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Die »Nassauische Allgemeine Zeitung» erscheint, Sonntag ausgenommen, tag Uch. Preis: vierteljährig für Wies­baden und den Thurn und Zarismen Postbezirk 2 fl., sonst 2 fl. 24 fr.

Nassauische Allgemeine Zeitung.

Bestellungen nehmen an in Wtesbad« die Expedition (graue Schwalbacher» straße Nr. 7} auswärts alle Postau» stalten. Inserate: die vierspaltige Petitzeile oder deren Naum s st,

Wiesbaden. 1854.

Ar. 176.

Samstag, 2$K Juli»

Durch die Wichtigkeit der bevorstehenden Ereignisse veranlaßt, eröffnen wir hiermit für die Monate August uud September ein abgesondertes Abonnement auf die Nassauische Allgemeine Zei­tung. Bestellungen werden baldigst erbeten. Bor dem 1. August eiiltretende Abonnenten erhalten die Nummern des laufenden Monates vom Bcstelltag an gratis. Abonncmcntsbctrag: 1 fl. 20 kr.

Zeitungsschau.

DaS neue österreichische Anleihen. Die preußische Sonderstellung. Die Wahrheitsliebe der Presse.

** Das freiwillige Nationalanlehen in Oesterreich ist ein Feldzug nicht weniger bedeutsam, als jene die zu Novara und Temeswar die Einheit des Kaiserreichs errangen, nur wird sein Erfolg viel um­fassender sein; die Wirkungen dieses Sieges werden sich in das tausendästige Geäder des ganzen Leibes bis an seine äußersten Enden verbreiten, das Wohlgefühl, von einem schweren Alpe befreit zu sein, wird alle Glieder des weiten Oesterreichs durchdringen. Oesterreich wird niemals aufhören, gewaltige Feinde zu haben; nur nicht .immer werden es Feinde im eigenen Lager sein. Als der Sturm von 1848 Mitteleuropa erfaßte, da sam­melte sich ein Giftstoff, in Ungarn gebraut, in der Aula der Kaiserstadt und ihrem Kinde, dem Reichstage; Oesterreich zerfällt, jubelten bereits seine äußeren Feinde, es ist im Centrum gepackt. Die kaiserliche Armee be­schämte den Jubel, Oesterreich erstand, kein Fuß breit war ihm entrissen, dafür hatte es sich alle seine Pro­vinzen zurückerobert; die Reichseinheit mit ihrem festen Gürtel von frischbewehrten Festungen und ncuorgani- sirten Verwaltungen, ihr zur Huth eine kriegsgeschulte Armee, die ihresgleichen in Europa sucht; und über dem Ganzen ein starkes Haupt das war das Ende der Krisis. Oesterreich besitzt seitdem einen jugendlichen Herrscher, dessen Thatkraft überall Vertrauen erweckt, auf den die 'Völker bereits als wie auf den erkornen - Führer schauen, wenn große Krisen einer starken Hand zur Rettung bedürfen; einen Kaiser, der Soldat ist, der mit dem Mannesmuth den froinmen Glauben der Habsburger vereint ....

Schon recht, aber das Agio, lautet die trockene Ant­wort des prosaischen Fmanzmannes, der es dir entlei- dete, des Weitern von den übrigen Vorzügen und Hoff­nungen des verjüngten Oesterreich zu reden. Und der-, selbe Refrain kehrte in den letzten sechs Jahren allent-' halben wieder, wo Deutsche von Oesterreich sprachen: das Agio und wieder das Agio! Das Agio vergällte dem conservativen Politiker die Wiederherstellung des Rechtszustandes in Deutschland durch Oesterreichs muthiges Eingreifen; das Agio machte ihm zweifelhaft, was sonst als Axiom ihm feststand: ob der Kaiscrstaat an der Spitze von Mitteleuropa stehen müsse, daß ohne ihn von einem selbstständigen oder mächtigen deutschen Staatenverband nicht die Rede sein könne; das Agio schreckte den Industriellen, den Nationalökonomen und

Die Schwägerin.

Ein Bild aus dem schwäbischen Volksleben.

(Fortsetzung.)

