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Die "Nassauische Allgemeine Zeitung« erscheint, Sonntag ausgenommen, taq- lich. Preis: vierteljährig für Wies­baden und den Thurn und Tarischen Püstbezirk 2 ft., sonst 2 ft, 21 lr.

Nassauische Allgemeine Zeitung

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Wiesbaden. 1SM>

M. 162.

Donnerstag, l ^ 3«lb

<K Zur Naturgeschichte der Bureaukratie.

Am 20. Iulli gaben die gelehrten Mitabciter des "Herz. Nass. Jntelligcnzblattes« in der Nr. 27 des­selben Proben ihrer kirchenrechtlichen und historischen Kenntnisse. In Rro. 33 dieses Blattes debutirt einer derselben im Staatsrecht und in der Politik. In einem Artikel "Bureaukratie?" stellt er die Frage, ob ein solches Ding wirklich bestehe und wenn: was darunter zu verstehen sei. Zur näheren Begriffsbestimmung, deren der ausländische Name bedürfe, bemerkt der Ver­fasser: "Die Bureaukratie will aber wörtlich die Herr­schaft der Schreib- oder Geschäftsstube sagen, mithin den vorherrschenden Einfluß der Staatsbeamten bei der obersten Leitung der Negicrungsangelegenhcitcn aus- drücken.«

"Daß Geschäftskcuntuiß so fährt dieser Denker fort gepaart mit einer tüchtigen staatSwissenschaft- lichen Bildung, unter jeder RcgicrungSform sich geltend Machen und einen gewissen und in manchen Fällen so­gar entscheidenden Einfluß erlangen könne, ist ebenso natürlich, als es überhaupt löblich und gut ist, daß überall nach festen Grundsätzen, welche Wissenschaft und Erfahrung allein an die Hand zu geben Vermögen, regiert werde. Insoweit wird also von einer Bureau­kratie, obwohl nur in einem eingeschränkten Sinne des Worts, die Rede sein dürfen. Die Bureaukratie in dieser Auffassung begreift sohin den ganzen, durch lang­jährige Studien auf seine verschiedene Wirkungskreise hinreichend vorbereiteten StaatSbearutenstand. Seine einzelnen Mitglieder, durch den Willen des Landes­herren au ihre Stellen berufen, sind vor Allen in der Lage durch die tägliche Uebung in Staatsgeschäften sich diejenige umsichtige Behandlung derselben, wie die ans­gedehnte Erfahrung zu erwerben, auf deren Urtheil unter allen Umständen kein geringes Gewicht gelegt werden darf. Daß die beeidigten Räthe oder Rath­geber der Krone die Spitze der Bureaukratie darstellen, sowie daß in dein Staatsdienst selber eine strenge Un- terorduung nach hierarchischen Grundsätzen erstes Erfor- dcrniß einer guten Staatsverwaltung sei, darf hier nur angedeutet werden. Der Vorwurf, daß in irgend wel­chem Lande die Herrschaft der Staatsbeamten sich über­mächtig geltend mache, kann sich mithin nur gegen die oberste Centralstelle, oder etwa auf unsere heimische Verhältnisse bezogen, gegen das Staatsininisterium richten. Ein Kampf gegen die Bureaukratie, insofern ein solcher überhaupt berechtigt^erschiene, würde mit- hm als ein Kampf gegen das Staatsmiuisterinm auf- zufasscu sein.« Dies ist das Bild, welches der Mit­arbeiter des oster gedachten "Jntclligenzblatts" von der von ihm in Schutz genommenen Bureaukratie ent­wirft. So sehr er aber auch seinen Pinsel angestrengt, so fleißig er den "staatsrechtlichen Katechismus« des «Herz. Nass. Jntclligenzblattcs« durchblättert haben mag, das Bild ist ihm dennoch in keinem Zuge ge­lungen. Die Wissenschaft und das praktische öffent­liche Leben verstehen unter Bureaukratie etwas ganz anderes, als was jener Verfasser glauben machen frist

Den technischen Ausdruck "Bureaukratie« im Gegen­satze das Collcgialsystems meint man darin auch nicht, wenn man von Bureaukratie in der üblen Bedeutung des Wortes spricht. Der Staat als sittlich- gei­stiger Organismus bedarf zur Erwirkung seines direkten und indirecten seines innern und äußern Zweckes bestimmter Organe. Man findet deßhalb auch in allen Staaten für die verschiedenen öffentlichen Thä­tigkeiten verschiedene Würden, Aemter und Behörden vor. Sic sind Organe des Staates zur Erstrebung nnd Erreichung seiner Zwecke und der dazu erforder- licheu verschiedenen öffentlichen Thätigkeiten. Insbe­sondere bedarf das Staatsoberhaupt verschiedener Be­amten, die ihn in den verschiedenen Richtungen seiner Functionen unterstützen. Daß Individuen, welche ihre ganze Lebensthätigkeit dem Studium des Rechts und des Staats ausschließend gewidmet haben, und der An­wendung der erworbenen Kenntnisse im Dienste des­selben widmen, tauglichere Organe des Staats und für das Oberhaupt desselben sind, als solche, welche sich nie damit beschäftigt haben, erleidet keinen Zweifel und Alles, was das "Intelligenzblatt" darüber sagt, ist zwar richtig, aber auch weiter nichts, als ein allbekannter Gemeinplatz.

