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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur

Allgem. Zeitung.

1849. ^ 4.

* Der Dorfproph et

(Fortsetzung.)

IV.

Als die ziemlich bezechte Gesellschaft auf dem Wege nach dem Kirchhofe von der frischen Nachtluft angeweht wurde, kam den Einzelnen Nüchternheit und kühle Be­sinnung zurück und in demselben Maße erschracken sie auch bei sich selbst über das Vorhaben, um Mitternacht in Gesellschaft des alten Veit Kreglinger den Kirchhof zu besuchen, und wo nur eine Häuserecke kam, oder ein Baum recht dunkel über den Weg schattete, da drückte sich Einer nach dem Andern seitwärts und schlich sachte davon. So geschah es, daß Veit, als er an dem Kirch­hofsthor ankam, sich nur noch allein mit dem Sternwirth befand.

Beide sprachen kein Wort; denn Veit war überhaupt ein Feind von müßiger Rede und behauptete oft , alles Unheil in der Welt rühre daher, daß man glaube, es sey schicklich und schön, sowie man einem Andern gegen­über stehe, aus purer Artigkeit auch gleich den Mund aufzuthun; dem Balzer dagegen, der sonst gerade dieser Ansicht'nicht zugethan war, verging das Sprechen von selber, denn es preßte ihm die Brust, daß er kaum athmen konnte, und er kam sich vor, wie ein armer Sünder der zum Galgen geht.

Als sie eben über die Schwelle des Kirchhofes schrei­ten wollten, begannen ein paar dicke Tropfen zu fallen, die Vorboten eines schwarz am Nachthimmel aufziehen­den starken Regens. Da faßte sich Balzer ein Herz und sagte:Herr Vater, es überzieht sich, lasset uns um­kehren!"

Herr Vater?" wiederholte der Alte mit scharfer Be­tonungich bin Sein Vater nicht mehr. Aber wie? |

Fürchtet Ihr Euch mit mir diese Schwelle zu beschreiten, die zu dem Gerichtshof führt, wo unser Herrgott Recht spricht, und habt Euch doch nicht gefürchtet, ein treu einfältig Herz zu brechen und eine rechte, heilige Liebe auözuspotten?" Und um dem Balzer den Gang leichter zu machen, faßte er ihn mit diesen Worten herzhaft beim Kragen und führte so den Widerstrebenden die Gräber­reihen entlang, an die äußerste Ecke der Kirchhofsmauer.

Dieselbe stieß aber unmittelbar an das Pfarrhaus, und an dem obersten Giebelfenster desselben aus der Stu­dierstube des Pfarrers sah man noch in der späten Nacht Lampenschimmer herüberstrahlen, ja es war, als ob sich eine dunkle Gestalt an dem erleuchteten Fenster zeige.

In seiner Todesangst entging dies dem Sternwirth nicht, und er blickte darum unverwandt nach dem Licht­schimmer hinüber. Denn es war ihm ein Trost, daß er, von dem unheimlichen Alten zwischen Gräbern hingezerrt, doch noch ein anderes, menschlicheres Wesen sich nahe wußte.

In dem äußersten Winkel, in welchen Veit seinen unfreiwilligen Begleiter gebracht hatte, stand ein großer Leichenstein, im Perückenstyle des 17. Jahrhunderts reich mit Wappen und Todtenköpfen und einer endlos langen Inschrift geziert. Er bezeichnete die Familiengrabstätte eines im Dorfe begüterten adeligen Geschlechtes.

An diesem Platze stieß Veit seinen Stock in die Erde und sprach mit gedämpfter Stimme:Du hast wissen wollen, an welchen Ort man mich begraben wird: dieser ist es!"

Als Balzer das hörte, faßte er neuen Muth, denn er begann nun stark an Veits prophetischer Gabe zu zweifeln; diese Stätte war ja Eigenthum jener adeligen Familie, wie konnte also der alte arme Kreglinger, näch­stens wahrscheinlich Bettelmann von Gottes Gnaden, hier begraben werden? Balzer fühlte sich, wie gesagt,