Im Dorfe wären alle Zurüstungen für den kommenden Tag beendiat; die Hochzeitmägde und die Gesellen des Bräutigams waren schon zum üblichen Sorfefte. im Wirthshaus versammelt, wo sich die gestimmte ledige Jugend des Dorfes eingefnnden hatte. Von weitem tönte dem heunkommenden Brautpaare ans den hell- erleuchteten Fenstern der Wirtbsstiibe ihr Gesang entgegen. Die wehmüthige Weise desselben that Margarethen wohl, da sie nach dem stillen Pfarrgange nur mit Widerwillen einer lustigen Ge­sellschaft entgegen sah. Im Eintreten vernahmen sic noch die lebte Strophe des eben abgesungenen beliebten Volksliedes:

Laß die drei Rosen stehn, Die an dem Krenzle blühn; Hast du das Mädle kamit, Die drunten liegt?1-'

Am Schluß stand die Gesellschaft auf, um die ankommenden zu begrüßen. Die meisten jungen Leute sahen die Braut heute zum Erstenmal. Hansjörg, so wenig er sonst in seiner selöst- ständlgen Weise sein Thun vom Urtheil der lnstigen Jugendge­sellen abhängig machte, nahm heute nicht ohne Stolz den Beifall wahr, den seine Wahl fand. Selbst der Spott, mit dem her­kömmlicher Weise an diesem Wend derjenige verfolgt wird, der vom lnstigen Verbände der Ledigen sich lossagt,. wurde zuruage­halten, und dem Paare mit mehr als dem gewöhnlichen Respect während nun der Bräutigam die Glückwünsche der Gffellcn hinnahm, hatte einer derselben noch ferne gestanden und die Braut mit schärferem Blicke als die andern betrachtet; endlich näherte er sich und gab sich ihr als Hansjörgs Bruder, ihren künftigen Schwa­ger zu erkennen. Margarethe erschrack; sie hatte ihn noch nie ge- seben, weil er das einzige Mal, da sie vor der Hochzeit das Dorf besucht hatte, sich auswärts anfhielt. Er nahm, ihre Bewegung wahr, aber so schlimm er auch Anfangs auf die Heirath feine«

Finanzmann zurück; die Bruck'schen Vorschläge zur Zoll- und Handelseinigung sind vortrefflich, sind groß­artig in ihrer Conception, aber flüsterte der »Preuß. Staatsanzeiger das Agio!! Jedermann verstand das Wort, Jedermann begriff nun, daß die Ueber- gangSstnfen znr wirklichen Zolleinigung viel zu kurz be- messm seien; ja, daß es überhaupt in Frage stehe, ob je von einer wirklichen Zolleinigung mit einem Staate, in welchem das Agio eine solche Rolle spiele, Ernst ge­macht werden dürfe, war gangbare Meinung. Das Agio war zu einer fabelhaften Größe angewachsen; die Sünden der früheren Verwaltung bis zur nächsten besten Paßplackerei herab wurden in dieses große Schuld­buch eingeschrieben oder mit einem Fluche auf das Agio honorirt.

Wir sprechen absichtlich nichts von den Folgen, welche das Agio für den österreichischen Verkehr hatte, es ist uns nur darum zu thun, ein kleines Bild von der Seite zu geben, die es uns Deutschen bot. Die Scheidewand, welche alleil Bemühungen der Diplomaten zum Trotz sich zwischen Oesterreich und Deutschland riesengroß anfthürmte, diese Scheidewand hieß Agio! Die Beule, in welcher sich auf's Nene der Giftstoff der Revolution, alle feindseligen Elemente gegen Oesterreich sammelten, eben dieses undefinirbare, unpackbare, ge­heimnißvolle, dämonische Etwas war das Agio.

Und dieses Ungethüm soll nunmehr erlegt werden? Ist dies auch nur möglich? so fragt man nicht blos in Oesterreich, diese Frage wird auch in Deutschland gestellt. Ueberall, wo man begriffen hat, daß von einer Trennung Oesterreichs und Deutschlands fortan ver­nünftigerweise nimmer die Rede sein kann, daß die rückläufige Bahn zur Einigung begonnen hat und ihr Sättigungspunkt früher oder später erreicht werden muß, ist diese Frage natürlich, sie berührt unsere höchsten Interessen.

Wir haben, sagt das »D. Volksbl.», dem wir die­sen Artikel entnehmen, unsern Glauben an diese Mög­lichkeit so wenig aufgegeben, als seiner Zeit das Ver­trauen auf den Sieg der Reichseinheit über die Freunde der ungarischen und lombardischen Unabhängigkeit. Al­lein in oiesem Stticken kommt es nech auf Etwas An­deres an als auf Glauben. Hier beweisen Zahlen. Also noch einmal: ist es möglich, das Agio in Oester­reich gründlich zu beseitigen? Die Antwort ist in zwei Sätzen gegeben. Wenn das Minimuni von 350 Mil­lionen gezeichnet wird, so verschwindet die Differenz zwischen Silber und Papier. Es ist aber bereits ge­wiß, daß diese Smmne weit überschritten wird. An diesen beiden Wahrheiten zweifelt kein Verständiger in Oesterreich. Die nächste Zeit wird auch dem Un­gläubigsten die factischen Beweise an die Hand geben. Wie uns der Lloyd mittheilt, wird unmittelbar nach Vollendung des Anlehens allen Ungläubigen jede An- laffung zu einem Zweifel dieser Art genommen werden. Daher jetzt schon das gehobene stolze Selbstgefühl, wel­ches sich in dem Kaiserstaate allenthalben zu erkennen gibt. Es concentrirt sich in dem Gedanken: bald wird die Revolution ganz besiegt sein, wir werden von dem Agio erlöst sein!

