Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung,
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1849. — JVs 18.
△ Sujiettn e.
(Fortsetzung.)
III.
Der Hof einer Meierei in dem Lande von Caur bildet gewöhnlich ein ungeheures Rechteck oder längliches Viereck. Das Wohnhaus und die übrigen Gebäude nehmen eine der kleineren Seiten ein. Rund um die drei andern zieht man einen breiten Graben, und auf dem hohen Erdwalle, der in das Innere führt, pflanzt man eine dreifache Reihe von Eichen. Diese Bäume wachsen schnell bei der frischen Vegetation, die der Gegend eigenthümlich ist, und bilden einen prächtigen Wall. Der Hof selbst ist auf zwei Drittel seiner Ausdehnung nur ein Obstgarten, voll Obstbäumen, unter denen sich ein reicher Rasenteppich hinzieht. Das andere Drittel, das an die Gebäude stößt, umfaßt den Düngerplatz, das Backhaus, die Wagenschoppen und den freien Raum für die Bewohner des Hühnerhofes. Wenn die Meierei bedeutend ist, wenn die Einrichtung des Hauses dem Umfange derselben entspricht, wenn man aus ihrem Thore Wagen mit einem Gespann von sechs Grauschimmeln, die die Equipage einer Hoheit zieren würden, herausfahren sieht, so erhält man einen hohen Begriff von dem Lande von Caur und seiner Wohlhabenheit.
Die Meierei Milons gehörte nicht zu dem Range dieser letztern, obgleich sie mit ihren großen Bäumen Anspruch dgrauf zu machen schien. Am Ende des Obstgartens, der den Weg von der linken Seite des Gehölzes begrenzte, hatte das Haus nur ein Erdgeschoß, dessen Mauer von grauen Balken durchzogen und mit einem Strohdache bedeckt war.
Die ersten Personen, die sich dem Anblicke Milon's darboten, als er den Schlagbaum am Hause überstieg, waren die Herrin selbst und Leguillon, der Mäher.
Die Besitzerin der Meierei war eine Frau von fünfzig Jahren, von beträchtlichem Umfange, mit stolzer und frostiger Miene. Sie mußte früher blond und sehr schön gewesen seyn. Sie glich sehr ihrem Sohne, aber die Strenge, die bei ihm nur zu Zeiten sichtbar wurde, schien ein Hauptbestandtheil ihres Charakters zu seyn.
Beim Anblicke Leguillon's stieg Milon das Blut in's Gesicht. Ehe er noch seine Mutter begrüßt hatte, rief er mit lauter und kurzer Stimme:
„Leguillon!"
Der Bauer wandte sich um. Milon streckte den Arm in der Richtung nach einem großen Scheunenthore aus, das auf die Landstraße hinausging und sagte:
„Da ist der Weg zum Schlosse. Geht, Denen zu dienen, welche Euch dafür bezahlen, um hier zu spioniren."
Leguillon wollte sprechen.
„Richt ein Wort, nicht eine Minute! rief Milon, mit dem Fuße stampfend. Herr d'Orizelle erwartet Euch."
Der Mäher sah wohl, daß seine Sache verrathen war. Er senkte das Haupt und nahm den Weg zu seiner Kammer, um feine Sachen zu holen.
Milon ging zu seiner Mutter, empfing ihren Kuß auf beide Wangen, ohne seine zornige Miene abzulegen, und sagte dann blos:
„Besser spät, als niemals."
„Ist Luzienne hier?"
„Sie ist in dem Saale bei der Dienerschaft. Sie besorgt Deine Mahlzeit. Sonst wäre sie zu Roumare."
„Ich weiß es."
„Ah! der Abbe hat es Dir gesagt? — Dieser Leguillon, den Du so eben fortgejagt, begleitete sie oft. Ich mißtraute ihm nicht."
„Weil Du höher suchtest."
„Es scheint, daß ich Recht hatte, sagte die Frau, den Pfarrer ansehend."