Die .Nassaulsche Allgemeine Zeitung'. 4 - ,
es* Naffaulslhe Allgemeine Zeitung. USS
Wiesbaden. IS 5 4
Nr. 187.
Freitag, 11 Angnft
Wiesbaden, den 11. August.
Nach telegraphischen Berichten aus München vom 10. August ist Se. Maj. der König von Sachsen auf der Rückreise ans Tirol bei Brennbühel mit dem Wagen umgeworfen und durch den Schlag eines schengewordeuen Pferdes getödtet worden.
König Friedrich August von Sachsen hat das 57te Lebensjahr erreicht, er war geboren am 18. Alai 1797, succedirte in Folge der väterlichen Verzichtleistung seinem Oheim, dem König Anton, am 6. Juni 1836: schon vorher Mitregent seit 13. September 1830. Zunächst berechtigt iu der Thronfolge ist des eben Hingeschiedenen Königs einziger Bruder, Herzog Johann geb. 12. Dezember 1801; ihm folgt eventuell des Herzogs Johann älterer Sohn, Prinz Friedrich August Albert, geb. 23. April 1828; vermählt mit der Prinzessin Karola v. Wasa.
Brennbühel (auch Brennbichel) ist eine Einöde im bayerischen Landgerichtsbezirk Rosenheim im Jsar- kreis, auf der Straße zwischen München und Salzburg.
Unter den gestern hier eingetroffenen Nachrichten finden wir nebst dieser betrübenden Kunde noch eine wichtige Mittheilung über die neueste Gestaltung der orientalischen Frage durch einen gemeinsamen Schritt der Cabinette von Oesterreich, Frankreich und England. Preußen hat sich dabei nicht betheiligt. Die Nachricht lautet:
Paris, 10. August. Der "Moniteur» meldet heute, daß die vollständige Räumung der Walachei und der Moldau von Seite der Russen officiell in Wien verkündigt worden ist. Nichtsdestoweniger hat Graf Buol-Schauenstcin am 8. August mit dem französischen und englischen Gesandten, Bonrqucncy und Westmoreland, Noten gewechselt, worin erklärt ist, daß Oesterreich aus demselben Gesichtspunkte wie Frankreich und England die von Rußland zu fordernden Garantien betrachtet, um die Wiederkehr der Verwicklungen, welche Europa beunruhigt haben, zu verhindern. Oesterreich verpflichtet sich zugleich, bis zur Wiederherstellung des allgemeinen Friedens nur dann mit Nüßlaud zu n-nterhandeln, wenn es d i es eG a r a n t i e u erhalt.
Deutschland.
* Wiesbaden, 11.August. Die Aufhebung der gegen unser Blatt von Seite der Polizeibehörde getroffenen Maßregel ist bis jetzt nicht erfolgt.
Am Kursaal werden bereits Anstalten zum Beginn der Erweiterungsbauten getroffen. — Die netteste hiesige Fremdenliste zählt 15,881 Kurgäste. Angekommen vom 4. bis 8. August 765. Unter den angckommencn Fremden befindet sich der Hochwürdigste Herr Bischof von Würzburg.
