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Wiesbaden. 1SM

11 r. 190

Dienstag, 15. August

Antwort des russischen Cabinets

auf die von Oesterreich gestellte und von Preußen unterstützte Aufforderung wegen der Räumung der Donaufürstenthümer.

Graf von Nesselrode an den Fürsten von Gortschakoff, russischen Gesandten in Wien.

St. Petersburg, 17. (29.) Juni 1854.

Mein Fürst! Der Graf Esterhazy hat mir die De­pesche mitgetheilt, durch welche sein Cabinet uns ein­ladet, der gegenwärtigen Krisis dadurch ein Ziel zu stellen, daß wir vermeiden, unsere Operationen jenseits der Donau weiter auszudehnen, und daß mir die Für- stenthümer in möglichst kürzester Zeit räumen. Indem der Herr Graf Buol diesen Wunsch durch die öster­reichischen und deutschen Interessen motivirt, welche eine Verlängerung und wertere Ausdehnung des Kampfes an der Donau compromittiren würde, stützt er sich daraus, daß unsere Besetzung der Fürstcnthümer die Haupt Ursache deS Krieges gewesen. Wir haben in dieser Beziehung einige Vorbehalte zu machen. Die Besetzung der Fürstenthümer hat weder die Eröff­nung noch die Fortsetzung der Unterhandlungen verhin­dert. Sie hat nicht die Aufgebung der Wiener Note, die Verwerfung der in Olinütz unter Mitwirkung und Beistimmung Oesterreichs gestellten Vorschläge veran­laßt, ebensowenig als die vollständige Uinwandelung aller früheren Unterhandlungsgrundlagen; und wenn alle Ausgleichungsversuche seitdem gescheitert sind, so wird das österreichische Cabinet nicht verkennen, daß dies Zwischenfällen und viel verwickelteren Beweggrün­den, über die wir jetzt lieber schweigen wollen, um be­dauerliche Gegeubeschuldigungen zu vermeiden, zuzuschrei­ben ist. Wir haben die Aufforderung (sommation) Frankreichs und Englands durch Schweigen beantwor­tet, weil sie in verletzender Form abgefaßt war und weil ihr offene Reizungen (provocations ouvertes) vorangegangen waren, die aller Gegenseitigkeitsbedin­gungen entbehren; und wenn die Folge davon der Krieg gewesen, so erfordert es die Gerechtigkeit, die Ursache dessilbèn^veuiger der Beschaffenheit unserer Antwort, als dem Ton und den Worten, welche sic veranlaßt haben, zuzuschreiben. Wie dem auch sei, wenn nach der Meinung der österreichischen Regierung die verlän­gerte Besetzung der Fürsteuthümer der Beweggrund des Kriegs gewesen, müßte sich daraus ergeben, daß mit dein Aufhören dieser Besetzung der Krieg selbst wegen der alleinigen Thatsache endige, weil die Feindseligkeiten eingestellt worden. Befindet das Wiener Cabinet sich in dem Fall, diese Versicherung uns zu geben? Es kann seiner Beachtung nicht entgehen, daß von dem er­sten Augenblick, wo die Pforte uns den Krieg erklärt hat, vorzüglich, seitdem der Kreis dieses Krieges außer­halb der Türkei in unsere Meere und auf unsere Kü­sten versetzt ist, er sich über alle Maßen vergrößert hat. Welches auch der ursprüngliche Charakter der Besetzung der Fürstenthümer gewesen, so ist sie für uns doch nichts anderes geworden, als eine militärische Position deren Beibehaltung oder Aufgebung vor Allem strate-

Die Liebesprobe.

Novellcte.

Ein früher Novembertag voll Schneegestöber ging zur Neige. Die Luft war wie Ein Gewölke von weißen, wirbelnden Flocken und die Wolken hingen so niedrig, daß man nicht das geringste von jenen herrlichen, kühnen Bergen sah, welche die Alpenwelt des Salzkammerguts zu einem solch' wundersam schönen Fleck der Erde machen. Stur hie und da blies ein heftiger Windstosi die Schneeflocken davon und wühlte dafür den Treibschnee in Wol- tcu auf, die, wo sie niederfielen, mannshohe Schneewehen bildeten. Nicht einmal eine Krähe flog lautlos durch das Gefilde. Dlur zwei müde Pferde zogen einen eleganten Reiseschlitten mühsam bergan durch den weichen Schnee, in welchem der Hufschlag der Thiere erstarb. Auch die Glöcklein und Schellen des Gespanns ertönten nur zuweilen, als wären auch sie verdrossen oh der dicken Luft voll Schnee und seinen Eisnadeln.

