Einzelbild herunterladen
 

Signaturen auf die Schiefertafel. Dagegen nahm er sich seines Hauswesens mehr an, als er seit Jahren gethan, verkaufte seine Schwefelhölzchen und seinen Kaffee und Zucker wieder mit eigener Hand, und wo ihn Jemand um eine Weissagung anging, gab er ausweichende Antwor­ten. Gegen Katharine war er freundlicher und zuthun- licher als je zuvor. Aber in's Geheim, in der stillen, unbelauschten Mitteruachtsstunve brütete er um so em­siger, und verzehrte sich in wilder Gluth; denn wo ein­mal eine Seite seines Gemüthes angetastet war, da ließ es dem seltsamen Maune nicht Ruh' noch Rast, sich in verborgener Leidenschaftlichkeit abzumartern, und ob er gleich zu solchen Zeiten wenig von sich merken ließ, war es doch gerade dann, daß der prophetische Geist am mei­sten über ihn kam.

Ter Sternwirth fühlte drei Tage lang tiefe Reue und Beschämung, als aber seine leichtfertigen Genossen ihn immer ärger aufzogen über feine Kopfhängerei, und über jenen Gang zum Kirchhofe die abenteuerlichsten Ge­rüchte auszustreuen begannen, da wandelte sich die Scham in einen furchtbaren Aerger, dessen Spitze er aber mit allen Gründen sophistischer Selbstüberredung von sich ab- zukehren und gegen Katharine und ihren Vater zu wen­den wußte.

Er schrieb ihr keinen Absagebrief, aber schon um Martini machte er dem Marie-Ehristinchen, feierlich auf­geputzt, einen Besuch. Er ließ keine Sylbe fallen, weß- halb er eigentlich gekommen, aber Marie-Ehristinchen wußte schon dieser diplomatischen Kundgebung die rechte Deutung zu leihen.

Zu Weihnachten schickte er ihr zwei prächtige Bän­der mit Goldflittern, wie sie die Bauernmädchen dortiger Gegend hinten an der Haube befestigen und über den Rücken herabflattern lassen. Dieses Christkindchen wan­derte heimlich in Marie-Christinen's Haus, sie wußte aber doch, von wem es bescheert sey.

Auf Neujahr tanzte er mit ihr.

In der Fastenzeit sahen und sprachen sie sich fleißig unter vier Augen.

Als der Schnee wegging, lief die Rede von dem neuen Paar durch's ganze Dorf.

Auf Ostern war Verspruch.

Und als die Spitzen des Waldes grün zu werden begannen, nahmen sich die Beiden vor, daß auf Pfingsten Hochzeit seyn solle.

Wie ganz anders lief dieselbe Zeit bei Katharinen um!

Ob er ihr gleich keinen Absagebrief geschrieben, ob sie gleich nicht aus dem Hause gekommen und nicht wußte, ob Balzer noch lebe oder todt sey, trauerte sie doch um ihn als um einen Gestorbenen.

Zu Weihnachten sandte sie ihm den Ring zurück, da schickte er auch den ihrigen, und sie wußte nun, woran sie sey. Sie erhielt den Ring, den sie sonst so oft unter tausend Freuden an seinem Finger gesehen, gerade am Bescheerabend, wo im ganzen Dorfe die Weihnachtsbäume so feierlich und lustig brannten. Es war das einzige Festgeschenk, das in das arme Haus getragen wurde. Welch' eine traurige Gabe!

Auf Neujahr betete sie am Grabe ihrer Mutter, daß Gott dem Abtrünnigen seine Sünden vergeben möge.

In der Fastenzeit mochte sie mit keinem Menschen mehr sprechen, kaum oaß der Vater ein Wort aus ihr heraus zu bringen vermochte.

Als der Schnee wegging, deutete das ganze Dorf mitleidig und achselzuckend auf die arme Verlassene.

Auf Ostern war es ihr so weh, daß sie glaubte, das Herz müßte ihr entzwei brechen.

Und als die Spitzen des Waldes grün zu werden begannen, sprach sie zu dem Alten: "Vater, nun kann ich auch weissagen: Auf Pfingsten wird mein Todestag seyn!" (Schluß folgt.)

£ u $ t c n n e

(Fortsetzung.)

Das ist unbegreiflich!" sagte Milon mit düsterm Gesichte, und indem er die Augen auf den Brief heftete, den er in der Hand hielt, las er ihn mit lauter Stimme, ohne Romain zu beachten.

Es war eine Art Bulletin, Räthsel in militärischem Style, folgenden Inhaltes:

Milon!

Während du in deinen Kantonements schläfst, ist heute, den 27. Mai, der Krieg zwischen der Meierei und dem Schlosse erklärt. Es ist kein Greuzstreit, es ist ein innerer Krieg; es heißt siegen oder sterben, und Siegen ist uns unmöglich. Nach sechs Jahren. Stillschweigens reklamirt nun plötzlich die Gräfin von Remalard Luzienne, Ihre Base, die Tochter des Michel Aillaud. Sie gestat­tet Ihnen drei Tage, um die Waise mit Wehr und Waf­fen auf das Schloß zu senden. Sie will sie mit eigener Hand ausstatten und verheirathen. Wenn Sie sich wei, gern, wird sie sich beim Parlament beklagen. Sie wer­den die Zustimmung der Wittwe Aillaud, der Mutter von Luzienne, die sie Ihnen anvertraut hat, vorschützen; sie wird das Testament des Vaters Vorbringen, der sie ihr anempfiehlt. Sie ist eine große Dame, sie übt auf die Richter Einfluß aus, sie wird gewinnen. Das hat sie diesen Morgen selbst der Mutter Milon zu verstehen