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ASS Nassauische Allgemeine Zeitung

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Wiesbaden. 1SM

Nr. 191

Mittwoch, 16 Augnft

Die Antwort des russischen Cabinets

aus die von Oesterreich gestellte und von Preußen unterstützte Aufforderung wegen der Räumung der Donaufürstenthümer, welche der französischen Regierung von dem Wiener Hofe officiel mitgetheilt wurde, hat die nachstehende (in ihren Grundzügen auch von England adoptirte) Ent­gegnung des französischen Ministers der auswärtigen Angelegenheiten veranlaßt.

Dronyn de Lhuys an den Baron de Bourqueney, Ministers des Kaisers zu Wien.

Paris, 22. Juli 1854.

Herr Baron! Ich habe die Depeschen, welche Sic mir die Ehre erwiesen haben, mir zu übersenden, bis zur Nr. 121 erhalten; Ihre gestrige telegraphische De­pesche ist mir ebenfalls zugekommen. Welches Interesse die von Ihnen mir angekündigte zwiefache Mittheilung der Regierung Sr. kais. Majestät auch gewähren muß, brauche ich doch nicht länger zu warten, um mit voll- kommener Sachkenutniß die Antwort des Cabinets von St. Petersburg zu schätzen. Seit mehreren Tagen habe ich dies Actenstück schon in Händen, das, wie Sie wissen, von dein General Issakoff alle den Re­gierungen zugestM worden ist, welche bei den Con- ferenzen zu Bamberg vertreten waren. Der Kaiser hat vor seiner Abreise nach Biaritz noch Zeit gehabt, es zu lesen und mir seine Befehle zu ertheilen. Ich habe nur wenige Worte auf den Anfang der Depesche des Herrn Grafen von Nesselrode zu erwidern. Ruß­land schiebt beharrlich den Westmächtcn die Verant­wortlichkeit für eine Krisis zu, die es allein veranlaßt, hat. Es hält sich an die Form ihrer Aufforderung und erkennt in einem Schritte, den sein Verfahren nothwendig genlacht, die bestimmende Ursache des Krie­ges. Das heißt aber etwas schnell die Reihefolge der langen und mühseligen Unterhandlungen vergessen, welche das letzte Jahr hindurch angedauert haben; das heißt, den häufigen Warnungen, welche Frankreich und Eng­land unter allen Formen dem Cabinet von St. Pe­tersburg hatten zugehen lassen, wenig Rechnung tra­gen; das heißt endlich nicht zugestehen, daß von dem Tage an, wo die russischen Armeen in die Donau- fürstenthümer eingedrungen waren, der Friede derge­stalt gefährdet war, daß die loyalsten und geduldigsten Bestrebungen ihn nicht mehr erhalten konnten. Deß­halb, Herr Baron, begnüge ich mich denn auch, daran zu erinnern, daß die Depesche des Herrn Grafen von Buol an den Herrn Grafen Esterhazy, eben die, auf welche der Herr Graf v. Nesselrode antwortet, die Wahrheit der Rollen, wie erforderlich, wiederhergestellt hat, und daß die Wiener Conferenz in dem Protocoll Dom 9. April feierlich anerkannt hat, daß die an Ruß­land von Frankreich und England gerichtete Auffor­derung im Recht begründet war. Europa hat also durch seine berufensten Organe sein Urtheil gesprochen unb das ist genügend für uns. Ich gelange nun zu dem politischen Theil der russischen Mittheilung. Vor Allem scheint es mir auffallend, daß, wenn man dein

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Die Liebesprobe.

Rovellete.

(Fortsetzung.)

'Schnöder Spötter! Sie thun dem armen Kind wahrlich Un­recht!" sagte Eugen Marberg fast gekränkt.

Keineswegs, mein junger Freund, ich will derfußen Ge­liebten nicht zu nahe treten; aber ich kenne die Frauen, mem Lieber, und darum schwärme ich nicht mehr für sie. Unsere heu- tigen Frauen und Mädchen lieben nicht mehr mit der Seele, mit dem Gemüth, mit dcni Herzen! das wäre unschicklich, das gehört nur in die Romane unb auf die Schaubühne. So liebt man in der Pension den ersten Lieutenant oder AuScultator, der dem fünf­zehnjährigen Engel nahe kostimt. Ist aber ein Mädchen von Stand und Vermögen zwei Winter lang die gefeierte Ballkönigin aewesen, steht sie dem Traualtäre so nahe, wie Ihre himmlische Julie so liebt baß holde Wesen mehr mit dem Verstände und mißt sich die Empfindungen mit dem Zollstabe zu, um nicht zu viel kostbaren Materials au den Verlobten zu vergeuden, den man ^ ^Sie^sind Poch'unausstehlich, wenn Sie auf dies Capitel kommen, Lorenz!" rief Marberg.Im vorliegenden haben Sie entschieden Unrecht: aber ich verzeihe Ihnen, weil Sie bis etzt me ne herrliche Julie noch nicht kennen. Ein Hauptgrund dafür, dâß ich Sie einlud, Zeuge meiner Verlobung mit diesem süßen Wesen zu sein, war die Ueberzeugung, daß Juliens Tugenden und Reize sicherlich vermögend sein werden, daS geschmähte und verachtete Geschlecht der Frauen in Ihren skeptischen Augen^ wie­der zu Ehren zu bringen, Ihnen zu beweisen, welch herrliche Eigenschaften eine Frau besitzt ..." .