In dem Schlitten lehnten zwei Männer, sorglich IN Mantel und warme Reisepelze gehüllt, ebenfalls schweigend; der Eure, ein sehr schöner junger Mann von höchstens fünsundzwanzig Jah­ren, mit einem blühenden Gesicht und lebhaften, blitzenden Äugen, blickte träumerisch in den öden weißgrauen Himmel hinein, wel­cher schon die Vorboten der Dämmerung gemäht werden ließ im dichter», unbestimmtem Duft der Ferne, obschon er d.e Zügel des Gespannes führte. Sein Gefährte, cm breites, gelassenes ^oll- niondsgesicht voll Gutmiithigkeit und Phlegma, trug ebenfalls den unoerfennharen Stempel der Intelligenz in seinen Zügen;, allein er war um mindestens zwölf Jahre älter als der Andere und schien des Reisens in solchem Wetter nicht sehr gewohnt zu sein, denn um seine nußbraunen Augen spielte in diesem Augenblick etwas Umnuth und sein häufig wiederholtes Gähnen deutete aus Icc- ren Magen und die einschläfernde Wirkung der Kälte. Sem Kopf nickte zuweilen nach allen Seiten, alö könnte er einer An­wandlung von Schlaf kaum mehr widerstehen.

Nun! nun, lieber Lorenz!" sagte der Jüngere neckend, Sie gähnen ja, als wollten Sic einen unserer Braunen da vorne verschlingen!"

gischen Erwägungen untergeordnet sind. Es ist also ganz einfach, daß, bevor wir uns freiwillig, mit Rück­sicht auf die Lage Oesterreichs, des .einzigen Punctes entnehmen, wo bei Fortsetzung der Offensive uns noch einige Aussicht bleibt, zu unserem Bortheil das auf al­len übrigen Puncten uns zum Nachtheil gewendete Gleichgewicht wieder herzustellen, wir wenigstens ermes- sen, welche Sicherheit Oesterreich uns bieten kann. Denn wenn die Feindseligkeiten fortdauern, wenn die Mächte, jeder Besorgniß in der Türkei enthoben, freie Hand behalten, sei es aus dein geräumten Gebiet uns zu verfolgen, sei, alle ihnen Hinfort zu Gebote ste­henden Streitkräfte zum Angriff gegen das asiatische oder europäische Küstenland zu verwenden, um uns unan­nehmbare Bedingungen aufznnöthigeu: so ist es augen­scheinlich, daß Oesterreich von uns verlangt hätte, uns dlirch ein durch nichts ausgeglichenes Opfer moralisch und materiell zu schwächen. Bon Rußland zu verlan­gen, daß es sich gänzlich der Willkür seiner Feinde überlasse, wenn diese ihre Absicht gar nicht verhehlen, seine Macht zu stürzen oder zu vermindern; es allen Angriffen preiszugeben, die sie gegen dasselbe zu richten für gut befänden, indem sie es überall zur Defensive nöthigten; ihm endlich im Namen des Friedens jedes zweckdienliche Mittel zu rauben, damit dieser Friede es nicht zu Grunde richte und entehre, wäre ein mit allen Gesetzen der Billigkeit, mit allen Grundsätzen der mili­tärischen Ehre so sehr in Widerspruch stehendes Ver- fahren, daß, wie wir gern glauben wollen, ein solcher Gedanke nicht einen einzigen Augenblick von Sr. Maje­stät dem Kaiser Franz Joseph gehegt worden sei. Bei Mittheilung des Protocolls vom 9. April stützt der Wiener Hof bei uns sich auf die von ihm den Westmächten gegenüber eingegangene Verpflichtung, durch alle seine Mittel die endliche Räumung der Fürsten­thümer herbeizuführen. Aber indem Oesterreich diese Ver­pflichtung übernahm, hat cs nicht die Wahl des Mit­tels sich untersagen können, welches ihm bei Erfüllung seiner Verbindlichkeiten das geeignetste schien, um Ruß­land in den Stand zu setzen, mit Ehre und Sicherheit für sich selbst die Räumung zu bewerkstelligen. Die von ihn: eingegangene Verbindlichkeit gibt ihm vielmehr das Recht, Lei den Mächten darauf zu dringen, daß sie durch ihre Forderungen selbst den Erfolg seiner Bestre­bungen nicht hemmen. Es verhält sich ebenso mit den österreichischen und deutschen Handelsinteressen, die ge­gen die Verlängerung oder Auodehnung unserer militä­rischen Operationen angernfen worden. Sie ermächti­gen das Wiener Cabinet, bei den beiden Mächten die­selben Gründe geltend zu machen, wie bei uns. Denn wenn die Interessen Oesterreichs und ganz Deutschlands augenblicklich unter unsern Operationen an der Donau leiden, so werden sie, wie die aller neutralen Staaten noch viel mehr zu leiden haben von der durch die Sec- opcrationen Frankreichs und Englands im schwarzen Meere, in der Nordsee und im baltischen Meere her- beigcführtcn Lage. Die österreichische Regierung möge also, nach reifliher Erwägung dieser Betrachtungen, gegen uns über die Sicherheitsgarantten, welche sie uns gewähren kann, sich erklären, und der Kaiser dürfte

