Die "Nassauische Allgemeine Zeitung» V W \X~ x J
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Wiesbaden. ISO
Nr. 184.
Dienstag, 8. August
Politische Schriften.
Die Ausgabe Preußens 1854 von Wolfgang Menzel. Stuttgart, Metzler, 1854.
Preußen und Rußland. Leipzig, Hirzel, 1854.
(Schluß.)
Mit besonderer Schärfe hebt der ungenannte Dew süsser die Affectation der russischen Orthodoxie hervor. Er sieht in ihr lediglich eine politische Arglist. »Das Kreuz Christi ist der Hebel, mit welchem er die Türken aus den Angeln zu heben hofft. Von solcher Herabwürdigung des Gekreuzigten zum Deckmantel des Ehrgeizes und der Eroberungslust, von solcher Ausbeutung des Christenthums zu Gunsten der Politik muß sich jedes christliche Gemüth mit Abscheu hinwcgwendcn! Nicht um das heilige Grab zu retten, welches allen Religionen offen steht, ziehen die russischen Truppen nach der Donau; es ist ein Unterschied zwischen Tancred und Fürst Mentschikoff, zwischen Gottfried von Bouillon und Admiral Nachimoff.n
Sodann wird gezeigt, wie die preußische Politik von jeher antiruffisch und demzufolge türkenfreundlich gewesen ist, was' Friedrich der Große desfalls gethan und offen ausgesprochen hat, und wie noch Friedrich Wilhelm III. trotz seinem intimen Verhältniß zu Rußland die gesunde Politik Preußens nicht verleugnet hat. Dieser Fürst mißbilligte den Krieg Rußlands im Jahr 1828: "Nur mit Mühe gelang cs dem Kaiser Nikolaus durch fortgesetzte und feierliche Versicherungen, daß er keine Gebietserweiterungen suche, den König einigermaßen zu beruhigen — Versicherungen, welche nicht gehalten wurden.
Nichts ist schmählicher als die Behandlung, welche Preußen im Jahr 1850 von Rußland erfahren hat. "Jur März 1850 wiederholte Rußland die Drohung der Besetzung Ostpreußens, wenn Preußen nicht unbedingt auf die dänischen, d. h. die russischen Bedingun- geu, Frieden mit Dänemark schließe. Preußen widerstand und wahrte im Frieden vom Juni 1850 wenigstens seine Ehre. In den Conferenzen von Warschau Ende October 1859 verlangte der Czar, daß Preußen wider die Stipulationen des von Preußen selbst geschlossenen Friedens seine Waffen gegen die Herzog- thümer kehre. Es war dies nichts als eine muthwillige Demüthigung, welche der Czar Preußen zumuthete. Graf Brandenburg erlag den Beleidigungen, welche er in den letzten Octobertagen 1850 in Warschau erfahren hatte. Von Rußlands Verfahren in der Umonsfrage ist schon gesprochen. Es machte auch hie. nicht etwa einen mehr oder minder freundlichen Vermittelungsver- such _ es war durchaus nicht besorgt, Preußen einen ehrenvollen Rückzug von der einmal eingenommenen Position zu öffnen; es dictirte Preußen die Bedingungen, welche Oesterreich verlangte. Kaiser Nicolaus drohte wegen eines Streites, der sich zwischen Preußen und Oesterreich wegen einer innern deutschen Frage, einer Berfassnngsfrage des deutschen Bundes, entzündet hatte, Preußen mit Krieg zu überziehen. Im Jahr 1853 lud Nicolaus Louis Napoleon ein, sich für Rußlands Erwerbungen im Orient an Preußen schadlos
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Ein esthnisches Mährchen.
(Schluß.)
Seit diesem verhängnißvollen Sonntage war HanS fast gar nicht int Dorfe zu sehen. Um die Feldarbeit bekümmerte er sich nicht mehr, das Wenige, das noch auf feinen Feldern wuchs, »er« darb und öde und unheimlich, ohne Leben, war seines Gesindes Umkreis anzusehen. Der Knecht, wenn er nicht der Gutsherrschaft die Arbeitstage leistete, lungerte in den Schenken umher, d:e Magd lag faul und schläfrig stets in der Scheune, denn das Auge des Hauswirths fehlte nun bei der Arbeit und so stockte es überall.
