Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1849. — â 11.
△ 8 u j i e n n e.
(Fortsetzung.)
„Wie! Wie! WaS höre ich? was ist das, was..."
„Ihr bietet mir vielleicht die Spitze? Meine Mutter hatte sich doch nicht getäuscht, versteht Ihr; Euer Held ist ein unversöhnlicher Feind, der einzige, der eri- stirt, der einzige, der diesen Streit hervorgebracht hat; und Dank ihm, er wird unbarmherzig seyn."
„Wie so! ich habe doch Eure Begrüßungen gesehen."
„Ja, wie man sich zu Fontenoy begrüßt hat, um mich Eurer Sprachweise zu bedienen."
Der Abbe blieb einen Augenblick bestürzt, stumm.
„Nein, rief er endlich, ich werde nicht davon abgehen; er ist ein edler Mann, er ist unser Freund, und keineswegs unser Feind."
„Wißt Ihr, was für Pfänder wir vorhin austauschten? Es waren unsere Waffen, Wißt Ihr, was er vorgestern in der Nacht vor Eurer vertraulichen Unterhaltung gemacht hat? Er hat einem unserer Dienstlente Geld gegeben, um genau die Stunde zu erfahren, in der meine Mutter am folgenden Tage abwesend seyn würde. Während die Gräfin sie zurückhielt und die Feindseligkeiten ankündigte, eröffnete er sie; er kam zur Meierei, indem er glaubte, nur Lucienne dort zu finden und uns sie vielleicht entführen zu können. Er traf Euch an und prellte Euch wle einen -alten Fuchs."
„Welcher Gedanke!"
Wißt Ihr, wie oft er Lucienne vor dem gestrigen kühnen Besuche gesprochen hat?"
„Nicht ein einziges Mal, ich möchte darauf schwören!"
„Er hat sie vielleicht alle Tage gesprochen, seit den zwei Monaten, die er wieder hier ist; er ist ihr an einem einsamen Orte, an der Stelle, we der Weg nach Rou- mare den Park des Schlosses durchschneidet, begegnet."
„Gut! Erst seit vierzehn Tagen besucht Lucienne ihre kranke Mutter zu Roumare.
„Ah! das ist scharmant! Erst seit vierzehn Tagen! Habt Ihr sie ein einziges Mal während dieser Zeit überwacht? Nur vierzehn Tage! Wißt Ihr denn nicht, welche Veränderung in vierzehn Tagen bei einem so empfänglichen Naturel vorgehen kann? Wer weiß nun, ob dieses Werk von vierzehn Tagen jemals selbst durch die besten und strengsten Maßregeln vernichtet werden kann."
Der Pfarrer brauste nun eben so sehr auf als er vorher niedergeschlagen war:
„Nein, nein! Hundertmal nein! Alles das ist Einbildung. Ihr habt einen fieberhaften Geist, der Alles verschlimmert; Ihr sehet Alles durch einen Flor, Ihr könnt nur schwarz malen! Wenn er Uebles zu dem Kinde geredet hätte, so hätte sie es uns nicht verbergen können. Ich behaupte fest, daß dieser Herr edelmüthig, natürlich ist. Er hat gewollt, was die Prinzessin wollte, er hat es noch dringender gewollt. Hat er mehr gewollt? Gut! sey eö! er hat sein Unrecht eingesehen, und seine Meinung geändert. Ganz wie ein edler und rechtschaffener Mann. Ihr habt Alles verdreht, Ihr habt ihm die üblen Absichten untergelegt!"
Milon brach in ein schmerzliches Lachen aus und rief, die Hände zum Himmel erhebend:
„O Optimistengeschlecht! Wahres Futter für die großen Herren! Wäret Ihr doch in Oesterreich geblieben, als Ihr dort den Feldzug mitmachtet!"
„Ah! das'ist zu viel!" rief der Pfarrer. Und im vollen Zorne fuhr er mit gesteigerter Heftigkeit fort: „Das Kind blamirt mich, und ich habe ihm doch den Katechismus gelehrt. Mordieu! ich habe im Kriege gefochten! ich bin bei Korbach und Roßbach gewesen! ich habe bei Raucour und Weißenburg gekämpft! Aber