Bruders zu sprechen gewesen war, so überwand doch der Anblick des Mädchens in der leicht erklärlichen Befangenheit dieses Abends, neben der natürlichen, wohlwollenden Höflichkeit ihres Wesens seine feindlichen Gefühle.

Die Leute haben dir gewiß Angst gemacht wegen meiner," äußerte er mit halb bitterem Lächeln.Es gibt überall böse Zungen; man muß nichts annehmen, was man nicht selbst be­zeugen kann." antwortete sie ausweichend.Du hast Recht," sprach er;man muß auch bei mir wollen Unkraut säen; aber ich werd' euch nichts in Weg legen, und euch auch niemals zur Last fallen."

Jetzt erst betrachtete daS Mädchen, das sich allmählig gefaßt hatte, den vielbesprochenen Schwager näher. Sie fand ihn nicht so abstoßend, als sie erwartet hatte; vielmehr war er hübsch und bochgewachsen, aber ein unsteter Zug in seinem Gesichte und eine mißtrauische Bitterkeit im Blicke machte, daß sie das Auge von ihm ab und auf Hansjörg wandte, und indem sie mit herzlichem Zutrauen in dessen besonnene Miene schante, Gott dankte, daß sie seine und nicht seines Bruders Fran werden sollte.

Nachdeui einige Stunden unter Scherz und Gesang verjubelt waren, brachen die Gäste auf und das Brautpaar durfte mit Be­gleitung sich nach Hans begeben. Hier wollte Margarethe, froh, daß der vielbewegte Tag zu Ende sei, mit ihren Brautjungfern sich zurückziehen, aber Jacob, ihr Schwager, bat die ganze Gesell­schaft, noch ein wenig zu verweilen, da er eine Mittheilung zu machen hätte. Dian setzte sich also wieder um den Tisch, ziemlich gleichgültig, denn man erwartete wenig von Bedeutung. Jacob aber that kund, daß auch er eine Braut habe und sich demnächst häuslich neben seinem Bruder niederlassen werde. Dies verhielt sich nun auf besondere Weise.

An den Hof des angehenden Paares stieß ein anderer, dessen Eigenthümer vor kurzem verstorben war und sein Gut schulden­frei einer einzigen Tochter überlasten hatte. Sie war das ein­zige Kind, das ihm von vielen geblieben war, und auch ihr hatte die ängstliche Pflege der Eltern nur ein kränkelndes Dasein er- halten. Nachdem man ihr von Kindheit ans durch ausschließende Ausnierksamkeit die angeborene Schwäche gesteigert hatte, stand sie nach dem Tode beider Eltern hülflo« in der fremden Welt.

