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Nassauische Allgemeine Zeitung.
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Wiesbaden. 18M.
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Hr. 193. Freitag, 18. August.
△ Einige Worte über die Armenpflege im Herzogtum Nassau.
(Schluß.)
Schreiber dieses ist auch kein Freund von einer Staats-Armenpflege, will aber auch nicht, daß die Staatsregierung zur bloseu Rolle einer müssigen Zuschauerin bei der Armenpflege Hcrabgedrückt werde, der- langt vielmehr, daß dieselbe mit kräftiger Hand dabei cingrcife, und in Subventionen, soweit nöthig, nicht beschränkt werde.
Mit Arbeit, die da lohnt, zu helfen, ist leichter gesagt, als gethan, da solche nicht immer und allenthalben zu haben ist, und mit Aufgabe von Handgespinnst, Strick- oder Näharbeit und Aehnlichem, wie es hm und wieder vorkommt, allein helfen zu wollen, heißt wohl, den Armen noch ärmer zu machen, da man damit kaum einige Kreuzer per Tag gewinnen kann, die im Winter für das Lichi nicht einmal hinreichen.
Die Abfertigung »er ist ein starker Lümmel, er mag sich selbst helfen» ist leider nur zu geläufig. Aber ein Starker von Körper, ist darum nicht immer auch ein Starker vop Geist. Einem solchen fehlt nicht selten der Fuhrmann, der ihn ins Leben führt. Was thut er nun, allenthalben zurückgestoßen, da Noth und Hunger bekanntlich kein Gebot kennen. Er greift zu den gefährlichsten Mitteln und fällt am Ende als Beute dein Zucht- oder Correctionshause anheim. Und mit wie Wenigem hätte vielleicht einem solchen zur rechten Stunde geholfen werden können!
Will man dann doch etwas thun, so soll man auch ernstlich dabei zu Werke gehen.
Man gebe
1) dem Arbeitsunfähigen wenigstens die Mittel zum nothdürftigen Unterhalt, wobei für Verwandte doch immerhin noch Manches zu thun übrig bleiben dürfte;
2) dein noch arbeitsfähigen Armen theilweise Unterstützung in allenfallsigcn Beiträgen für Miethe, Holz, Kleidung und Nahrung oder zum Erlernen und Treiben eines Gewerbes rc., bei möglichst freiem Spielraum im Auffuchen von Arbeit uhb Verdienst, ohne aber damit gerade die Mittel aus der Hand zu geben, träge durch jeweilige Entziehung der Beiträge oder auf andere Art sachgemäß zu bestrafen.
Damit — mit sachgemäßer Beihülfe, ohne Beschränkung'm der Arbeit und dem Aufsuchen derselben — würde, das Ehrgefühl des Bedürftigen geweckt und ihm zcveifelsohne Gelegenheit gegeben, sich einigen Ueberver- dienst zu sammeln, der ihm zur Selbstranzion verhelfen und so den Weg anbahuen dürfte, aus der betrübten Pariascaste wieder herauszutreten — ein Modus, der so nahe liegt, daß man ihm ja schon seit längerer Zeit, selbst bei Züchtlingen, mitunter auch, obwohl in anderer Form, bei einzelnen, durch Unfälle fallit gewordenen Personen, indem man ihm unter die Arme greift, im Geschäftsleben Anwendung gibt. ,
Mit bloßen Palliativen verewigen sich die Arme l durch Generationen hindurch in einer Familie, da sie wie die Erfahrung lehrt, im Kindererzèugen productiver wie Andere sind.
Die Liebesprobe.
Novellete.
(Fortsetzung.)