© Bleidenstadt, 7. August. Gestern feierten wir endlich ein Fest, auf dessen Erscheinen die Hälfte der hiesigen Bevölkerung feit beinahe zwei Decenien mit schmerzlicher Sehnsucht geharrt hatte. — Es war die Grundsteinlegung zur nèueu evangelischen Kirche. — Während eines halben Menschenalters mußte bisher der Schulsal zum Gottesdienst benutzt
werden, ein baufälliges Local, dessen Räumlichkeit bei weiten- nicht hinreichte, die nicht unbeträchtliche Zahl der Evangelischen aus hiesiger Gemeinde und aus drei hierher cingepfarrtcu Ortschaften in sich zu fassen. Daß unter solchen Verhältnissen der kirchliche Sinn die rechte Anregung und Nahrung nicht finden konnte, ist selbstredend und hoffen wir, daß eine rasche Vollendung des einmal begonnenen Werkes von den segensreichsten Folgen begleitet sein wird. — Wir können hier nicht unterlassen, den edlen Gebern zu der auswärts abgehalte- ucn dessallsigen Collecte den allgemein gefühlten, innigsten Dank öffentlich abzustatten. — Dagegen hat eS vielfaches Bedauern erregt, daß die neue Kirche, um den in ziemlicher Entfernung von hier noch stehenden Thurm der alten evangelischen Kirche benutzen zu können, ans Sparsamkcitsrücksichten außerhalb des Ortes Eingestellt wird. — Trotz dem aber zeigten die Bestrebungen des ganzen Ortes und der Umtiegenschaft zur Verherrlichung der ersehnten Feier nach Kräften beizutragen, zu welch allgemeiner Befriedigung die endliche Erfüllung des lang gehegten Wunsches gereichte. — Schon in aller Frühe des gestrigen Morgens verkündeten mächtige Böllerschüsse und das Geläute der Glocken die hohe Bedeutung des Tages. — Um 2 Uhr des Nachmittags bewegte sich der Zug der Gemeinde, welcher durch sinnreiche Fahnen, Blumenkränze und durch die in reichen Kleidern erschienenen Jungfrauen festlich geschmückt war, unter einem erhebenden, von Musik begleiteten Choralgesang des hiesigen Singvcreius von dem Schullocale aus nach der festlichen Stätte; hier hielt nach abermaligen zwischen der Gemeinde und dem Gesangverein abwechselnden Gesängen der OAsgeistliche die Einweihungsrede, in welcher derselbe namentlich auch die Verdienste des Gustav-Adolphs-Vereins nm den hiesigen Kirchenbau hervorhob, und sprach sodann, nachdem der Grundstein gelegt und ein für die Nachwelt sprechendes schriftliches Document demselben èingefügt war, unter dem Geläute der Glocken den Einweihungssegen. — Gebet und Gesang schlossen die denkwürdige Feier. — Mit besonderer Freude hat es uns hierbei erfüllt, baß auch die hiesige katholische Einwohnerschaft mit ihrem Herrn Geistlichen einen lebendigen und theilweise selbstthätigen Antheil nahm und so den Geist ächt christlicher Liebe und Duldung bewährte, der in unserer durch kirchliche Spaltungen sich auszeichnenden Zeit leider wieder so sehr zu weichen droht. — Wir leben der freudigen Hoffnung, daß der Bau des Gotteshauses schon im nächsten Jahre vollendet werden wird und alsdann bei Einweihung desselben mit vollem Rechte gesagt werden kann: finis coronat opus!
i Limburg, 9. August. Gestern Nachmittag ward hier eine in Gesellschaft des sächsischen Ingenieurs Sch., der am Tage vorher hier einen mit Experimenten verbundenen Vortrag über Telegraphie vor einem zahlreichen Publicum gehalten hatte, reisende Dame wegen Diebstahls verhaftet. Herr Sch. hatte sich nämlich mit seiner Begleiterin im "Deutschen Hause» cinlogirt. Beim Abdecken der Tafel ergab es sich nun, daß vier silberne Eßlöffel und eine silberne Gabel fehlten und der Verdacht des Diebstahls fiel alsbald auf jene Frau,
die sich schon vorher eine Dttcthkntsche zur Reise nach Hadamar bestellt hatte. Auf die gemachte Anzeige gelang es der Polizei, dieselbe noch vor ihrer Abreise nach Hadamar in der jenseits der Lahn gelegenen Vorstadt zu verhaften und auf das Justizaint zu führen. Bei angestellter Durchsuchung fand man die gestohlenen Sachen wirklich bei ihr und sie wurde deßhalb einst- weilen in das hiesige Arresthaus gebracht. Schon am Tage vorher soll es zwischen Hrn. Sch. uttb' seiner Begleiterin, die sich iin Augenblicke ihrer Arrestatton im trunkenen Zustande befand, wegen angeblicher Ver- untreuung von Geld von Seiten der Letzteren zu Streitigkeiten und dem Vernehmen nach auch zu handgreiflichen Demonstrationen in dem Locale der Vorlesung gekommen sein und dies den Grund der Trennung der Frau von ihrem Begleiter abgegeben haben.
Frankfurt, 10. Aug. Im Auftrage Hohen Senats macht heute die Stadt-Canzlei, den in der Sitzung der deutschen Bundesversammlung vom 6. Juli d. I. ergangenen Beschluß, die allgemeinen Buudesbe- stimmnngen zur Verhinderung deS Mißbrauchs der Preßfreiheit betr., zur Nachachtung öffentlich bekannt.