Hans saß indeß in seiner kleinen, rauchgeschwärzten Kammer, deren Thür er verriegelt und deren einziges Fensterleiu er ver- dunkelt hatte. Hier, in der Dunkelheit, bei dem flackernden Scheine der Pergels (Brennspahns) arbeitete er emsig an seinem Kratt nur wenige Stunden Schlaf sich gönnend. Es war ihm aelunaen eine Haspel zu erlangen, au der ein hundertjähriges Wb gehaspelt, und somit das nothwendigste ©tiief seiner Arbeit su besitzen Sorgfältig fügte er nun alle Bestandtheile zusammen, setzte einen alten Topf auf einen Besenstiel, machte auSemer Glasscherbe die Nase und malte mit rother Farbe Augen und Mund. Die ganze Gestalt bekleidete er , tote -hm vorgeschneben war, mit bunten Lumpen und dachte schaudermd dabei, daß es nun in seiner Bèacht liege, das abscheuliche Schrcckbild zu beleben, das ihm dann fein Lebelang zur Seite bliebe. Aber der Gedanke an Gold, an mühelos erworbenen Reichthum blieb siegreich, Kratt war fertig und in der nächsten Donnerstagnacht machte sich Hans, als schon Alles in: Dorse schlief, die wohlverhullte Gestalt tragend, aus den Weg zum Walde.
Tief, tief drang er hinein in das Tannend:cklcht, bis fast völlige Dunkelheit :hn umgab und er auf einem nur Wenigen bekannten, den Wald durchschneidenden Kreuzweg Halt machte. Rasch pflanzte er den Kratt in der Mitte desselben auf, setzte Jia? aus einen Stein und begann nun, von unbezwinglicher Gewalt getrieben, fort und fort mit entsetzlichem Grauen auf die gespenstische Figur hinzufiarren. Wenn ein plötzlicher Windstoß durch den Wald fuhr, schien es ihm, der Kratt bekomme Leben und der
zu machen. Das ist die Freundschaft Rußlands für Preußenin
Und für das alles soll, nach der Ansicht der Nus- senfreunde in Berlin, Preußen noch dankbar sein und alles anwcuden, um Rußland zu unterstützen?
Mit Siecht sagt die Flugschrift: für die Westmächte handelt es sich nur um eine Machtfrage, für Preußen aber um die Selbsterhaltung. Preußen ist aus der Reihe der selbstständigen Staaten ein für allemal ausgestrichen, sobald es Rußland gelingt, seinen Plan auf den Orient durchzusetzen. Es wird Herr von ganz Mitteleuropa, so wie es Oesterreich von Südosten her umfassen und über das adriatische Meer hinüber auf Italien drücken kann. Schweden und Dänemark können dem übermächtigen Rußland dann noch weniger Widerstand leisten, als sic in der letzten Zeit vermochten und Preußen wäre sofort thatsächlich zum Vasallen Rußlands herabgedrückt. Wenn demnach Preußen ver- säuint, in dem allgemeinen Kampf gegen Rußland mitzuwirken, begeht es einen politischen Selbstniord.
Mit Unwillen bemerkt der Verfasser, wie lächerlich es sei, wenn die Russenfreunde in Berlin den Patriotismus von 1813 für sich ausbeuten wollen. Wie da. mals alles voll Franzosenhaß war, so jetzt alles voll Ruffenhaß. Wie damals alle guten Preußen gegen Frankreich aufftanden, weil von dorther die Gefahr kam, so glühen sie heute alle gegen Rußland aufzustehen, weil jetzt von dorther die Gefahr kommt. "Es war die nationale Partei jener Tage, welche die Emancipation Preußens von Frankreich verlangte, es waren die Prinzen Ferdinand, Blücher, Hardenberg, Stein, Vincke, Schladen. Die, welche wollten, daß Preußen mit Frankreich ginge, waren die Haugwitz, Lombard, Möl- leudorff, Kalkreuth, Zastrow, Kökeritz, Knobelsdorf, Massenbach. Diese Herren buhlten damals um die Gunst Frankreichs, wie die Herren von Gerlach, Niebuhr u. s. w. heute der Macht Rußlauds huldigen! Da jene damals die Verbindung mit Frankreich nicht durchtreiben könnten, begnügten sie sich endlich mit der Neutralität. Ebenso steht es heute. Es war die französische Partei jener Tage in Preußen, es waren die Lombard und Möllendorf, welche mit dem Gesandten Frankreichs, dem Herrn de la Forèt , intriguirten und cabalirten und die Intentionen Preußens den Franzosen verriethen. — Wer war im November 1850 im ver- trautesten Umgänge mit dem russischen Gesandten, Hrn. V. Budberg? Wer spielt heute die Mobilmachungspläne und die Denkschriften preußischer Gesandten den Russen in die Hände?"