Mittlerweile ließ sich ein wirrer Lärm von Klingeln und raschen Glockeuzügcn, von Ocffnen und Zuschlägen. von Thüren, von hin und hereilenden Personen und von scheltenden Stimme ans der Ferne vernehmen. Lorenz suchte sich das peinliche Töar- ten damit zu vertreiben, daß er das Zimmer, worin er war, einer aufmerksamen Prüfung unterwarf, in der Hoffnung, bat aus mit einer Art physioguomischer Intuition etliche Schlüsse aus bin Character und die Beschäftigungen der beiden Damen zu ziehen. — Offenbar halten sich diese Damen für hübsch, sagte er vor sich hin, nachdem er eine Weile mit prüfendem Auge den Inhalt dis elegante» Fimmcrs gemustert, sonst würden sic nicht |o viele große Spiegel in jeder Richtung angebracht haben. Von Stickereien und Damenarheiten sehe ich keine Lpur; aber hier sind Bucher, die ich mir doch näher beschauen will , um zu sehen, was die Damen für Studien treiben. „Nein! fürwahr! murmelte er, als er die Titel einiger Werke besehen, „unsere kuustige Schwiegermutter ist nicht besonders wählig in ihrer Lcctürc. das Ji i I sehr ordinäre Machwerke der Literatur!" . .,,,
Nichts anders war's mit den Gemälden, die in ^nreimsten Rahmen die Wände zierten; die Rahmen war das Kostbarste daran. — Ein Flügel stand offen da und Lorenz musterte die Musikstücke, die ein verschlungenes I. und R. als Eigenthum von Fräulein Julie zu erkennen gab. Seine Stirne verfinsterte sich, die Lieder und Arien waren überaus nichtssagend, bei elMgen der Text sogar unmoralisch oder gemein. „Armer Eugen! finsterte er; „wie bitter wirst du einst enttäuscht werden." .
Nach Verlauf von beinahe einer Stunde traten zivei yoa-ß elegant gekleidete Damen in den Salon. Julie war allerdings sehr hübsch, mit großen blauen Augen und einem reichen blonden Haar. Die Mamâ verneigte sich anmuthig und sagte: „Herr Herr- manu Lorenz? . . . Und sie kommen allein?"
„Leider, Madame! Mein Freund Eugen Marberg ist plötzlich unwohl geworden, so daß ich ihn in Traunau rurücklassm
Es muß, soll es besser werden, äußerlich und in- uerlich aus den Arinen mehr gewirkt werden. Können das Localvorstände zunächst und mit Unbefangenheit? Ich sage: Nein.
Schon daß der Arme in der Gemeinde zu bekannt ist und daß Leidenschaften nur zu oft ins Spiel kom- inen, setzen dem Hindernisse entgegen. Kein Prophet gilt im Vaterlande, heißt cs ja sonst. Wenn nun das — was hat vollends ein Armer von denen zu erwarten, die täglich um ihn sind? Gerechtigkeit! — Das glaube wer will!
Nach dieser kurzen Ausführung fasse ich zum Schluffe meine Gedanken in den wenigen Sätzen zusammen:
1) Die 1816t Armengesetzgebung, obgleich in Tendenz und Grundzügen nutadelhaft, befriedigte doch weder Geber noch Nehmer durchgängig, erlitt daher im Laufe der Zeit auch manche Anfechtungen, die aber mehr dem Unter personale, das darauf zunächst cinwirkte als der Sache selbst galten, in der sie wenigstens nicht genügend begründet waren, indem das Herbe, was darin zu liegen schien, zu nicht geringem Theile der zu rücksichtslosen, buchstäblichen, mitunter auch vielleicht nicht ganz leidenschaftslosen Durchführung beigemessen werden muß.
Was ihren Fall aber hauptsächlich in 1848 bewirkte, war die damalige Anschauungsweise, die jedem die größtmöglichste Freiheit im Thun und Lassen daher auch dem Armen die Freiheit, auf eigene Faust und ohne Zuthun und Dazwischentreten Dritter verhungern zu dürfen, sichern wollte.
Der Tischtitel, den man damals alö Ersatz für den alten substituirte, ist wie sich die Sachen nachgerade gestalten, mehr eine Expectanz in partibus, als etwas Reelles. Man erleichterte mehr vom Glücke Begünstigte, was diese schon längst angestrebt hatten, und machte die Armen nur noch trostloser. Manche mögen damals wohl auch gedacht haben: Haben wir die Annen nur einmal in einen engen Winkel gebannt, dann werden ihnen die Flausen schon von selbst vergehen. Es ist doch mehr Verstellung als Wahrheit. Armuth ist ja nur eine verschrobene Idee. Diogenes hatte und brauchte ja gar nichts, nicht einmal Holz, und war doch reicher als Alexander!
2) Hat die 1816t Armengesetzgebung im Jahre 1848 nicht mehr befriedigt, so befriedigt die 1848t, bei veränderter Sachlage, und nachdem man seit der Zeit wieder etwas kühler und nüchterner geworden, der- mal noch weniger.
3) Man wird daher wohl thun, aus das Gute der 1816t Armengesetzgebung, wenigstens im Princip, wieder zurückzugreifen, dabei aber das auszuscheiden, was man nach längerer Erfahrung als nicht mehr ganz stichhaltig erkannt hat.
