Einzelbild herunterladen
 

Die »Nassauische Allgemeine Zeitung» erscheint, Sonntag unsgcnomno u, täg­lich. Preis: vierteljährig> Wies- daoen und den Thurn und Toxischen Postbezirk 2 ft, sonst 2 fl. 24 kr.

Nassauische Allgemeine Zeitung.

Bestellungen nehmen an in Wiesbaden die Expedition (große Schwalbacher- slraße Nr. 7) auswärts alle Postan- stalteu. Inserate: die vierspaltige Petitzeile oder deren Raum S tr.

Wiesbaden. 1853.

Ar. 185.

-LMlS^^MAdS^dâMENVS'LM^M«:

Mittwoch, 9» Angnft.

Spanien.

Es hat uns an Schilderungen in spanischen Blät­tern über den gegenwärtigen Zustand aus der Halbinsel zumal in Madrid, nicht gefehlt; allein keine dieser Schilderungen, noch irgendein Actenstück hat ein so klares Bild von der gegenwärtigen Lage des König­thums in Spanien gegeben als die Proclamation Isa­bellens II. an die Nation, die das Volk förmlich um Verzeihung und Gnade bittet.

Spanier! heißt es in der vom 26. Juli datirten und von dem Damaligen interimistischen Kriegsminister San Miguel mitunterzeichneteu Proclamation, eine Reihe beklagenswerther Irrthümer hat mich von Euch trennen und widersinniges Mißtranen zwischen das Volk und den Thron einschieben können. Man hat mein Herz verleumdet, indem nian ihm der Wohlfahrt und der Freiheit derer, die meine Kinder sind, widerstreitende Gesinnungen zuschrieb; jetzt aber, wo die Wahrheit zu den Ohren Eurer Königin gelangt ist, hoffe ich, daß die Liebe und das Vertrauen in Euren Herzen wieder aufleben werden. Die Opfer des spanischen Volkes, um seine Freiheiten und meine Rechte aufrecht zu erhalten, legen nur die Pflicht auf, nie die Grund­sätze zu vergessen, die ich vertreten habe, die einzigen, die ich vertreten kann: die Grundsätze der Freiheit, ohne welche es keine dieses Namens würdige Nation gibt. Eine neue Aera, begründet ans die Einigkeit des Vokkes mit dem Monarchen, wird bis auf den schwäch­sten Schatten traurige Ereignisse verschwinden machen, welche vor allen ich ans unseren Jahrbüchern auszu­löschen wünsche. Ich beklage im tiefsten Grunde meiner Seele die Unglücke, welche vorgefallen sind, und ich werde mit unermüdlicher Sorgfalt sie vergessen zu ma- chen bestrebt sein. Mit Vertrauen und ohne Rückhalt übergebe ich mich der National-Biederkeit. Die Gesin­nungen der Tapferen sind stets hochherzig. Möge nichts in Zukunft die Eintracht stören, welche ich mit meinem Volke zu bewahren wünsche. Ich bin entschlossen, alle Opfer für das allgemeine Wohl des Landes zu brin­gen; ich wünsche, daß dieses von Neuem seinen Willen erkläre durch das Organ seiner rechtmäßigen Vertreter, und ich genehmige und anerbiete schon jetzt alle zur Befestigung seiner Rechte und meines Thrones geeig­neten Bürgschaften. Die Ehre des Thrones ist die Eure, Spanier; meine Würde als Königin, als Frau und als Mutter ist die Würde der Nation, die eines Tages aus meinem Namen das Shnibol der Freiheit machte. Ich scheue daher nicht, mich Euch auzuver- trauen, ich scheue nicht, meine Person und die meiner Tochter in Eure Hände zu geben. Ich schcuë nicht, mein Loos unter den Schutz Eurer Biederkeit zu stel­len, weil ich fest glaube, daß ich Euch so zu Schieds­richtern mache über eure eigene Ehre und das Wohl des Vaterlandes. Die Ernennung des tapferen Sieges- Herzogs zur Präsidentschaft des Ministerrathes und meine völlige Zustimmung zu seinen Ideen, deren Zweck die Wohlfahrt Aller ist, werden das sicherste Pfand der Erfüllung Eurer edlen Wünsche sein. Spanier! Ihr könnt das Glück und den Ruhm Eurer Königin ma­

chen, indem Ihr annehmt, was sie Euch in der größ­ten Innigkeit ihres mütterlichen Herzens darbietet und vorbereitet. Die Biederkeit dessen, der meine Räthe leiten wird, die glühende Vaterlandsliebe, welche er bei allen Gelegenheiten bewiesen hat, werden seine Gesin­nungen mit den meinigen in Einklang bringen.«