Preußen ist durch die russische Ueberinacht so sehr bedroht, durch Rußlands bisherige Politik so tief beleidigt, daß es Niemand Wunder nehmen würde, wenn Preußen allen andern europäischen Staaten im Kampf gegen Rußland vorangegangen wäre und voranginge. Seine Stellung im Nordosten Europas als nächster Nachbar Rußlands ist andcrntheils so wichtig, daß es von dem gegen Rußland vereinigten Europa die sichersten Bürgschaften für eine glorreiche Zukunft verlangen könnte, wenn es rechtzeitig in den allgemeinen Kampf eingriffe, während eS sich durch längeres Schwanken und
Athem erstarb ihm bald in der keuchenden Brust. Wenn eine Eule in der Ferne schrie, glaubte er schon die Stimme des Gespenstes zu hören, und fühlte, wie ihn: das Blut in den Adern erfror. Aber nie wandte er sein Ange ab/bis der Morgen berg. anfdämmerte und das erste Gezwitscher der Bögel das Erwachen der lebendigen Natur auzeigte. Da erhob sich Hans mit einem schweren Seufzer, ergriff den Kratt und schlich vorsichtig nach seinem Hause. . , .
Am zweiten Donnerstage ging es ebenso.
Endlich war die dritte, entscheidende Nacht gekommen. Ein heulender Wind batte den Mond mit dunkeln Wolken verfinstert, schwarze Finsterniß lagerte über der Erde, als Haus seinen Weg wieder antrat, den Kratt mit sich tragend, der, jetzt noch ein leb- loses Werk seiner Hand, bei seiner Rückkehr lebendig als fein zauberhafter Knecht ihm zur Seite gehen sollte. Tappend fand er den Kienzweg, die bekannte Stelle und stellte die Figur auf. Da fuhr es ihm plötzlich durch den Kopf: Wie, wenn ich den Kratt jetzt hier den tausend Stücke zertrümmerte, dann na-b Hause hinge und arbeitete, um an nichts Böses mehr zu denken?
Aber ich bin so arm, erwiderte er sich sogleich selbst, und dieser hier soll miet) reich machen: Geschehe nun, was da wolle, schlechter kann es nicht werden!
Und sich scheu umblickeud, sprach er teile und zitternd die ihm vom Andern vorher eingelernte Formel aus.
Plötzlich, der Mond trat durch eine Lücke der Wolken hervor und beleuchtete den Platz, plötzlich, und er fühlte, wie ihm daS Herz stillstand, sah er, wie der Kratt Leben bekam. Das Gespenst bewegte die gemalten Augen, regte sich, drehte sich langsam nach allen vier Weltgegenden und als sein schreckliches Antlitz sich wieder gegen Hans kehrte,. fragte es mit schnarrender, rasselnder Stimme: Was willst du? .
Aber das Uebermaß deS Entsetzens hatte Hans gepackt, der der bis jetzt dein Grausenhaftcn iviederstaudeu. Mit gesträubtem fiaar wandte er sich und floh, floh in Todesangst, ohne zu sehen, wohin feine Füße ihn trugen.
Hinter ihm her aber raschelte und keuchte es und dieselbe Stimme rief, ibm immer ganz nahe: Warum riefst du mich ins Leben, da du mich nun verläßt?
factisch neutrales Verhalten sich in die ungünstige Lage bringen müßte, wie in der Zeit seiner unglücklichen Neutralität von 1795—1806.
Schließlich warnt der Verfasser vor einer Kriegführung mit halbem Herzen, unter beständigen Hem- mungen und Verwahrungen, wie in den Jahren von . 1792—1794.
Es ist gewiß nothwendig, daß man an solche Dinge erinnert und einer traurigen Vergangenheit die Warnungen entlehnt, die für die Gegenwart practisch sind. Inzwischen geht unsere Besorgniß nicht so weit, daß wir die Andersgestaltung der Umstände in unsern Tagen miskennen sollten. Das gegenwärtige preußische Ministerium ist nicht identisch mit der Russenpartei. Es hat auch nicht ein bereits bestandenes Freundschaftsverhältniß zu Oesterreich wie das Ministerium von 1795 aufgelöst, sondern im Gegentheil ein nicht bestandenes allmählig eingeleitet. Darauf sollte man denn doch das größte Gewicht legen. Die für Deutschland in jeder Beziehung segensreiche Vereinbarung Preußens mit Oesterreich war, außer im Jahr 1813, noch nie so innig, wie heute. Darin liegt die stärkste Bürgschaft für Deutschlands Zukunft, und der Beweis, daß es heute besser steht, als vor sechzig Jahren.
Deutschland.