Namentlich wird man
4) in etwas umgekehrter Ordnung, bei nicht zur Verfügung stehendem CorporationS-Vermögen, an dem Grundsatz der Gem ein-Verbindlichkeit in der Haupt- fache festhalten, dabei aber bei allenfallsigem Wiederaufleben der Amtöarmencommifsioucn, in der Wahl der handelnden Personen auch in etwas den Wünschen der
mußte; aber seine Krankheit ist nicht von Bedeutung und wird hoffentlich bald vorüber sein!" Mit diesen Worten beobachtete er Julien scharf, aber sie blieb ungerührt, teilnahmlos.
„Und Sie eilten voraus, um uns zu beruhigen? — o, wie freundlich von Ihnen!" sagte Madame. „Wie gütig! Haben Sie schon gefrühstückt!"
„Noch nicht, Madame; ich nahm mir nicht Zeit dazu, weil Eugen mich dringend bat, hierher zu eilen und ich gestehe Ihnen offen, daß ich gewaltig hungrig bin!"
Statt aller Antwort bot Madame ihm eine reichverzierte Dose mit parfümirten Chocolade-Zeltchen. Lorenz nahm einige und dachte: eine Tasse Kaffee und eine Cotelette wäre dir lieber.
„Sie kommen gerade von München?" fragte Riadame mit einem leichten Seufzer; „ach, meine Tochter und konnte leider diesen Monat nicht hinübersiedeln, weil mein Mann so kränklich ist! Denken Sie sich, Herr Rabener ist nun ganz kindisch geworden und wird wohl kaum den Winter überleben! und wir muffen hier bleiben! - Aber sagen Sie uns doch, wie es m München acht? Gibt es einige neue Opern? Haben schon viele Bälle stattgesunden? Werden die Künstler wieder eine größere Festlich- teil veranstalten? Trägt man diesen Winter viele Pelze? Ha- ben Sie den neuen Roman von Fanny Lewald gelesen r O, bitte, sagen Sie uns Alles; erbarmen Sie sich unser in unserer unheimlichen Einöde!" .
Armer Eugen! dachte Lorenz; wenn ^em Schwiegerpapa allzu einsilbig ist wiegt die Schwiegermama diesen Fehler reich- 1,4 Endlich kam das Frühstück, daS reichlich und mit Eleganz servirt wurde: unter dem Essen fuhr Lorenz fort, sich den T amen so angenehm zu machen, daß Madame Rabener, als sie ihm beinl Abschiede den Finger bot, ihm sagte: „wenn Herr Marberg mor- neu auch noch nicht im Stande sein sollte^ Sie zu begleiten, so erwarten wir wenigstens Sie aus jeden Fall hier. Nicht wahr, Sie kommen? Ich habe noch tausenderlei Fragen über München W%ri%lS^ f^ ??r^ ’* Gastbause ben Dr Meßner, der ihn erwartete, um ihm in Kurze mitzu- theilen, daß die Krankheit seines Freundes sich gesteigert und einen
Masse entgegen kommen. Wer nämlich beiträgt und vorzugsweise oder die Hauptsache beiträgt, mag auch verwalten. Er ist doch Unserer Einer, sagen schon die Bauern mit einem gewissen Stolze!
Dhne Buchstaben und ohne Ziffern läßt sich nun freilich in der Welt nicht auskommen. Todt bleiben solche aber, wenn sie nicht ein guter Geist durchweht und belebt. Und dieser Alles belebende Geist ist und bleibt doch das Evangelium!
m Der Heiland spricht: mein Joch ist süß und meine Bürde ist leicht. DaS soll wohl heißen: meine Gebote sind nicht drückend.
Ihr Rechts- und Gesetzesmänner aber sagt: lex dura, sed tarnen lex — ändert aber nicht!
Allgemein war man der Ansicht, daß der Gegenstand bei der diesjährigen Ständcversammlung wieder zur ^Sprache gebracht werde. Man hat ihn aber kaum berührt, wohl weil man die Erledigung anderer Vorlagen für dringender hielt,*) vielleicht auch, weil einzelne Ständc-Mitglieder dazu nicht vorbereitet genug waren.
Hoffentlich wird man das Versäumte bei demnach- stiger Zusammenkunft nachholen, was nur der Wunsch aller Wohldenkcuden fein kaun ! Dixi et salvavi animam!