Hätte man bei den Vorgängen in Spanien der Er­innerungen an 1848 sich entschlagen können, diese Sprache des Königthums, schreibt ein Pariser Corr, der A. A. Z., würde uns mehr als Ein berühmtes, heute aber fast schon vergessenes Document dieser Art aus der Periode der Herrschaft des «Weltgeistes« ins Gedächtniß zurückgerufen haben. Der Unterschied zwi­schen der damaligen und der heutigen Herabwürdigung des Königthums ist jedoch der, daß danials die impro- visirten Leiter der Revolution es waren, die auf dieser Welt die Throne erst erschütterten, um sie dann um so sicherer in den Abgrund zu stürzen; während es heute die vermeintlichen letzten Stützen der Krone sind, die sie zur Selbstherabwürdigung zwingen. Diese Mit­glieder der Madrider Junta, dieser Äriegsmiiüster zu­mal, der provisorische alter ego Espartero's, dieser Espartero selber bilden sich in allem Ernst ein, daß sie es mit dem Königthum aufrichtig meinen, daß sie aber demselben eine derbe Lection geben müßten. Man könnte ihnen diese Verblendung, wie beklagenswerth sie auch ist, verzeihen, hätten persönlicher Haß und indivi­duelle Eitelkeit nicht noch mehr Antheil daran, als blo- ses Verkennen des kranken Zustandes und der Heilmit­tel. Das Königthum hat zwar nicht zum erstenmal eine Lection verdient, zumal das in Spanien seit der Weiberherrschaft Isabellens II.; allein die Zuchtlehrer unserer Zeit würden es längst zu Grunde gerichtet ha­ben, wenn nicht ihre eigene Herrschaft an sich als um hundertmal schlechter noch beim das zurechtgewiescne Königthum sich herausgcstellt hatte. Eine solche Erfah­rung hat 1848 die Throne gerettet, in Frankreich die Aufhebung der Republik und die Restauration des Kai­serreiches möglich gemacht; eine solche Erfahrung wird auch wieder in Spanien den Thron retten. Ob büfe Proclamation der Königin von Espartero oder von der Junta abgedrungen wurde, darüber sind die Ansichten in Madrid, soviel aus den Privatschreiben zu ersehen, getheilt. Wie es scheint, ist die Ansicht, daß sie Es­partero's Adjutant mitgebracht, die vorherrschende; da­rüber aber sind alle Mittheilungen einverstanden, daß das im Nachhang der Proclamation erschienene soge­nannte Amnestie-Decret, welches die Minister und Be­amten von der Amnestie ansschließt und dieselben vor den Richterstuhl der Cortes verweist, keinen anderen Zweck als diese Ausschließung oder Anklage der ge­stürzten Minister hat, und von Espartero ausdrücklich verlangt wurde. Nun läßt es sich allerdings nicht läugnen, daß die letzten Minister gleich ihren Vorgän­gern seit den letzten drei Jahren strafbar, doppelt straf- bar waren, einmal weil sie die Constitution verletzt I und als nicht vorhanden betrachtet haben, und dann 1 weil sie auf halbem Wege stehen geblieben , und nicht das, was sie eigentlich gewollt, auszuführen den Muth ' gehabt, und eben dadurch die Revolution hcraufbeschwo-

ren, der zuvorzukommen sie die Königin glauben ge­macht haben. Der zweite December hat nirgends eine größere Nachahmungssucht als auf dem ehemals so classischen Boden des Absolutismus von Spanien er­regt, und Männer, die, wie in Frankreich, ihre ganze Bedeutung dem constitutionellen System verdankten, stritten sich um die Ehre, Isabella von den Fesseln dieses Systems zu befreien. Alle boten der Königin zu diesem Zwecke ihre Dienste an, aber keiner von ihnen hatte den Muth im entscheidenden Momente dazu; ihre ganze Kunst bestand darin, die Constitution zu iguoriren und durch Verhaftungen oder Verbannungen der unbequemen Gegner sich zu entle­digen. Wenn nun die (Strafbarfeit solcher Rathgeber keineswegs in Abrede gestellt werden soll, so steht es doch einem Espartero, welcher das unbewaffnete Se­villa bembarbiren ließ, weil es, gleich ganz Spanien, ihn von der Gewalt hinwegpronuncirt hat, nachdem es ihn zwei Jahre früher, ungefähr wie heute, an den Thron hinpronuncirt hatte, schlecht an, diese Minister vor das Gericht zu stellen.

Es hat in der Presse nicht an Andeutungen gefehlt über den Antheil, welchen England an der spanischen Revolution genommen. O'Domiel, der Urheber der ganzen Bewegung hieß es, sei der Madrider Polizei unerreichbar, im britischen Gesandtschaftshotel verborgen gewesen, England hoffe von dem Einfluß Espartero's Handelsvortheile, hoffe aus Spanien ein zweites Por­tugal zu machen. Ferner hieß es, Soulch der Gesandte der Vereinigten Staaten von Nordamerica, habe seine Hand im Spiele gehabt, um seinen Landsleuten, und der Verbrüderung des «e i ns a in e n S t e r n s, der er selbst angehört, die Realisirung ihrer Pläne auf Cuba zu erleichtern, denen die Regierung bisher nur entgegen- getreten ist, um den Schein einer Begünstigung zu ver­meiden. Es treffen mehrere Umstände zusammen, welche diesen Andeutungen einen gewissen Grad von Wahr­scheinlichkeit zu verleihen geeignet wären, hoffentlich aber nur zu bloßen Conjecturcn berechtigen. So brachte der «New-Jork Herald« im letzten Frühjahre einen Aufsatz, welcher überschrieben war: «Außerordentlich wichtige Mittheilung« und welcher folgende, in Nr. 94 der «Deutschen Allgemeinen Zeitung« abgedruckte Stelle enthielt: «Die Union schreibt, es wäre an der Zeit, uns zu einem Kampfe mit Spanien zu rüsten. Sie giebt darin einige Winke über eine Intervention nach dem Programme von Kossuth, Mazzini und Ledru-Rol- lin. Und dies ist vielleicht der Operationsplan unserer Regierung in Bezug auf Cuba und den Krieg in Eu­ropa. Herr Saunders (der Cousul in London) hat 200,000 Musketen angeschafft. Nun muß man aber wissen, daß die Regierung davon verständigt wurde. Damit es das Ansehen habe, als wäre sie dabei nicht betheiligt, hat der Senat Herrn SaunderS nicht auf seinen Posten bestätigt; er wird aber trotzdem noch ei­nige Monate in London bleiben. England und Frank­reich schicken jetzt Flotten und Truppen außer Landes. Mittlerweile fängt unser Gesandter in Spanien mit dem Madrider Hofe Händel an und reist ab. Da wer­den alle kriegerische Doggen von unserer Seite gegen

Das Schloß am Terek.

Ein Märchen aus dem Kaukasus, von Emil Prinzen von Wittgenstein.*)

In einer finstern Burg auf schroffem Felscneiland, Dort, wo voll Schaum der Terek durch's Gebirge braust, Dort hat ein finstrer Mann des Zaubers weiland Viel hundert Jahre sind's in Einsamkeit gehaust. Die Zukunft konnte er am Sternenhimmel lesen, Auf sein Geheiß entstand der Bergkristalle Pracht, Die Genien gehorchten dienend seiner Macht, Ein leichter Spielball sind Lawinen ihm gewesen; Und was für Schätze ihm bewachten seine Drachen, Und wie von Gemmen ihm erstrahlte das Gestein, Und Höhlen reich mit Gold und Silber blank beschlagen, Das dämmert märchenhaft in unsere Zeit herein. Er hatte sich die Burg mit tUtgem Sinn errichtet : Die Zinnen ragten hoch biß in die Wolken ans. Die Mauern waren breit, von Felsen aufgeschichtet, Und tief zu ihren Füßen schwoll des Terek jäher Lauf. Zwar hatte Anfangs noch, vom Aergcr schier erstickt, Bon einem Menschen sich so eingeengt zu seh n. Der Gnome des Kasbek von seinen eisigen Hoh n Lawinen donnernd wohl hinab zur Burg geschickt; Der Zaubrer aber trieb mit einem einigen Blick Die Wucht des Schneegeröll's zum Glctschersitz zurück; Und als nun einmal gar dem armen Geiste eine Gerade auf den Kopf im Rückwärtsspringen flog, Da ließ das Schneeballspiel er klüglich sein und zog Zurück, sich bergend in der Felsen tiefstem Schreine.

*) Prinz Emil von Wittgenstein, der Sohn unseres Ltaatâ- Ministers, jetzt russischer Oberst und des Kaisers Flügeladjutant, war im 2ahr 1846 als Volontär im Kaukasus und brachte von dort den Stoff und bie Landschaft zu diesem poetischen Märchen mit, daS er derMuse* zur Publication überließ.