* Wiesbaden, 8.August. Die Aufhebung der gegen unser Blatt von Seite der Polizeibehörde getroffenen Maßregel ist bis jetzt nicht erfolgt.
* Wiesbaden, 8. August. Das neueste Verordnungsblatt enthält das Gesetz über die Reorgaiiisirung der Kriegsschule und nachstehende D i e n st u a ch r ich te n: Seine Hoheit der Herzog haben den bisherigen Chef des Kriegsdepartements Generalmajor Freihâu von Hadeln zu Höchstihrem Generaladjutanten und Chef der Militärcanzlei, Höchstihren Flügcladjutanten Major von ZiemiZcki zum Bureauchef, den Obristen Her gen Hahn zum Chef des Kriegödepartements, den Major Roth zum Obristlieutenant und Chef des vierten Bataillons sowie zum Jnspector der ersten Jnsan- terieabtheilung und den charactcrisirtcn Hauptmann Werren zum wirklichen Hauptmann im Generalstab zu ernennen, und den Hauptmann v. E h ß vom sechsten Bataillon auf sein Ansuchen in den Ruhesta.b zu versetzen geruht. — Dem Bergmeistereiaccessisten Zach a- riä zu Dillenburg ist die nachgesuchte Dienstentlassung ertheilt worden. — Friedrich Wagner von Kemel ist in Folge der dießjährigeu Concuroprüfung in der Ban- kunde unter die geprüften Candidaten des Straßen-, Brücken- und Wasserbaues aufgenonimeu worden. — Der mit Versehung der Lehrergehülfenstelle zu Frauenstein beauftragte Schulcandidat Höhler ist zum Leh- rcrgchülfen daselbst ernannt worden. — Am 21. Juli ist der Revisionsrath Schweis gut zu Niederselters mit Tod abgegangen.
Wiesbaden, 7. August. Die Taunns-Eisenbahn- Verwaltung, schreibt die Mainzer Volksz., ist so häufig Gegenstand gerechten Tadels in der Presse, daß eine Rechtfertigung im Interesse ihrer Ehre wünschenöwerth
Hans floh, ohne sich umzuseben. Er hatte den Muth nicht.
Da berührte der lebendige hölzerne Arm des Kratts seine Schulter und dieser rief : Du hast den Bann gebrochen durch deine Flucht! Dem Bösen bist du verfallen, doch ohne das dir Reichthum aus deiner That erwächst! Du hast mich freigegeben, uic^t dein Sclave , dein Fluch werde ich sein, bis zu deiner Todesstunde dich verfolgend.
Halb wahnsinnig stürzte HanS in sein Haus, das er nun erreicht hatte.
Ihm folgte der Kratt, nur ihm allein sichtbar.
Und von dieser Stunde an mißrieth dem Bauer Alles, war er unternahm: was seine Hand berührte, zerbrach, seine Felder wurden unfruchtbar, sein Vieh starb, seine Scheuern stürzten ein; kein Knecht, keine Magd wollten länger in feinem Hause bleiben, das vom Unglück unaufhörlich heimgesucht ward. Zuletzt floh Alles den Unglücklichen als einen mit den: bösen Geist Behafteten, der Unheil bringe, wohin sein Fuß trete.
Ihu selbst aber plagte jede Nacht der Kratt mit neuen Schrecken und Aengsten.
Einige Monate waren vergangen, der Spätherbst war ge- kommen, und sandte feine heulenden Stürme über die Flächeu des EsthlaudeS.
Hans, abgemagert, von elendem Aussehen, kam getragen von seinen wankenden Füßen, begegnete im Walde den alten Buchei, der ihm mit höhnischen Blicken betrachtete.
Sei gegrüßt, Haus! « . . .,.., .
Ah, du bist eS! rief d'eser mit Heftigkeit, gut, daß ich dich finde, Hund des Satans! Wo sind deine Versprechungen, wo Reich, thun: und Glück? Den: Bösen gehöre u* und ich habe ,cho« auf Erden die Hölle, das ist deine -schuld.
Sachte sachte! Von deinen: Elend habe:ch schon gehört und konnte mir leicht denken, wie es gekommem Aber wer hwß d:ch mit b»s?n Dinaen spielen, wein: du kein Herz hattest? Ich habe dich aew rut ^Du bist im letzten Augenblicke voll Schrecken entflohen und hast darum den Kratt sreigegeben; thatest du da- nicht so wurdest du reich und glücklich, wie ich d:r sagte.
Aber du hast es nicht gesehen, das schreckliche Gezpenst, als es L-ben bekam/ flüsterte Haus, der Anblick war zu viel für einen