Literatur.*)
Wir haben früher schon mehrmals Anlaß genommen, von Schlossers Weltgeschichte für das deutsche Volk**) zu reden, die bereits in acht vollendeten Bänden vor uns liegt und an deren weitere Ausarbeitung der Verfasser sogar mit Zurücksetzung anderer gleichfalls bereits weit vorgeschrittener Geschichtswerke gegangen ist. Darum wollen wir jetzt nicht über den Inhalt des Werkes selber Untersuchungen anstellcn. Allein es dâuchte uns, im Hinblick auf die Strebungen und Irrungen dieser vielbewegten Zeit, sey es gegenwärtig doppelte Pflicht, das Volk (und für das Volk im edelsten Sinne ist ja jenes Buch geschrieben) auf die Lesung objektiver Geschichtsbücher hinzuweisen. Denn wir dürfen uns nicht verhehlen, daß das große Publikum im Verlauf von neun Monaten so viel ohne alle tiefere Begründung hingeworfenes persönliches Räsonnement hat schlucken müssen und bei dem Heißhunger, mit welchem es nach den Zeitungen griff, eine so oberflächliche, aphoristische, willkürlich gedrehte und gedeutelte Auffassung der Zeitgeschichte hat in Kauf nehmen müssen, — daß ihm ein ernstliches und gründliches Studium des politischen Prozesses in der Weltgeschichte gar sehr Äoth thut. Wir kommen sonst aus dem politischen Dilettantismus niemals heraus, und an die Stelle der früheren politischen Unbildung wird nichts weiter als die Verbildung treten. Studirt Geschichte, Ihr alle, die Ihr durch Se. Majestät des Zufalls Gnaden in den Ständekammern sitzt und es selber nicht recht begreifen könnt, wie Ihr mit Einem Schlage große Staatsmänner geworden seyd, studirt Geschichte, Ihr Volkslehrer, die Ihr das Volk belehre» wollt, damit Ihr unter der Hand selber etwas lernt, und auch Ihr Kleingläubigen, die Ihr an dem Siegesgange des Weltgeistes verzweifelt, weil er so ehernen Fußes einherschreitet. Geschichte! objektiv geschriebene Geschichte.
Hätte ich dem ganzen, so bildungsbedürftigen und doch so bildungsstolzen deutschen Volke ein Neujahrgeschenk zu geben, ich würde ihm Schlossers Weltgeschichte schicken, weil sie so nüchtern, so schmucklos, so ernst, so ganz im Streben nach nackter Wahrheit geschrieben ist, weil sie so viel verneint und doch einen so positiven Boden hat, weil sie den sittlichen Standpunkt mit solcher Strenge oben ansetzt. Es ist merkwürdig, wie sehr sich
*) Unter dieser Rubrik sollen von nun an möglichst regelmäßig alle bedeutenderen Literaturerscheinungcn besprochen werden.
**) Frankfurt a. M. Varrentrapp's Verlag.
die Zeitverhältnisse gleich geblieben sind, trotz dem, daß sie sich so gewaltig geändert haben. Vor zwei Jahren, als das deutsche Volk noch ein ganz anderes, das große Publikum ein von dem jetzigen so — scheinbar — grundverschiedenes war, schrieb ich über Schlosser folgende Worte: „Ein Mann, so einseitigen, so strengen Charakters, so rücksichtslos, und wenn es seyn muß, so klassisch grob wie Schlosser, der am rechten Orte tüchtig zu negiren versteht und selbst zu Gunsten seiner originellen Schärfe und Schroffheit, zu Gunsten der splitternackten Wahrheit die Anmuth kunstvoller historiographischer Plastik abweist, ist recht dazu geschaffen, dem zerfahrenen, charakterlosen Wesen und der Selbstgefälligkeit des neunzehnten Jahrhunderts den weltgeschichtlichen Spiegel vorzuhalten." Man wird sich unter dem „zerfahrenen, charakterlosen Wesen", jetzt freilich etwas Anderes — nicht ganr so Schlimmes — denken müssen, wie damals; aber setzt man nur das kleinliche, erbärmliche Parteibewußtseyn, wie es jetzt grassirt und Politik genannt wird, an die Stelle der damaligen theekesselhaften Verschwommenheit und Abspannung, dann passen diese Worte, als ob sie heute erst geschrieben wären. ***
Miszellen.
— Auf dem Hamburger Thaliatheater kam ein Charakterbild von Elmar zur Aufführung. „Unter der Erde oder Arbeit bringt Segen." — „Seit Raimund schwieg, ist dies Stück zu den gelungensten Volksliederspielen zu zahlen und es gefiel allgemein," sagte eine Kritik in den Originalien.
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— In Berlin ist der Fall vorgekommen, daß ein bäuerlicher Deputirter täglich seine Eintrittskarte um 10 Sgr. verkaufte. Das ist aber nichts gegen einen galizischen Herrn des österreichischen Reichstages, der in dem Hause, wo er wohnte, gegen eine Remuneration von 20 Kreuzern sechs Stunden täglich Pfeffer stieß.
S e tz f e h l e r:
Im Nekrolog des Dr. Chr. Spieß ließ: „versetzt" statt „entsetzt", „sangen" st. „sagen", „hielt" st. „hielt", „Grabhügel" st. Grafihügel", „vollster" st. reellster", „darin" st. „dabei", „pädagogisch" st. „Pädagogich".
Verantwortlicher Redakteur: W. H. Riehl.
Druck und Verlag der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung in Wiesbaden.