bebend, glauben Sie, daß Sie mich lieben könnten... später... ein wenig... wie man einen Gatten liebt?"
„Fordern Sie nur ein einziges Wort: ich willige ein. Dieses Wort sage ich mit ganzem Herzen. Was soll ich noch mehr sagen? Ich weiß nichts mehr."
In diesem Augenblicke streckte Milon mit einer Rührung, deren er nicht mehr Herr werden konnte, seine beiden Hände gegen Luzienne aus, und in Folge einer ähnlichen Bewegung erhob sich Luzienne, stürzte gegen ihn, aber auf halbem Wege ergriff sie Schaam, und sie eilte in die Arme der Pächterin, dort ihr Antlitz zu verbergen.
Milon ergriff den Arm des Abbe , zog ihn in ein Zimmer, das am Ende des großen Saales sich befand,
ohne zu wissen, wohin er ihn führte, um allein mit ihm zu seyn.
„Mein Freund, mein Freund! sagte er, glaubet Ihr, daß sie mich lieben wird?"
„Ob ich es glaube! versetzte Gilbert. Erinnert Euch an den Umstand, wovon Ihr diesen Morgen spracht, als Ihr sie gegen einen Vagabunden vertheidigtet. — Nun, an diesem Tage glaubte sie sich verpflichtet, mir den neuen ungewöhnlichen Eindruck mitzutheilen, den sie empfand; und ich sehe jetzt, daß es der Keim einer großen und tiefen Neigung war, die sie zu Euch hegte."
Milon blickte um sich und ward nachdenkend. Sie waren im Zimmer von Luzienne. — Weiße Vorhänge, elegante Meubel, eine Harfe und Blumen zierten daS Zimmer.
Er sprach zum Abbe :
„Ihr glaubt also, daß sie mich lieben wird, Gilbert... Aber wird dieser Feind im Schlosse, den wir vor zwei Monaten nicht hatten, nicht noch erbitterter seyn? Denn dies ist nur der erste Angriff.. .. Heute jedoch will ich wissen, woran ich mich zu halten habe."
Luzienne war allein mit der Pächterin geblieben, und die Worte dieser sonst so kalten und schweigsamen Frau erweckten in ihr ein ungewöhnliches Vertrauen.
„Sie sind eine gute Tochter! Ja, ich wußte es wohl, seyen Sie nur unbesorgt, wir wollen Ihnen helfen. Sie finden mich vielleicht ein wenig unfreundlich, aber wenn man die unfreundlichen Leute auf seiner Seite hat, so schläft man ruhig, sehen Sie! Sie hüten Ihre Thüre, und der Teufel liebt sie nicht. Sie finden meinen Sohn strenge. Er ist es nicht. Schon lange wünsche ich, Sie als meine Schwiegertochter zu sehen, denn Sie passen für meinen Sohn."
Die Pächterin sprach noch, als Milon wiederkehrte und zu Luzienne sprach: