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£«s Nassauische Allgemeine Zeitung. M«

Wiesbaden. LGZL

Montag- ^. Mngttft.

Politische Schriften.

Die Aufgabe Preußens 1854 von Wolfgang Menzel. Stuttgart, Metzler, 1854.

Preußen und Rußland. Leipzig, Hirzel, 1854.

Zwei Flugschriften von durchaus übereinstimmender Tendenz. Die erstere erschien bereits im April b. I., die zweite erst vor kurzem. In der erstem wurde Preußen schon int Frühjahr gemahnt, den russischen Einflüsterungen nicht länger Gehör zu geben. «Was allch Gemüther erfüllt, ist nicht blos der gekränkte Natio­nalstolz, der endlich Deutschland einmal wieder frei sehen will vom russischen Einfluß, sondern ein Gefühl, das viel tiefer greift und im Innersten aufregt, näm­lich der Justinct des Erhaltungstriebes, die Ahnung einer ungeheuren Gefahr. Es handelt sich jetzt nicht mehr davon allein, was uns Rußland bisher zu Leide gethan hat, sondern vielmehr von dem, was uns er­wartet, wenn sein Vorhaben durchsetzt und die Tür­kei'mit seinem schon ohnehin so kolossalen Reiche ver­einigt. Niemand wird jetzt noch behaupten wollen, Ièußland sei im Recht, Rußland wolle nur das Recht, Rußland gefährde die Nachbarn nicht, des Kaisers Bil­ligkeit und Friedensliebe sei den Nachbarn sichere Bürg­schaft. Rußland ist principiell ein Raubstaat, wie das alte Rom. Es erobert ununterbrochen fort. Es hat seit anderthalb Jahrhunderten weit über seine natür­lichen Grenzen hinaus alle seine Nachbarländer unter­worfen und geknechtet. Um den alten Kern Großruß­lands her lagern jetzt bereits die eroberten Länder in einer den Umfang desselben weit übertreffenden Aus­breitung: Finnland, Jngermannland, Esthland, Kur­land, Livland, Litthauen, Polen, die Ukraine, Bessa­rabien, die Krimm, Transkaukasien. Die nächsten Nach­barn Rußlands sind aber die am meisten bedrohtem Daraus erklärt sich der unerwartete Aufschwung der Türken, daraus nicht weniger die Sehnsucht aller Be­völkerungen von Oesterreich und Preußen nach einer Kraftanstrengung, stark genug, die vordringendeu Ge- waltnrassen des Ezaren zurückzuwerfen. Die Völker folgen. hiebei nur einem dunkeln, aber untrüglichem Jn- stinct. Auch in den Dörfern, in den Kasernen, wo man nichts weiß von den Enthüllungen des blauen Buches, ist jede Aeußerung antirussisch. Das ist ein Geineinfühl, es liegt in der Luft. Die Völker fühlen aus weiter Ferne die unerträglichen Bande, mit denen sie gefesselt werden würden, den Tod, den ihre Natio­nalität, ihr religiöses Leben, ihre bürgerliche Existenz erleide,: würde, wenn Rußland in dem bevorstehenden großen europäischen Kampfe triumphirte. Oesterreich könnte gar nicht mehr zu Athem kommen, wenn Ruß­lands zweitgeborner Großfürst, der siegenden Russen Liebling, seinen Thron im alten Byzanz aufschlüge, wenn die Donaumündungcu in Rußlands Gewalt blieben, von nun an doppelt gesichert durch die russische Macht im Süden des schwarzen Meeres wie im Norden. In der Donau wäre die Lebensader der österreichischen Mo­narchie für immer durchschnitten. Ihre slavischen und griechischen Unterthanen wären der Verführung durch das übermächtige Rußland ausgesetzt, wie dieselben

Ein esthnisches Mährchen.

(Aus denUnterhaltungen am häuslichen Herd.")

Es war ein (Sonntagmorgen im Sommer, die Luft mild, der Himmel blau, der Sonnenschein prächtig; die Wiesen grünten und blühten, auf den Feldern schlug das reifende Korn Wellen und . von fern tönte das Geläut der Heerden und der lauganhaltcndc Ruf der Hüterjungen. Bon dem dunkel dastehenden Tannen- walde webte der Wind kräftige Düfte herüber und machte zu­weilen den fernen Ton der Sonntagsglocken hörbar, die hell aus der entfernter liegenden Kirche erklangen.

Vor dem letzten Hanse des Dorfes, das sich an den Wald aulehnte und dessen Strohdächer hier und da in den grünenden Feldern sichtbar waren, saß ein noch junger Bauer von kräftiger Gestalt mit dem gewöhnlichen Gesichte eines Esthen, d. h. großen Hellen Augen, breiter Nase und großem Munde, dunkelbrauner Gesichts­farbe und langen auf die Schulter herabhängenden Haaren. In Hemdärmeln, ans einer kurzen Pfeife einen abscheulichen ^aoat rauchend, der weit ringsum die schöne Luft verpestete, saß er ans seiner hölzernen Bank, mit verdrießlicher Miene, blickte schwei­gend die vorüberziehenden Kirchengänger an und wenn ihn Einer fragte: Gehst du mit, Hans? schüttetelte er; blos ben Kopf Die Kirchengänger waren endlich vorüber und Hans saß noch immer vor sich hinstarrend da, als von der entgegengesetzten Seite em Mann sich ihm nährte. Es war Bèichel , ein alter, gebuctter Mann mit eisgrauen Haaren. Ein abgetragener Schaafpelz und eine alte Pelzmütze, dir er trotz der Hitze trug, blaue Strumpfe und Pasteln (Bastschuhe) machten seinen Anzug aus. ^eiue Phy­siognomie war auffallend; die kleinen Augen blitzten unter een buschigen Augenbrauen, die Nase war klein und platt und um den zahnlosen Mund vibrirte ein immerwährendes. Lächeln, von dem er selbst kein Bewußtsein zn haben schien. , .

Es war ein LoStreiber, wie man in Esthland diejenigen Bauern nennt, die weder als Wirthe einer Gesindestelle (Bauer- gut) vorstehen, noch sich als Knechte verdungen haben, sondern auf eigene Hand, meist in kleinen Hüttchen, Saunat, Badstuben genannt, wohnend, sich ihr Dasein zu fristen suchen. Bèichel that

Bestandtheile der Bevölkerung jetzt in der Türkei. Die nie ruhende Eroberung würde die Donau aufwärts gehen, und wie die Russen vor Widdin, nahe dem eisernen Thore stehen, würden sie in wenigen Jahren vor Wien stehen. Dein glücklich vorschreitenden 'Ruß­land würde der Besitz des Sundes nicht weniger ge­lingen, wie der Besitz der Dardanellen. Die' Ostsee würde eben so ausschließlich ein russisches Gewässer werden, wie das schwarze Meer und der Archipel. Der preußische Handel würde von Rußlands Gnade leben müssen. Polen würde ein noch viel furchtbareres Boll­werk Rußlands werden, als es jetzt schon ist, tote ein Keil zwischen Preußen und Oesterreich eiugcschoben, beide bedrohend. Zu spät würde Preußen sich dann erst ausraffen und gegen die russische Uebcrmacht-zu schützen versuchen. Es würde diesen Todeskampf unter viel ungünstigeren Umständen beginnen müssen, wie jetzt."

Im Angesicht dieser Gefahr wird der Krcuzzeituugs- Partei ihre unpatriotische Stimmführung vorgeworfen. "Man kann sich des Mitleids mit der evangelischen Kirche kaum erwehren, wenn man die Männer, die ihre Kraft und Stütze sein sollten gegen den Osten, im Voraus dem russischen Interesse sklavisch dienen sieht, Werkzeuge einer dem evangelischen Norden feindseligen, ja der furchtbarsten Macht; die ihm jemals gedroht hat. Männer voll Frömmigkeit, Geist, Gelehrsamkeit, die das Salz der evangelischen Kirche sein sollten, die aber nicht merken und merken wollen, daß Rußland, welches Millionen Katholiken im alten Polenreiche und wenigstens Tausende von Protestanten in den Ostsee- provinzen mit Gewalt und List gräcisirt hat und aus Stadtsraison Propaganda macht, nimmermehr daS Asyl sein kann, wo der Protestantismus Schutz zu suchen hat. Soll die evangelische Kirche Preußens unter der conservativcn Politik des russischen Cäsaropapismus Schutz suchen, so heißt das so viel, alö sich selber in den Tiegel stürzen, in dem man geschmolzen werden soll. Wäre Preußen nur erst der militärische Vasall Rußlands geworden, würden die Evangelischen daselbst so gewiß, wie in den Ostsccprovinzen, der bärenhaften Umarmung des Popcnthums unterlegen.« Rußlands ganzes Verfahren gegen Preußen wird analysirt, ein Verfahren voll Misachtung und Hohn, das in jedem preußischen Herzen nur tiefes Erzürnen wecken kann.