Deutschland.
* Wiesbaden, 18. Aug. Die heutige Nummer unseres Blattes wurde wegen zweier Artikel, welche Referate über den Stand und die baldige Ausgleichung der Kirchenfrage enthielten, mit Beschlag -belegt. Wir haben mit Hillweglassung der beanstandeten Artikel eine neue Ausgabe veranstaltet.
Der zweite Morgenzug der Taunus-Eiseubahn traf gestern über eine halbe Stunde später hier ein. Die Verzögerung entstand durch einen Achsenbruch an einem Wagen, der glücklicherweise keinen weiteren Unfall nach sich zog.
Die neueste hiesige Frcmdenlffte zählt 17,273 Kurgäste. Angekommen vom 11. bis 15. August 966.
Man meldet aus Madrid vom 8. d. M., daß der Gesandte Louis Napoleon's in Madrid, Marquis de Turgot, sich an das spanische Ministe- rium mit der Bitte gewendet habe, man möge ihm einige Aufschlüsse geben über das, was zunächst geschehen iverde. Aus diese, sehr höfliche Bitte um Explikation erhielt der französische Gesandte die barsche Antwort: Spanien habe darüber Niemandem Rechenschaft zu geben. Ferner erfahren wir, daß derselbe französische Gesandte von den Stierkämpfern und Nationalgardisten, welche sein Hotel umlagern, weil in demselben der letzte Minister-Präsident Graf San Luis versteckt sein soll, am 7. d. M. gröblich iiifulirt wurde und auf seine Beschwerde keine Antwort erhielt. Ferner theilt man uns mit, daß daß das Ministerium, namentlich auf Salazar's Andringen, sich entschlossen
*) Hierin irrt der Herr Verfasser; wir verweisen auf die vielen auf das Armenwesen bezüglichen Anträge der Abgg. Rau I und Heydenreich.
ernsten Character angenommen habe. „Ich habe Herrn Marberg nach meinem eigenen Hanse bringen lassen lassen, weil er bei mir doch bessere Pflege und Wartung finden dürfte, als im Gasthanse," sagte der würdige Mann; „und obschon ich dem braven Adlerwirthe nicht zu nahe treten will, so weiß ich doch, daß ein Kranker mit einer ansteckenden Seuche in einem Gasthause nicht willkommen ist!" Lorenz dankte dem wackeren Arzte und folgte ihm nach seinem hübschen kleinen epbeuumrankten Hause in einem freundlichen Gärtchen. In der Stube des Kranken trafen sie ein hübsches Mädchen, das Herrn Marberg so eben die Medicin reichte und von dem Eintreten eines Fremden überrascht schien. — „Bleib' nur, mein Kind!" sagte der Doctor; „es ist der Freund unseres Patienten! Meine Tochter Franzisca!" stellte sie Herrn Lorenz vor und drückte dcni Plädchen einen Kuß auf die Stirne. < ”
Eugen lag mittlerweile schon im Delirium und erkannte seinen Freund nicht mehr; von Zeit zu Zeil aber wiederholte er den Namen Juliens. Drei angstvolle Tage vergingen ohne daß der Zustand des Stauten sich belferte. Am vierten Tage nahm Dr. Nießner Herrn Lorenz bei Seite, welcher ebenfalls int Hause des Arztes Quartier gesunden hatte, und sagte zu ihm, „die Krankheit wird immer bedenklicher und droht sogar einen ungünstigen Ausgang. Sie sollten den Angehörigen Ihres Freundes Nachricht über sein Befinden geben; vor allem aber müssen sie nach Märtcnsee hinüber und die Familie Rabener mit dem Zustande unseres armen Freundes vertraut machen. Wenn Frau- lein Julie ihn noch einmal zu sehen wünscht, so sollte sic keine Zeit verlieren!" . c .
„Aber wenn Sie noch zu einem anderen Kranken abgemfeii werden sollten," fragte Lorenz mit einer Thräne «n Auge, „wer wird sich alsdann während uu,er Beider Abwe,enheit des Armen annehmen!" „
Weine Tochter soll ihm abwarten!"
"Wie? Sie wollten diesem zarten lieblichen Wesen einen fe häßlichen Anblick zumnchen, wie ibn'-ber Kranke darbietet — von der Ansteckung gar nicht zu reden?" -
Bab, Fanny ist ein braves muthigeS Mädchen und von Jugend auf gewöhnt, meine armen Patienten zu besuchen und zu