J Unb nicht ansüben kann, weil der gute Anstand eS ver­bietet!" fiel ihm Lorenz bitter in's Wort.Jenun, der Theorie nach haben Sie ja recht mit ihrem Köhlerglauben an die Tress- lichkeit des weiblichen Gemüths: nur Schade, daß man in praxi bei den Frauen unseres Stastdcs so wenig davon bemerkt. In­deß werden wir ja sehen, wie viel Ihre himinlische Julie über mich verstockten Sünder vermag!" setzte er halb konusch, halb

von Oesterreich getanen und von PrcußÄ unterstützten Schritte einen rein deutschen Charakter zuschreibt, diese beiden Mächte durch das Ergebniß ihrer dringenden Ansuchen nicht befriedigt sein sollten. Die Depesche des Herrn Grafen v. Buol an den Herrn Grafen Esterhazy hob besonders folgende zwei Punkte hervor: 1) die Nothwendigkeit in kurzer Frist die Douaufürsten- thümer zu räumen; 2) die Unmöglichkeit, diese im Na- men der wesentlichen Interessen Deutschlands geforderte Räumung Bedingungen zn unterstellen, die von dem Willen Oesterreich nicht abhängig sein können. In­zwischen bestimmt man keine Grenze für die Besetzung der Moldau unb Walachei, und betrachtet die Procla- mirung eines Waffenstillstandes als die Bedingung sine qua non des Rückzugs der eingedrungencn Ar- meen über den Pruth. Der Schaden, den Rußland nach dem Zeugnisse Oesterreichs und Preußens dem deutschen Bunde dadurch verursacht, daß es nicht in seine Gebirgsgrenzen zurückkehrt, bleibt folglich noch fort­bestehend, und verschlimmert sich nicht allein durch seine Dauer, sondern auch noch durch das Nichtberück­sichtigungsverfahren, gegen welches die rechtmäßigsten Vorstellungen geltend gemacht worden. Das Cabi- nct von St. Petersburg hat zwar den in dem Proto- coll vom 9. April festgestellten Grundsätzen beigestimmt; allein das Verweilen russischer Truppen auf ottomani- schem Boden nimmt dieser Erklärung, die ich näher prüfen will, den größten Theil ihres Werthes. Die Räumung der Fürstenthümer ist in der That die erste Bedingung der Integrität des türkischen Reichs, und ihre Besetzung constituirt eine schlagende Verletzung des europäischen Rechts. Die Krisis, welche die Welt be­unruhigt (ich wiederhole das um so mebr, als man es zu bestreiten sucht), rührt von dem Pruth üb ergänze her, und Rußland kann die vorläufige Ausgleichung eines Verfahrens, das die allgemeine Meinung ver­dammt hat, nicht mehr den Erfordernissen einer Posi­tion unterstellen, in die eS sich mit Vorbedacht versetzt hat. Ich begreife nicht, ich muß es gestehen, was der Herr Graf v. Nesselrode sagen will, wenn er verkün­digt, daß die Integrität des ottomanischen Reiches von Rußland so lange nicht bedroht sein werde, als sie von den Mächten geachtet sei, welche gegenwärtig die Ge­wässer und das Gebiet des Sultans besetzt haben. Welche Aehulichkeit besteht denn zwischen dem Läuder- nehmer und dem Länderbeschützer? In was ist wohl die von der hohen Pforte durch ein diplomatisches Ac- tenstück verlangte Anwesenheit der Truppen der Ver­bündeten,, deren Wirkungen durch ein gemeinschaftliches Uebcreinkommen aufhören werden, vergleichbar dem ge­waltsamen Eindringen der russischen Armee in das ottomamsche Gebiet? Endlich, Herr Baron, bedeu­tet der Paragraph der Depesche des Herrn Grafen v. Nesselrode, welcher die Lage der christlichen Untertha­nen des Sultans betrifft, falls ich mich nicht sehr irre, daß das Cabinet von St. Petersburg zu den alten Privilegien rechnet, daß die Griechen des morgenländi­schen Ritus alle zugleich bürgerlichen und religiösen Privilegien des Schutzes, den es für sie beansprucht, bewahren sollen, und angenommen, daß dieser Schntz

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zweistlnd hinzu."Nun aber sein Wort mehr, denn bei diesem Sprechen erkältet mir der scharfe Wind ordentlich den Magen!"