Die zweite, anonyme Flugschrift »Preußen und Rußland" weist nach, daß der Uebcrmnth, mit welchem Rußland im vorigen Jahr über die Türkei hergefallen, sich uninittelbar an den Ucbermuth angereiht hat, den cs gegen Preußen im Jahr 1850 geübt hat. "Die Intervention Rußlands im Jahre 1849 in Ungarn, darauf berechuct, Oesterreichs Stellung in Ungarn un­ter Ausschließung jedes Abkommens mit den alten und verfassungsmäßig verbrieften Rechten dieses Landes ge- waltsamer und verhaßter als früher zu machen und dadurch Oesterreich im Innern zu schwächen, gab Ruß­land zugleich ein Recht, sich als den Wiederhersteller Oesterreichs zu betrachten. In dem im I. 1850 zwischen Oesterreich und Preußen auöbrechendcn Streite warf sich Rußland zum Schiedsrichter auf: Preußen

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dies, indem er bald hier, bald dort in einem Bauernhause ein­sprach und daS für ihn Aufbewahrte cinsammelte; und er hatte immer genug zu leben, da ihn die Leute fürchteten als einen Menschen, der allerlei geheime Künste verstehe, den Kühen die Mück behexen, Hagelschlag und Sturm herauzieheu, auch wohl Äraukheiten hervorrufen könne.

Bei Haus augelaugt staub er still und sagte: Sei gegrüßt! Im Namen Gottes, war die Antwort.

Du bist wohl traurig? sagte Michel, den Anderen scharf an­blickend. , . . _

Du hast es errathen, war die Antwort, und es ist gut, daß ich dich jede. Die Leute sagen, du könntest viel böses thun, aber du bist ein kluger Mann unb kannst mir vielleicht helfen.

Die Leute sagen viel Böses, wenn sie selbst böse sind, aber was fehlt dir?

Ich habe erst neulich ein Gesinde übernommen und siehe da, die Felder stehen leer; so ist die Ernte, und gerade mir, miß rathen; das Heu hat der Regen verdorben, fast all mein Vieh ist gefallen, daS Elend steht vor der Thür ! Ich kann meinen Knecht nicht ernähren, meine Abgaben nicht zahlen, meine Arbeits­tage nicht mehr leisten--

Unb du möchtest gern aus allem Elend heraus und mit einem Male reich fein?

Versteht sich, Michel!

Der Alte lachte leise. Wenn ich wäre wie du--

Rim was? fragte Haus begierig.

Wenn ick noch jung und stark wäre wie du, wenn ich Muth und kein Grauen in dunkler Nacht hätte, wenn ich zu schweigen verstünde, so wüßte ich mir wohl zu helfen!

So sage nur, was du denkst, ick will ja Alles thun, um reich zu werden, denn so ist mir daS Leben zur Last.

Michel sah sich vorsichtig nach allen Seiten um und sagte dann leise: Weißt du, was ein Kratt ist?

Hans crschrack. Nein, ich habe nur hin und wieder schreck­liche Dinge davon munkeln hören, sagte er.

Der Alte warf seinen Sack ab, setzte sich neben Hans aus die Bank und begann:

sollte für feine Politik in SeyloSwig-Hojstcin unb ben Uuioitobcrfn^ gezüchtigt, eS sollte der Sympathien Deutschlands beraubt unb zugleich von feilten inneren Reformen zurückgeschreckt werden. Rachdein Preußen Rußlands schiedsrichterliche Stellung aeceptirt hatte, erklärte sich Kaiser Nikolaus unbedingt für alle For­derungen Oesterreichs-; er zwang Preußen, dieselben anzuerkennen, indem er Preußens Weigerung für einen Casus belli für sich selbst erklärte. Etwa gleichzeitig mit dem sogenannten österreichischen Ultimatum notifi- cirte er in Berlin, daß er zunächst zum Schutze seiner Grenzen Ostpreußen bis zur Weichsel besetzen werbe unb stellte das Verlangen an England, die englische Flotte mit der bereits in der Ostsee kreuzenden russischen Es- cadre von zehn LiniMchiffen gegen Preußen zu verei­nigen. Preußen fügte sich. Nach diesen Erfolgen nahm Rußland eine Stellung ein wie je zuvor. Kaiser Nikolaus hielt es für geboten, diese Consteüation zu benutzen, um seine Regierung, welche nur Erfolge, aber kein Mißlingen aufzuweisen hatte, mit einer letzten und grö­ßeren Erwerbung als alle früheren zu krönen.«

Wie in der erstgenannten Schrift, so wird auch hier wieder nachgewiesen, daß Rußland sich stets der Revo­lution bedient habe, um erst Polen und Schweden, jetzt die Türkei zu schwächen und zu uutirturrfem Der "Rothe« wird helfen, sagte kürzlich wieder ein russischer Diploinat. Der «Rothe« toirb Rußland die goldene Brücke zum Rückzug bauen. (Schluß folgt.)