München, 7. August. (Dtsch. Vlksbl.) Mit Bedauern muß ich Ihnen melden, daß die Cholera wirklich in München aufgetreten ist und schon eine Anzahl namhafter Opfer gefordert hat. Der Staatsrath von Jeres, welchen die Neue Münchener Ztg. am «Schlag- ansall» (!) hat sterben lassen, ist der Epidemie erlegen. Der jüngere Frhr. v. Salis-Soglio, welcher am Nachmittag noch wohl und heiter war, wurde Nachts von heftiger Diarrhoe, Erbrechen und Krämpfen befallen und war, nachdem er noch vorher providirt worden, innerhalb ein paar Stunden eine Leiche. Gestern Vormittag wurden zwei Bediente des päpstlichen Nuntius von der Cholera ergriffen, heute ist einer davon schon auf dem Gottesacker. Der pensionirte Oberstlieutenant v. Fischer ist in gleicher schlcumgster Weise weggerafft worden; der Wirth des bekannten Gasthauses zumOber- polliuger ist diese Nacht an der Epidemie verschieden rc. In verschiedenen Fällen ist der Tod schon binnen einer Stunde eingetreten. Bis jetzt ist die Gesammtzahl der Opfer verhältnißmäßig noch nicht groß, aber wir befinden unS auch erst am Anfang, nub die Epidemie ist unstreitig im Zunehmen. Wahrlich absurd ist es, daß die Allgemeine Zeitung heute eine "entsprechendste Widerlegung» der "auswärts verbreiteten Gerüchte» in dem Festmahl finden will, welches dem in den letzten Tagen baronisirten Ministerpräsidenten v. d. Pfordten auf der Mcnterfchwaige gegeben worden ist: denn der Mnister selbst fehlte bei diesem Esten, weil seine Tante — eben an der Cholera gestorben war! Officicll haben wir den bösen Gast freilich noch nicht in unsern Mauern, da die Polizei ihm noch keine Ansent- Haltökarte ausgestellt hat; auch sind mehrere Leute, die unbefugter Weise sich aus offener Straße von der Epi- demie und ihren Opfern unterhielten, prophylactisch in polizeilichen Gewahrsam durch die Gensdarmen gebracht worden, doch läßt sich nicht verheimlichen, waS die ganze Stadt weiß, wohl aber vermehrt man durch das Ber-
Tas Schloß am Tcrek.
Ein Märchen aus dem Kaukasus, von Emil Prinzen von Wittgenstein.
(Fortsetzung.)
In feilte Höhle rasch zurückgcprallt
Sor jener jugcudkräftigcu Gestalt War da der Kleine, der wirr und erschreckt Sogar die Hand nach seinem Dolche streckt. Doch mit ihm war der Jüngling schön und fein Getreten in das dunkle Weichbild ein, Er staub vor ihm im Schmucke reicher Waffen, So wie ein Gott vom Mädchentraum erschaffen, Und bat mit edlen Worten bei dem Zwerge Kür blankes Geld um eine Nachthcrbcrge.
Der war der Artigkeit nicht sehr geneigt Und leicht im Stande, fort den Gast zu schicken, Wenn dieser nicht so festen Ernst gezeigt Und nicht begehrt mit so entschlednen blicken. Doch plötzlich war der Zwerg wte umgeschaffen, , Sein Aug' verschlang den Mann, das Kleid, die Waffen, Er war mit einmal wie ins Paradies verzückt, Denn waS, beim Ormnzd, hatte er erblickt ?
Als schmucke Haft an seinem Panzerhemde Trug den ersehnten Talisman der Fremde. Er ist's! er muß es sein! Auf schwerem Gold Fünf persische Türkise, schimmernd hold, Und leuchtend auf dein mittleren geschrieben „Assaf", das Zauberwort, in Gold getrieben. Schnell, wie er'S sah, erfaßt ihn die Begierde Sich zu bemächtigen der seltnen Zierde. Wie er borher voM Gast nichts wollte wissen, So sprang er jetzt wie toll umher, beflissen, Zu machen ihn zum Freunde sich und hold, Um zu erreichen, was er heimlich wollt'.