Ein Bietclstüudchcn später hielten die dampfenden Pferde aus eigenem Antriebe keuchend vor dem ersten Gasthofe des Stadt- chcnö, der recht gastlich und behaglich die halb erstarrten Reisen­den aublickte ' und aus dessen Fenstern Heller Lichtschein auf die dämmernde Straße fiel. Marberg sah selber ein, daß er den Pferden einige Rast gönnen müsse und trat mit seinem Freunde in die warme Gaststube. Lorenz streckte und dehnte sich behaglich, schlug die Arme über einander und warf sich in den großen Lehnstuhl neben dem Ofen.So!" rief er,nun mögen alle Julien der ganzen Monarchie kommen und ihre verführerischen Reize spielen lassen mich sollen sie heute Abend nicht mehr ans diesem Hause hinausbringen!"

Wie Sie wollen, Freund," versetzte Marberg.Laben Sie sich meinetwegen an Sauerkraut und Speck , mit Würsten und Bier, schwitzen Sie in einem Federbett zwischen feuchten Laken; ich für meinen Theil setze die Fahrt fort, sobald die Pferde ihren Hafer verzehrt haben und sende Ihnen morgen früh den Schlit­ten wieder herein." .. t ,.,,.,

Herr Lorenz war's zufrieden und wärmte sich gemächlich, während er dem drallen hübschen Schenkmädchen m der Rmgel- Haube die ernstesten Weisungen wegen seines AbendbrodèS und eines Zimmers gab. Jeder andere Reisende als Eugen Marberg würde sich hier im goldenen Adler behaglich gesuhlt haben. Es war freilich kein großes Hotel mit einer Schaar geschäftig umhereilcnder Kellner und einigen betreßten Portiers; aber eS war ein Bauernwirthshaus , das sich sehen lassen konnte, uüd düs in Küche und Keller auf seine Ehre hielt. Em Hub, cheö Gastzimmer, mit Hirsch- und Rcbgewcihen und Gemsköpfen decorirt, ein Safep mit blendend weißem Tuch, eine bequeme Bank um den gewal- tiaen Thonofen erfreuten den Gksichtssinv wie die^sifhlmde $aut unb ans der nahen Küche drang ein folch köstlicher Bratendufl herein, daß Lorenz schon jetzt das Master un Munde zusam- '"^Die schmucke Nanni lurtte im Nu für Lorenz ein Gedeck auf den Tisch gesetzt und eine Flasche sunkelnden Veltelmer Wem dazu, auf welche der Halberstärtte Lorenz sogleich den Angriff er.

in eine europäische Garantie aufgehen sollte, forsche ich vergebens, wie die Unabhängigkeit und Souveränetät der hohen Pforte gleichzeitig mit einem solchen System bestehen könnte. Die Regierung Sr. kaiserlichen Maje­stät will wahrlich nicht sagen, daß Europa gleichgiltig die Verbesserung der Lage der Rajahs betrachten könnte. Sie glaubt vielmehr, daß es diesen Völkerschaften seine thatkräftige Sorgfalt angedeihen lassen und zu diesem Behufe die wohlwollenden Gesinnungen des Sultans zu ihren Gunsten unterstützen müsse. Allein sie ist auch der festen Ansicht, daß die Reformen, welche in das Verfahren einzuführen sein dürften, nach denen die verschiedenen Gemeinden der Türkei verwaltet werden, von der Initiative der ottomanischen Regierung aus- gehen müssen, nm wirksam und ganz entsprechend zu sein, und daß, wenn ihre Ausführung einer fremben Einwirkung bedarf, es eine freundschaftliche sein müsse, die sich durch gute und aufrichtig gemeinte Rathschläge zu bethätigen habe, und nicht durch eine auf Verträge (welche kein Staat unterschreiben kann, ohne auf seine Unabhängigkeit zu verzichten) begründete Einmischung.