** Der Lloyd persiflirt heute die preußische Sonder* stellung und Zögerungspolitik. Man telegraphirt uns von Berlin, sagt dieses Blatt, daß Pferdecinkäufe für die Armee gemacht werden. Das geschieht im Juli. Jur August wird uns wohl der Telegraph verkünden, daß die Schneider eben so geschäftig sind, wie jetzt die Pferdehändler und daß sie eine große Anzahl Waffen- röcke anfertigen. Im September dürften die Train- wagen an die Reihe kommen und Schmiede und Wa- genmacher wenigstens nach den Zeitungen oder doch nach der »Zeit» viel Beschäftigung finden. Im October wird es zu schneien anfangen und man wird die Wagen in die Schupfen, die Waffenröcke in die Magazine, die Pferde in die Ställe bringen. Dann werden sehr friedfertige Feldmarschälle und Oberst­lieutenants vergnügt in die Hände klatschen und sich hinter dem toarmen Ofen in Schlafröcken und Pan­toffeln über den Streich freuen, den sie irgend Jeman­den gespielt haben. Oder was wir für viel wahr­scheinlicher halten sie werden sich dann bitterlich ärgern über die ärgerliche Gescheitheit Derer, welche sich jenen Streich nicht spielen lassen wollten. Ob man in Berlin wirklich unschlüssig ist, oder ob man dort einen Entschluß gefaßt hat, zu dessen Ausführung an­scheinende Unschlüssigkeit das Mittel sein soll in die Untersuchung hierüber wollen wir jetzt nicht eingeben. Eines oder das Andere ist jedenfalls der Fall. Die Parteien der Herren Gerlach, Dohna und Compagnie, welche ihren König stets daran erinnert, daß er vor Allem »kaiserlich russischer Schwager» sei, (Siehe »Rundschau« des Herrn v. Gerlach), hat noch ihren Einfluß nicht verloren und zwingt den Ministerpräsi­denten aus ihren Reihen die diplomatischen Couriere zu wählen, welche jetzt einen leitenden Einfluß auf die preußische Politik nehmen. Wir wollen jedoch nicht be­haupten, daß derselbe ihr auf die Dauer irgend einen bestimmten Stempel aufdrücken wird. Bestimmt scheint uns nur die Unbestimmtheit derselben, feststehend nur ihre Wandelbarkeit. Wir besitzen nicht das Talent der Kalendermacher, welche vorgeben, ein Jahr im Voraus berichten zu können, wann cs stürmen, schneien, hageln, regnen, wann die Sonne scheinen, wann eS kalt und warm sein wird. Hätten wir dasselbe, so würden wir uns vielleicht an die schwierige Aufgabe machen, die Politik des Berliner Cabinets für einige Zeit vorher­zusagen. Man hat in der deutschen Presse auS lobenS- werthen Motiven eine Frage noch nicht aufgeworfen und erörtert: Wird die Entscheidung der orientalischen Frage aufgehalten, wenn Preußen Willens ist, dieselbe zu verzögern?» Die russische Partei in Berlin ist ber beste Verbündete, oder richtiger, der verläßlichste Knecht, welchen der Czar zur Ausführung feiner Befehle finden kann. »Wird sie ihre Zwecke erreichen und der Po­litik Oesterreichs, Deutschlands, Englands und Frank­reichs ein Paroli biegen können?» Der Lloyd verneint diese Frage und meint »die ganze Macht Oesterreichs, verbunden mit der ganzen Macht Frankreichs, mit den disponiblen Kräften Englands und der Türkei wird mehr als genügend sein, um die orientalische Frage zn ordnen. Es ist Zeit, daß an eine solche politische und

Wäre das arme Geschöpf mir minder begütert gewesen, so hätte sie eine leichtere Zukunft vor sich haben mögen. Die Nächsten­liebe und Wohlthätigkeit der Bauern, so ungerne sie, auch bei noch so dringender Anforderung, gemeinsam und mittelbar wirkt, wird nicht leicht einer unmittelbaren Ansprache «überstehen, be­sonders sie von einer Person ausgeht, die im wirklichen und eigentlichen Sinne als Nächster anerkannt wird, das heißt von einem Ortsmitglied. Wer int Ortsverbande lebt, hat auch ein Recht auf alle Hülfe der Mitbewohner. Christine, die Waise, hätte barum als arme« Mädchen ihr stilles Dasein sorglos mit leichter Handarbeit unter der wechselnden Gönnerschaft der vermö­genden Bäuerinnen zubringen mögen und wäre vor Kränkungen ziemlich geschützt gewesen. Nun aber war sie die einzige Erbin eines Bauernhofes, der von Eltern und Großeltern auf sie über­gegangen war und nicht in fremde Hände gebracht werden durfte. Die Unzulänglichkeit ihrer Geistes- und Körperkräfte war weder in ihres Pflegers, noch in anderer Augen ein hinreichender Grund, den Hof zu verkaufen, um ihr durch den Erlös ein ruhiges Leben zu sichern. Nein, sie mußte heirathen, mußte der rastlosen, un­ausgesetzte Umsicht erfordernden Thätigkeit einer Hausfrau sich un­terziehen, damit das Gut gehörig umgetrieben werde.

DieseGelegenheit" war's, die Jacob in's Auge gefaßt hatte. Zu Hause war's ihm nicht heimisch gewesen, seit die Mutter fehlte; darum hatte er sich recht in's tolle, schwärmende Jugen- leben hineingeworsen. Aber dieses bekam er endlich auch satt. Er sehnte sich sacb Anderem, nach Neuem. Dazu kam noch die Uebergabe des väterlichen Gutes an den Bruder, über die er grollte. Nun fiel ihm ein, sich selbst häuslich mederzulaffen; Haus und Heerd, ein eigener Hof, reizte ihn jetzt so sehr als zuvor die Ungebundenheit der Jugend, und wo niöglich seinen Bruder an stolzem Besitz überbieten mögen. Sein heftiaer Sinn kannte, wenn er etwas in's Auge gefaßt, leine andere Rücksicht; so kümmerte er sich auch jetzt nicht um die Persönlichkeit der Braut, da er den Blick einmal aus's Gut geworfen hatte. Von den Ansprüchen, die man an ein Weib machen kann, von dem Einfluß, den ihr Walten auf das Glück deS Hauses übt, ahnte er wenig, denn im eigenen verwaisten Hause konnte er denselben nicht'lernten lernen, und den Mädchen war er nie gewogen gc«