Einzelbild herunterladen
 

Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung

1849. â 13.

^Luzienne

(Fortsetzung.)

Nach einem Augenblick des Schweigens sagte Milon mit tiefbewegter Stimme:

Luzienne, Sie wissen, was hier vorgeht. Die Gräfin von Remalard, pochend auf das Testament Ihres Vaters, verlangt, daß wir Sie in drei Tagen ihren Händen über­geben sollen."

Das junge Mädchen rührte sich nicht, und sprach kein Wort. Milon wartete ziemlich lange Zeit.

Was hallen Sie davon?" sagte er endlich.

Luzienne zögerte noch, dann sich halb umwendend mit noch niedergeschlagenen Augen erwiederte sie:

Hat die Gräfin das Recht dazu?"

Die Frage ist hier nicht am Orte, erwiederte Milon sanft, doch das sind die Rechtsansprüche der Gräfin."

Ihr Vater hat in seiner letzten Stunde die Ursache seines Verderbeus und seines Todes eingesehen; aber zur selben Zeit hat er auch eingesehen, daß Sie dieses Ver­derben ebenfalls ergreifen würde. In seiner Niederge­schlagenheit und Reue hat er folgenden Zusatz zu seinem Testamente gemacht:

Ich empfehle meine Tochter, Luzienne, der Gräfin von Remalard. Wenn diese edle Dame sie an Kindes­statt anzunehmen wünschen sollte, so bitte ich meine Frau, die natürliche Beschützerin meiner Tochter, sich dem nicht zu widersetzen.""

Sie sehen und fühlen, vaß dies nur eine Formel ist. Es ist die Phrase eines Mannes, der seine Pflicht und nichts mehr thut. Er wagt nicht, sich zu weigern, er fordert aber auch nicht, und besonders verlangt er nicht, daß man seinem Gebote nachkomme. Nach unseren Gesetzen, Luzienne, kann kein Vater seiner Wittwe die Erziehung ihrer Kinder nehmen; er hat das Recht, ihnen

einen Vormund zu bestellen, d. h. ihnen eine Art Adoption durch einen Dritten zu geben. Ihr Vater hat sich wohl gehütet, von diesem Rechte Gebrauch zu machen. Er bittet nur Ihre Mutter, er bittet Sie, für den Fall, daß man ihr ein Anerbieten machen würde; er begibt sich seiner Entscheidung, weil er nicht die Kraft hat, eine zu fassen. Ja, Ihre Mutter dachte insgeheim wie wir, traurige Erfahrungen bestimmten sie dazu, daher hat sie uns Ihre Erziehung anvertraut. Aber jetzt ist sie alt, schwach, kraftlos; und es wird mächtigen Leuten leicht, das Testament umzustoßen. Begreifen Sie mich?

Ja..." war die Antwort mit leichter und zittern­der Stimme.

Nun, Luzienne, Sie sehen, daß die Gräfin, wenn sie noch keine Rechte hat, diese schon erhalten wird. Was uns anbelangt, so begreifen Sie wohl, daß wir auf einen unhaltbaren Streit verzichten. Man muß nachgeben, Luzienne. Von heute, von diesem Augenblicke an sind Sie frei."

Dieses Wort brachte auf Jedermann einen elektrischen Schlag hervor.

Frei!..." rief Luzienne, Milon mit einem fast ver­wirrten Blicke ansehend.

Was? Wie? sagte der Priester. Bei dem Stabe des Marschalls von Sachsen! Welcher rühmliche Ge­danke !"

Was die Herrin betraf, so hatte sich diese schon ent­schlossen und sagte nur:

Es ist recht."

Frei!..." wiederholte Luzienne. Sie sah mit dem­selben unruhigen Blicke um sich.

Milon lächelte.

Oh! sagte er, beruhigen Sie sich, Sie sind frei wie der Vogel, dem man seinen Käfig öffnet, und der nicht herauszugehen wagt. Aber Sie werden sich an die