Diese Erläuterung der Antwort des Cabinets von St. Petersburg wäre nicht vollständig, wenn ich nicht bemerkte, daß der Herr Graf v. Nesselrode auf das sorgfältigste vermeidet, irgend eine Anspielung auf die­jenige Stelle des Protocolls vom 9. April zu machen, die am meisten seine Aufmerksamkeit hätte fesseln sollen, und die allein, unseres Erachtens, eine Hanptwichtig- keit hat, weil sie die Nothwendigkeit einer europäischen Revision veralten Beziehungen Rußlands zur Türkei implicirt. Frankreich und England können mithin nicht auf die von dem Hrn. Grafen v. Nesselrode gegebenen schwankenden Versicherungen hinsichtlich der friedfertigen Neigungen des St. Peters­burger Cabinets, in einem Waffenstillstand einwilligen. Die Opfer, welche die verbündeten Mächte gebracht haben, sind so bedeutend, der von ihnen verfolgte Zweck ist so groß, daß sie nicht rasten können, bevor sie nicht die Gewißheit haben, daß sie sich nicht genöthigt sehen werden, den Krieg nochmals zu beginnen. Die beson- dern Bedingungen, welche sie für den Frieden anszu­stellen haben, sind von zu vielen Eventualitäten abhän­gig, als daß sie dieselben jetzt schon anzudeuten vermöch­ten, und müssen sie in dieser Beziehung ihre Ansicht vorbehalten. Bei alledem, Herr Baron, ist die Re­gierung Sr. kaiserlichen Majestät gern bereit, schon jetzt einige der Gewährleistungen zu bezeichnen, welche ihr unumgänglich nothwendig scheinen, um Europa vor der Wiederkehr einer neuen und nahen Ruhestörung zu be­wahren. Diese Garantien ergeben sich aus der Lage selbst, welche die Gefahr ihrer Nichtdaseins in helles Licht gestellt hat. So hat Rußland das ausschließliche Ueberwachungsrecht, welches die Verträge über die Be­ziehungen der Moldau und Walachei mit der oberlehns« herrlichen Macht ihm zusicherten, benutzt, um in diese Provinzen einzurücken, wie wenn sie Theile seines eige­nen Gebiets wären. Seine privilegirte Stellung aus dem schwarzen Meere hat ihm. gestattet , an diesem Meere Niederlassungen zu gründen und Seekräfte aus ihm zu entfalten, die durch den Mangel alles Gegen-

öffnete. Den ersten Schluck hatte er aber kaum mit bedächtiger Prüfung über die Zunge gleiten lassen, so nickte er Skamii schmun­zelnd zu und meinte:dieser Wein taugt mir mein schönes Kind; ist die Küche eben so gut bestellt, so werde ich sagen: Hier ist gut Hütten bauen!"

Nun wollen sehen, daß wir Sie zufrieden stellen," meinte Nanni und wandte sich an Marberg mit der Frage:haben der Herr schon befohlen?"

Mit nichteu, mein Kind; ich bleibe nicht lange! Geben Sie mir etwas Wein und einen Imbiß. Wenn meine Pferde abgefüttert sind, fahre ich weiter."

Heute Nacht noch? bei diesem Schneegestöber?" fragte Nanni erstaunt; mein Gott, müssen Sie denn reisen?"

Allerdings, mein hübsches Kind; ich muß heute noch nach Märtensee hinüber!"

Nach Märtensee?" rief Nanni; ich fürchte, das werden Sie heute nicht mehr erreichen!"

Und warum nicht?" fragte Marberg,wer sollte mich daran hindern?"

Der Schnee," versetzte das Mädchen;hat cs ja doch den ganzen Tag geschneit, als ob man es aus Mehlsäckn hernnter- schüttelte! "Drüben in der Niederung nach dem See hinunter muß der Schnee fast mannshoch liegen. Wie wollen Sie sich da in stockfinsterer Nacht zurechtfinden? Bleiben Sie um Gottes- willcn hier, oder fahren Sie wenigstens nicht eher, als biß tote meinen Vater gefragt haben, der draußen auf der Lchmclzhütte ist, aber bald bereinkoinmen wird!" dainit eitte sie hinaus.

Ja, bleiben Sie hier Herr!" sagte ein Mann in der Tracht eines wohlhabenden Gebirgsdaners, der draußen m der sogenann­ten Bauernstube am Ofen gesessen und will Pfeifchen geraucht hatte:bleiben Sie hier über Nacht, Herr. Die Namn hat nur allru recht- in dieser Nacht können Sie mit den abgetriebenen Pferden nicht nach Märtensee hinüber. Der starke Ostwind hat den Schnee von den Jochen l-eruntergefegt ins Thal und am Jaufeupaß briibeif liegen die Schneewehen haushoch. Die ganze Straüe ist maeweht. Man müßte ein Narr, oder seines Lebens sehr überdrüssig sein, weiln man in solch' stockfinsterer Nacht noch durch dm Jaufenpaß fahren wollte. Bleib' ich ja selber doch