Seitdem von keiner Macht der Erde niehr gestöret, Weiht sich der Zaubrer ganz der dunkeln Wissenschaft, Er, der im Donnerlaut der Geister Sprache höret, Und tief durchspäht der Berge still verborgne Kraft.

Nicht immer war jedoch er Nekromant gewesen, Sein Name war vormals in Grusien wohlbekannt; Kein Krieger war wie er im Reiterkrieg gewandt, Kein Jüngling war wie er im Weiberherz belesen. Auch hatte er geliebt und sich ein Weib verbunden, Das ihn alsbald beglückt mit einem Holden Sohn. Doch lange währte nicht das Glück, baß er gefunden, So war sein Weib mit einem Buhlen ihm entflohn. Da wandte, zu entgehn des Spottes lautem Teufel, Der Arme ins Gebirge sich, wo er ringsum iDiit schwarzer Kunst sich wohl verschanzt', bie- sonder Zweifel Für Herz- und LiebeSleid ein gut Remedium.

So hatt' er zwanzig Jahr' in Einsamkeit gebrütet, Der Menschen Treiben fern und fern der falschen Welt, Mit Schrecken sich und Zauberkraft im Zorn umstellt, Und seiner Schätze Zahl mit strengem Blick gehütet. Den Menschen war er bald ein Schreckgespenst geworden; Denn keiner, der mit dreister Neugier unverzagt Den Gang zu seiner stolzen Burg hinauf gewagt, War je zurückgekehrt zu seiner Heimath Horden; Des Zaubrers Name machte selbst die Kühnsten still. Jetzt horcht dem Märchen zu, das ich erzählen will.

Dort, wo im Sonnenschein sich Tiflis dehnet

Am Strande der trüb fließenden Kura Stand ein Palast, wie nimmer man ihn sah. So reich von Menschenwitz und Kunst verschönet; Da sprach einst eine Fürstin auf dem Todteubett Zu ihrem Sohn, der weinend vor ihr stand: Ich scheide hin nach einem bessern Land, Wo langersehnte Ruh die Reuigen umweht;

Doch, eh' ich scheide, höre meine Worte Und senke sie wie Gold in dein Gewissen ein. Dein Vater lebet noch in dem Gebirg' allem, Du sollst anfsuchen ihn am wild entlegnen Orte.

Ihm sind der Schätze viel! Den schönsten Namen Der in Georgien je' ben, der ihn trug, geziert Ein Namen, der allein dich schon 311m Ruhme führt, Dem Flecken nie den edlen Glanz benahmen Empfange ihn von ihm! Und daß du nimmer Fremdling ihm sei'st' bring ihm die Spange hier, Er gab sie einst in süßer Stunde mir; Doch unheilbringend, ach, war mir ihr Schimmer I Sie stammt vom mächtigsten der Zanbcrmeister, Der deinen Ahnen sie vor grauer Zeit geschenkt, In ihr sind hohe Kräfte eingesenkt Und ihr gehorchen gute mâcht'ge Geister.

Denn wer sie trägt mit unverfälschtem Herzen Und keine böse That noch hat gethan, Den schützet sie mit ihrem sicherm Bann Und lenket ab von ihm des Unheils Schmerzen. Doch nimmer freie unbekannte Maid; Schwer rächt die Spange sonst des Hauses Schmach, Sie stürzt den Fehlenden in tiefes Leid, Und seine Sprossen ihm in's Unglück nach. Drehst du sie einmal um, nach Osten hingekehrt, Und sprichst dabei zu Gott ein gläubiges Gebet, Wird schnell erfüllt was nur dem Herz begehret, Erfüllet so gewiß, wie fest der Himmel steht. So bete denn, wenn du die Burg erblickt,

In die dein Vater sich der Welt entrückt,

Daß er dich anerkennt mit Vaterhuld^ Und mir verzeiht die schwer bereute Schuld, Sag ihm von mir" da faßte sie ein Kramps, Eintrat des raschen Todes letzter Kampf, Noch ein Moment, ihr Auge war gebrochen, Und das Geheimniß blieb unausgesprochen.

Des Jünglings Thränen waren auSgewemt. In inilder Trauer hielt noch die Erinnerung Der Mutter Bild in seinem Herzen lung, Sie wohnte da mit Hoffnung un d vereint Ihm war's darum zu thun, den letzten Willen, Wie sie befohlen, treulich zu erfüllen;