Deutschland.

* Wiesbaden, 7. August. Die Aufhebung der gegen unser Blatt von Seite der Polizeibehörde getroffenen Maßregel ist bis jetzt nicht erfolgt.

Stuttgart, 4. August. Mehrere wohlhabende Bür­ger von hier gehen damit um, Brod von Mainz zu beziehen, und beim ersten Versuche sogar noch die Fracht selbst zu tragen. Bei dein gewaltigen Preisunterschiede 8 kr. bei 6 Pfund würde sich ein solches Un­ternehmen der Mühe wohl verlohnen.

Köln, 4. August. (D. V. H.) Die kgl.

such hier mit schleuniger Ermittelung" der in den Pri­vatgebäuden vorhandenen Stallungen beschäftigt. Diese Maßregel laßt vermuthen, daß die Ankunft der zur Kriegsbereitschaft der Cavallerie und Artillerie' erforder­lichen Pferde in naher Aussicht steht.

Es befindet sich jetzt eine Militärcoimnission aus Berlin, mit dem General v. Haun an der Spitze, hier, um sämmtliche seit dem Jahre 1848 als untätig lich erklärte Militärpflichtige einer nochmaligen genaueren Prüfung zu unterwerfen. Wie man wissen toill, wären die bekannten in Köln entdeckten großartigen Unters gleise Grund zu dieser außerordentlichen Maßregel.

Rendsburg, 30. Juli. Wie man hört, ist in diesen Tagen die bestimmte Weisung zur ferneren Demolirung der Festung aus Kopenhagen eingegangen, und dürfte solche demnächst zu erwarten sein. An der westlichen Seite vom Schleswiger Thor soll der Anfang geschehen. F r i e d r i ch s st a d t ist bis auf einzelne Gebäude nun­mehr wieder aufgebaut.

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Der Kratt ist eine Figur, die man sich selber an fertigen kann was aber geheimnißvoll geschehen muß, daß keines Menschen Auge sie sieht. Ihr Leib ist ein Besenstiel, ihr Kopf ein zerbro­chener Topf, die Nase eine Glasscherbe, zwei geradcanSstehende Arme legt man ihr an, die aus Stücken einer Haspel bestehen müssen, an welcher ein hundertjähriges Weib gehaspelt; das sind alles Dinge, die man wohl bekommen kann. Stellt man nun diese Figur drei Donncrstagnächtc nach einander auf einen Kreuz weg, wobei man mutterseelenallein sein und besondere Worte sprechen muß, die ich kann und dir mittheilen will, so wird sie in der dritten Donnerstagnacht lebendig.

Gott bewahre! rief Hans.

Hast du Furcht? Daun habe ich genug gesagt.

Ich habe keine Furcht, erzähl' weiter!

Dieses Gespenst ist bann der Knecht Desjenigen, der cs her- vorgerufcu hat; es wohnt bei ihm im Hause, aber nur ihm sicht bar, aus dem obern Boden und thut Alles, was ihm geboten wird. Es bringt seinem Besitzer Geld, Korn, Heu, von wo die­ser es haben will und so oft es ihm geheißen wird, aber nie mehr auf einmal, als ein Mensch tragen. Viele schon haben den Kratt, mit sprühendem, feurigem Schweife, zum Schornstein hin ausfahren sehen! Merkst du nun, Hans? Du schauerst?

Aber wenn du bieS weißt, Bèichel, warum hast du dir nicht selbst einen Kratt gemacht, wenn es gut ist, sondern-bist Pein Leben lang arm geblieben ?

Hundert Blal habe ich es gewünscht nnd gewollt, hnndert Mal den Versuch angefangen, aber ich batte den Bènth nicht! Ich habe einen Freund gehabt, der einen Kratt besaß, er bat nur viel davon erzählt, aber ich batte den Muth nicht! Der Freund starb und sein herrenlos gewordener Knecht blieb noch geraume Feit im Dorfe und neckte und quälte die Bewohner. Eine Frau, die er in dieser Zeit vielfach belästigt batte, fand zuletzt noch all' ihr Garn zerschnincu, bei näher« Nachsuchen in dem Hansen aber eine Menge Gold. Seitdem war der Kratt fort. Damals batte ick auch gern einen besessen, jetzt bin ich alt und grau und denke nicht mehr daran.

Ich habe Muth, aber wäre eS nicht gut, wenn ich darüber mit dem Herrn Pastor spreche?