KE

Und warum nicht ein Stück davon, falls eS gut gebraten und appetitlich servirt wäre, lieber Marberg!" versetzte der Ael- tere langsam.Mein Hunger ist so groß, daß nur in diesem Augenblick ein Horscstcack sürwahr beinahe so lieb wäre, wie Beessteak. Die Feldflasche ist leer, die Cigarre aus und der dumme Branntwein macht noch schläsriger. Dazu wird in weni­gen Minuten die Macht einbrechen und wir haben noch volle drei Meilen vor uns Grund genug, um sich recht herzlich zu lang­weilen. Wie sollte man sich da des Gähnens erwehren können! Uah ah!"

Kommen Sie, Lorenz! nehmen Sie eine Weile die Zügel und lassen sie die Pferde einmal recht tüchtig traben! Steine Finger sind so starr, daß ich beinahe gar kein Gefühl mehr da­rin dabei"

Lorenz that wie ihm angesonnen worden und gebrauchte die Peitsche kräftig, aber nach jedem kräftigen Zuge, zu metebem die Thiere so angetriebeu waren, ließ ihr Eifer stets rasch wieder nach und bald zeigten sich alle Aufmunterungen durch Zuruf, Peitsche und Zügel vergeblich.

Es hilft nichts, mein Lieber! die armen Thiere können nicht mehr traben!" sagte Lorenz endlich.Höreii^ Sie nur wie das arme Dich kencht und sehen Sie mir das L-chtittcngeleisc,^ das spannentief durch weichen, frischen Schnee geht. Zum fetter auch! die Thiere sind so marode wie ich und das ist wabrllch auch kein Wunder. Wir haben jetzt fünf Uhr und seit euf U >r fahren wir in einem Futter. Das würde fürwahr cm V nee« phalus nicht aushalten! ... Ich wollte wir wären am Ziele.

Gebrauchen Sie nur die Peitsche, lieber Loreuz, dann ge­langen wir um so schneller dorthin!"

Schonen Dank für den guten Rath, aber ich werde ihn nicht befolgen. Wozu das müde Vieh noch quälen." _

Allein Sie werden doch nicht unter freiem Himmel bivonati- ren wollen, Lorenz?" ., , .

Nein, bei Leibe nicht, lieber Junge," erwiderte Lorenz und hauchte in seine frost starren Finger;allein ich sehe dort hinter der nächsten Biegung der Straße den gastlichen Rauch eini­ger Kamine aufsteigen und mir ist als stiege mir schon der

aus Rücksicht auf die Wünsche und Interessen Deutsch­lands wohl geneigt sein, in Unterhandlungen über die bestimmte Epoche der Räumung eiuzutretcn. Das Wie- uer Cabinet kann im voraus überzeugt sein daß Se. Majestät in demselben Grade wie dies Cabinet den Wunsch theilt, der Krisis, welche jetzt auf allen euro­päischen Lagen lastet, ein Ziel zu stellen. Unser crha- bener Gebieter will noch, wie er immer gewollt, den Frieden. Er will, wir haben es wiederholt und wiederholen es nochmals, weder eine unbestimmte an­dauernde Besetzung der Fürstenthümer, noch ein perma­nentes Verbleiben in denselben, noch ihre Einverleibung in seine Staaten, oder gar den Sturz des ottomanischen Reichs. In dieser Beziehung macht er keine Schwie­rigkeit, die in dem Protocoll vom 9. April fcstgcstcllten drei Grundsätze zu unterschreiben. Integrität der Türkei: Dieser Punct ist ganz übereinstimmend mit Allem, was wir bisher aufgestellt haben; er wird von uns so lange, als er von den Mächten, welche gegen­wärtig die Gewässer und das Gebiet des Sultans be­setzt halten, geachtet wird, nicht bedroht werden. Räu­mung der Fürstenthümer: wir sind bereit, sie zu vollstrecken, wenn uns entsprechende Sicherheiten ge­währt werden. Consolidirung der Rechte der Christen in der Türkei: von der Idee ausgehend, daß die für alle christlichen Unterthanen der Pforte zu erlangenden bürgerl. Rechte unzertrennlich von den relig. Rechten sind, wie das Protocoll sie stipulirt, u. daß sie werth- los für unsere Glaubensgenossen werden würden, wenn diese bei Erwerbung neuer Privilegien nicht auch ihre alten bewahrten, haben wir schon erklärt, daß wenn dem so wäre, die von dem Kaiser au die Pforte gestellten For­derungen erfüllt, mithin der Beweggrund der Störung beseitigt wäre, und Se. Majestät bereit sein würde, an der europäischen Garantie dieser Privilegien sich zu be- theiligen. Da solches nun die Gesinnungen des Kaisers über die in dem Protocoll angegebenen Hauptpunkte sind, so scheint cs uns, mein Fürst, daß wenn man wirklich den Frieden, ohne ihn unmöglich machenden Rückhalt will, es nicht schwer sein würde, auf dieser dreifachen Basis dazu zu gelangen, oder wenigstens die dahinführenden Unterhandlungen mittelst eines Waffen­stillstandes vorzubereiten. Ew. Excellenz wolle diese Hoffnung dem österreichischen Cabinet bei Mittheilung dieser Depesche, aussprechen. Empfangen Sie, rc. Un­terzeichnet: Ncsselrode.