Der schien nicht sonderlich zu näherer Berührung Mit seinem licbenSwürd'gcn Wirth geneigt; Er hielt sein sinnend Haupt züm Feuer hingebeugt, Und durch sein Herz floß wunderbare Rührung. Er sah iin Geiste seine Mutter sterben, Und dachte ihrer Worte milder Huld, Und ihrer frühen tiefbereuteit Schuld, Und wie er mag des Vaters.Herz erwerben.
So schien er in der Höhle dumpf und enge Wie eine Lerche zwischen Käsigsstäben,
Wie eines Diamantcs Glanzgepränge, Bon dem Versteck des Geizigen umgeben. Der Zlvcrg indessen hielts nicht länger aus, Und plumpte also mit der Thür in's Haus: „Hast, lieber Gast, da eine hübsche Spange; Doch an des Pauzerhcnidcs Eisenklauge Paßt nimmer solche bunte leichte Haft: Schenk' mir sie drum für meine Gastfreundschaft." Allein der Jüngling, schweigend wie vorher, Slawin eine Börse, die an Münzen schwer, Und warf mit stolzer flüchtiger Geberde Vor dem verblüfften Kleinen sie zur Erde.
Der sprach: „Du hast mich allzu sehr verkannt, — Fürwahr, auf Gold ist nicht mein Sinn gespannt. Ein schlichter Dtaun, der nicht nach Gütern geizt, Bin ich, doch den das Sonderbare reizt;
Oft Spielwerk nur, wie eben deine Spange, Die ich ja gegen Zahlung nur verlange, Und großen Dank dir drum noch wissen will —" Da fuhr der Jüngling auf im Zorn und still Blieb einen Augenblick der kleine Wirth, Bis er dann schlau die Rede weiter führt: . Schon gut, du willst mir nicht das Opfer bringen, Liegt nichts daran, ich will dich nimmer zwingen, Auch nicht dich weifen in ben Sturm hinaus, Denn gastlich ist für Jeden dieses Haus. Drum, gute Nacht; baS Lager dort von Fellen Wird beute Kraft unb Laune her dir stellen.
Ormuzd beschütz' dich, der im Feuer blickt, Wie auch der neue Gott ihm manches Herz entrückt". So "sprechend rollt' er sich in einer Ecke Zusammen, ganz versteckt in warmer Decke.
Die Nacht war finster, leise dröhnt' cs noch
Von Zeit zu Zeit von fernen Donnerschlägen, j 2
. Im Fdlsgerölle riefelte der Regen,
Und weiter hin sich das Gewitter zog, Und in der Höhle Alles dumpf und still, Nur glimmend noch des Feuers Rest in Kohlen; Von ferne hört zuweilen man den hohlen Nachtrnf der Felseneule scharf und schrill.
Der Jüngling schläft. Der Zwerg streckt sich empor Und lauschet lange mit gespanntem Ohr.
Dann' ficht er auf, vorsichtig, still und sacht Und kommt geschlichen, leise wie die Nacht.
Er naht dem Gast, in seiner Hand erblitzt Ein langes Meffer, scharf und feingespitzt. Er fühlt vorsichtig nach des Schläfers Brust, Und tappt umher und sucht und zittert bange, Hub endlich fühlt mit kaum verhalt'ner Lust Im Griffe er die wunderbare Spange.
Fest schläft der Gast. — Schon hält den Talisman, Der Gut und Glück und Ruhm ihm schaffm kann, Der Kleine in den angstbewegten Händen — Da Plötzlich soll für ibn die Hoffnung enden! Des Feuers Reste, eben im Verglühn, Noch einmal mußten sie in Funken sprühn, Und cinzle Kohlen, die zerplatzt m Funken, Sie fallen auf den Schakal schlafestrnnken. Der, aus der Ruh' vom Schmerz^ aufgeschreckt, Aufheulend schreit, daß laut die Höhl erklingt Und daß der Gast, aus tiefem Schlaf erweckt, Mit wilder Hast von seinem Lager springt. Gleichzeitig fühlt bet Jüngling einen Stahl, Der ab von feinem Panzerhemde prallt, Und, bald betäubt, das Messer noch einmal ' Auf seine Brust einbringen mit Gewalt,