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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem Zeitung

1849. â 3.

* Der Dorfprophet

(Fortsetzung.)

III.

Der alte Veit hatte in der That nicht so theilnahm- los die Worte Katharinens gehört, als er sich den An­schein gegeben. War sie doch sein liebes Kind, obgleich er ihr gegenüber stets hart und rauh zu seyn strebte, sein einzig Kind, das ihm in späten Jahren erst geboren ward kurz vor dem Tode ihrer Mutter , der einzige Ge­genstand der Zuneigung, an dem sich sein in Kummer und Bitterkeit abgestorbenes Gemüth jezuweilen wieder erwärmte!

Kaum hatte er das Mädchen auf ihr Schlaskämmer- chen getrieben, so warf er den breitschößigen Oberrock mit den Schüsselknöpfen um und schlüpfte aus dem Hause. Wie ein Schatten schlich er die Häuser entlang zum Sternwirth, wo noch alle Fenster hell erleuchtet waren und viele Gäste zechten und jubilirten. Veit ging durch das Hofthor zu einem Hinterpförtchen in die Wirthsstube denn wie in seinem Sinnen und Denken liebte er's auch buchstäblich, stets geheime Pfade zu suchen und ohne daß ihn kaum Einer aus der zechen­den Menge bemerkt hätte, drückte er sich in die dunkelste Ecke der Stube und schaute von dort mit übereinander­geschlagenen Beinen, den Kopf in die Hand und die Ellenbogen auf's Knie gestützt, dem lustigen Treiben zu. Sah ihn auch je Einer oder der Andere, so fiel ihm die beschauliche Gestalt nicht auf, denn Veit liebte es, sich oft als ein so schweigsamer Zuschauer ins Wirthshaus zu setzen, wobei er auch niemals einen Tropfen trank, noch einen Zug Taback rauchte. Er behauptete nämlich, Beides umnebele sein inneres Gesicht und verschleiere ihm auf ganze Wochen den Blick in die Zukunft.

Sternwirths Balzer war heute Abend in seinem Element. Die Geldaristokraten des Dorfes sind um kein Haar breit verschieden von den Gelbaristokraten der Stadt. Traktirte doch Balzer seine Gäste denn er hielt, w'eil er just bei guter Laune war, wenigstens die Hälfte der Anwesenden frei mit derselben übermüthigen Gast­freundschaft, wie ein BankierUnbemittelten", d. h. Leuten, die vielleicht nur eine halbe Million besitzen, ein Diner gibt, ging oder richtigerschnappte" er doch mit denselben Bezeugungen eines unausstehlich gnädigen Wohlwollens zwischen den kneipenden Genossen auf und ab, wie ein hocharistokratischer Wirth zwischen seinen Gästen, die um eine oder gar um anderthalbe Rangklasfen tiefer stehen als er.

Der alte Veit hatte diesen Zug im Wesen seines zukünftigen Schwiegersohnes noch gar nicht bemerkt, aber jetzt, wo er mit argwöhnischem Luchsauge jeden Schritt desselben aus seinem Versteck heraus belauerte, ergriff ihn ein tief einschneidender Widerwille vor dem hoffärti­gen und großthuerischen Gebahren desselben.

Veit war überhaupt ein schlechter Menschenkenner, wo es das Nächste, einfach Menschliche zu beurtheilen galt; er war hierin vergleichbar jenen Weitsichtigen, die auf hundert Schritt hin das Kleinste mit wahrem Doh­lenblicke wahrnehmen und erkennen, in der Nähe aber nichts zu unterscheiden vermögen, ohne eine Brille auf­zusetzen. So hatte Veit dem jungen Sternwirth ohne Argwohn sein einziges geliebtes Kind zugesprochen. Der Bursche hatte es auch im Grunde ganz ehrlich mit Ka­tharinen gemeint, allein die glänzende Lage, in welche ihn seine Vermögensumstände setzten, hatte das Edlere in ihm verflacht, so daß er es bald gar leicht zu nehmen begann mit seinem Schatz; die Sache wurde ihm in­teressenlos, langweilig, und jetzt war er gerade auf dem