Deutschland.

* Wiesbaden, 15. August. Die Aufhebung der gegen unser Blatt von Seite der Polizeibehörde getroffene» Maßregel ist bis jetzt nicht erfolgt.

Die neueste hiesige Freindenliste zählt 16,535 Kur­gäste. Augekommcu vom 8. bis 11. August 654.

Limburg, 12. August. Heute Morgen ließ der Herzogliche Kreisbeamte sämmtliche hiesigen Bäckermei­ster zu sich bescheiden und suchte sie zu einer Herab­setzung des Brodpreises von 20 auf 18 Kreuzer zu be- ftimmeu. Auf die von den Bäckern einstimmig abgege­bene Erklärung, daß sie sich einem solchen Ansinnen |UIMU.IMMIHWMMUMaMMM»BBMMMaMi^^^WMM. t Duft von Sauerkraut und Schwcinsbratcn aus der Dorfscheuk in die Nase."

Was kann das Sie vcrsitbren? Sie missen ja, daß uns in Märtensee bei unserer freundlichen Wirthin ein feineres Mahl er­wartet, lieber Lorenz!" rief der Jüngere.

Lorenz schüttelte den Kopf.Sie wissen nicht, was Hunger beißt und was für eine Genügsamkeit er besitzt in Bezug auf die Qualität der Kost. In meinem Alter ist man nicht liebessatt, wie in dem Ihrigen und wie Sie gerade in der jetzigen Stim- mung," fuhr Lorenz phlegmatisch fort;eine Rebhuhnpastete mit Trüffeln am Ziele einer zweistündigen Fahrt bedünkt mich nicht halb so einladend, als ein Teller Sauerkraut mit Rauchfleisch und Blutwurst, welche nur in der Entfernung einer halben Arms­länge und eines Löffelstieles mir bevorstehen!"

Unsinn, lieber Lorenz!" rief Marberg lebhaft;Sie wer- den mich doch nicht auf so unangenehme Weise im Stiche lassen? Sie wissen ja, daß mir heute Abend in Märtensee erwartet wer­den: daß Alles zu unserem Empfang bereitet ist! Wenn wir nun nicht aukommen, welch' ein Schreck wird das sein? Wie wird sich namentlich meine süße Julia ängstigen?"

Ja, ja," meinte Lorenz in seiner gelassenes behaglichen Weise und lächelte vor sich hin;das ist ganz die Sprache eines Verliebten. Sie sind in der That noch sehr jung für ^hre Jahre, lieber Marberg!Wie wird sie sich ängstigen, drese ge­liebte, süße Julie? Ich sage Ihnen, lieber Eugen, Ähre süße Julie wird mit dem besten Appetit von der Welt zu Nacht speisen und vielleicht nur einige Male, wenn sie um andern Stoff zur Unterhaltung verlegen ist, die Aeußerung thun:es ist doch seltsam, daß diese Herrn nicht kommen! Und ihre Dèama wird dann mit Recht einwenden, daran sei ohne Zweifel das anhaltende Schneien Schuld, und sie wird den Aufenthalt auf dem Lande recht von Herzen verwünschen. Ihre fuße Julie wird sich dmm ganz gelassen an das Piano setzen oder einen neuen Roman von Sand oder von Dumas zur Hand nehmen und sich noch ein Stündchen gemüthlich unterhalten. Und wann sie dann endlick, aufsteht, um schlafen zu gehen, wird sie zur Mama im gelassensten Tone sprechen:Herr Marberg wird mor­gen gewiß kommen; was meinst Du, Mama, soll ich das grüne