Der Wanderer.
Mctrlftifdwä Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung
1849. — Jt« 6.
* Der Dorfpropket
(Schluß.)
VI.
Nie war einem Menschen im Dorfe so großer Ruhm zum Theil gefallen, als dem Veit Kreglinger im Frühlinge des Jahres der Gnade 1848. Er mußte den Bauern wehren, wie einst Paulus zu Athen, daß sie ihn nicht für ein göttliches Wesen ansahen und ihm Altäre bauten. Wehe dem, der es noch gewagt hätte seiner Sehergabe zu spotten! War nicht Alles, was er geweissaget, in Erfüllung gegangen?
Hatte er nicht vorher verkündet von dem deutschen Reichsadler, der wieder flügge werden würde, doch nachdem er Szepter und Krone und Reichsapfel von sich geworfen? Hatte er nicht prophezeit von dem gallischen Hahn, der die Krone vertauschen würde mit der rothen Mütze?
Veit hatte gesagt: Es wird die Zeit seyn, wo der Bauer im Walde frei das Wild jagt, und wenn ihm der Jäger begegnet und will ihm Einhalt thun, wird der Bauer den Jäger verklagen als einen Wilddieb. — So war es geschehen.
Veit hatte gesagt: Es wird die Zeit seyn, wo die Fürsten selber das begehen, was sie sonst am Höchsten verpönt, — Majestätsverbrechen, damit sie sich, wo nicht die Majestät, so doch wenigstens die Krone retten. So war es geschehen.
Veit hatte gesagt: Es wird die Zeit seyn, wo das Szepter in den Klauen des österreichischen Doppeladlers, welches Deutschlands Kerkerschlüssel gewesen, der Rettungsanker der deutschen Freiheit wird, wo das Schwert in der Kralle des kurhessischen Löwen, welches ein Korporalstock gewesen, in die Pergamentrolle sich verwandelt,
darauf die verfehmte freie Verfassung geschrieben steht. So war es geschehen.
Seitdem die Geheimnisse, welche Veit mit den heraldischen Zeichen in den Gevierten seiner Schiefertafel entziffert, so laut und gewaltig offenbar geworden, war er der König im Dorfe. Man wollte ihn zum Schultheißen machen; er lehnte es ab; aber wo Raths zu pflegen, wo ein entscheidender Entschluß zu fassen war, da ging man in das arme Haus des alten Kreglinger. Wenn in dem Dorfe weniger Unordnungen und Gewaltthaten vorfielen, als anderwärts, dann war Veit die Ursache davon, denn seine einfache Warnung hielt die wildesten Köpfe im Zaume. Hätte er sich an die Spitze der jungen Bursche gestellt, und hätte sie gegen eine Armee führen wollen, sie wären ihm Alle gefolgt. Und wenn Kartätschen ihnen gegenübergestanden hätten, und der Veit hätte seiner Mannschaft gesagt, die Kugeln würden an ihnen abprallen, wie Hagelkörner, so hätten sie sich Mann für Mann zusammenschießen fassen, — so fest glaubte Jeder an seine Sehergabe.
Nur Ein Mann wollte von dem Propheten auch jetzt nichts wissen, und dies war Sternwirths Balzer. Aber so groß war der Fanatismus der Bauern für den, welchen sie sich einmal zu ihrem Helden erkoren, daß auch die besten Maule und Tafelfreunde Balzers ihm bös darüber wurden, und seine Schwelle zu meiden begannen.
So kam Pfingsten heran, wo der Sternwirth Hoch- zeit machte. Nach dem Schluffe des Frühgottesdienstes wollte er die Marie-Christine, seine Braut, zur Kirche führen.
Am selbigen Morgen aber fiel es dem alten Veit Kreglinger auf, daß sein Kind so gar lange auf ihrem Kämmerchen bleibe, und er schlich hinauf und öffnete leise die Thüre. Da sah er Katharinen im glänzenden,