Das Amt verhält sich zum Staate, wie das Glied zum organischen Körper. Die Functionen des Staats­beamten, sind daher organisch-geistiger Natur; sie än­dern sich nach den Bedürfnissen des menschlichen Lebens, zu deren Befriedigung sie bestimmt sind. Der die sitt­lich-organische Persönlichkeit des Staats begreifende Beamte dient dem Leben und bleibt in demselben selbèr lebendig. Die Bureaukratie hat aber keinen Begriff davon, daß das Verhältniß der bürgerlichen Ordnung Recht und Staat ein organisches ist. Ihr ist der Staat eine Maschine, das Amt ein Stück dersel­ben und die Beamten sind dem Büreankratismns weiter nichts, als Räder und Spindeln einer Fabrik. Bei der Büreaukratie erstirbt das Leben in dem Amte. Die Bureaukratie arbeitet nach regelmäßigen mechanischen Gesetzen und Bewegungen. In der Hand der Blkreau- kratie verkommt der Staat in einem todten Mechanis­mus und.geht darin sicherlich über kurz oder lang zu Grunde.

Der Bureaukratismus ist wie der constl- tutionèllss Liberalismus eisig kalt, nüchtern, ge- müthlos; er ist wie dieser ohne religioShumane Ideen; der Büreankratismns weist, wie der constitutionelle Liberalismus, die eigentlich sittlichen und socialen Auf­gaben des Gemeinwesens zurück.

Die einzige Kunst der Bureaukratie besteht in dem kleinlichen gedankenlosen Vielregicreu; ihr höchstes Ziel ist der leichte Mechanismus der Maschinen artigen Ver­waltung. Alles, was ihr in jener Kunst und in diesem Ziel irgend wie hinderlich ist oder im Wege zu stehen scheint, feindet die Bureaukratie an und bekriegt sie mit kleinlichen Tücken und heimlichen Intriguen. Die Bureaukratie ist es gewesen, welche noch viele lebens­kräftige und wohlthätige Satzungen in der ständischen und bäuerlichen Verfassung aufgelöst hat; sie war es, welche die unentbehrlichsten Fundamente eines

jeden wahren und dauerhaften politischen Lebens, die Cor Porationen zerstörte. Der Burcaukratismus mischte sich selbst in das Gebiet des Glaubens und des Gewissens. Während nur Religion, aufopfernde Va­terlandsliebe, Treue und Anhänglichkeit an den Lan- dcshcrrn und Ehrfurcht vor aller Obrigkeit und allem Recht die alleinigen Träger einer dauerhaften Monar­chie sind, glaubt der Bureaukrat, daß die stützende Kraft allein in der mechanischen Richtung deS Deam- tcnthnms ihren Sitz habe.

Dr. Martin Luther sagt zwar schon von den Bureau­kraten: «es seien Leute, die nur eine Handthierung, ein Handwerk aus der Obrigkeit machten«; allein die eigentliche Bureaukratie mit ihrer ganzen zersetzenden und zerstörenden Geistlosigkeit ist neueren Ursprungs; sie ist eins der vielen unseligen Producte der französi­schen Revolution nnd der darauf gefolgten Centralisation. Ihre Blüthe begann nach Auflösung des deutschen Reiches in der Rheinbundzeit. Die Ereignisse des Jahres 1848 sind größten Theils die Früchte der Bureaukratie. Wie diese die Bureaukratie, die nichts organisch zu schaffen und zu behandeln versteht, rath- und thatlos überraschten und auseinander stäubten; so werden künftig ähnliche oder andere Gefahren die Bureaukratie noch ohnmächtiger und erbärmlicher finden.

Die Bureaukratie gibt sich für conservatio ans; sie kann aber nichts erhalten, sondern nur fruchtlose Rück- bildungSvcrsuchc machen: ihrer beschriebellen Natur nach wirkt sie nur zerstörend. Auch simulirt die Bureau­kratie in der Zeit voller Gefahrlosigkeit die größte An­hänglichkeit an die Monarchie. Hiervon ist nur so viel wahr, daß sie gleich einer Maschine jeder jeweiligen Gewalt dient, mag der legitime Herrscher oder die Demokratie in deren Besitz sein. Die Geschichte der Jahre 1848 und 1840 liefern für diese Behauptung unwiderlegliche Beispiele, namentlich die Ereignisse in einem süddeutschen Musterstaate.

Dieß sind im Ganzen nnd im Großen die Haupt­umrisse eines BildeS der Bureaukratie. Geht man in das Detail; so gestaltet sich Alles noch viel trauriger und düsterer und je kleiner das Land, desto mffähigèr und erbärmlicher erscheint darin die Bureaukratie. Daß es eine bcdauernswerthc Unkenntnis verräth, wenn das "Herzogk. Nass. Jntelligcnzblatt« die Bureaukratie mit den Beamtenstand überhaupt identisiciren will, bedarf nach dem Gesagten wohl keiner weiteren Auseinander­setzung mehr.

Die russische Antwortnote.

* Die Mittheilungen über den Inhalt und die muthmaßliche Aufnahme der russischen Antwortnote lauten noch immer ganz widersprechend. Berliner Be­richte stellen friedliche Vermittelung in Aussicht, Wie­ner Berichte halten einen Krieg für unvermeidlich. Der «-A. f. W.« bringt in einem und demselben Blatt Artikel dieses entgegengesetzten Inhaltes. Nach einem Artikel aus Berlin vom 9. scheine man dort und in Wien nicht abgeneigt in der russischen Antwort-

Ein Roma n im Kerker.

Eine Erzählung in drei Capiteln.

(Fortsetzung.)

Wochen waren vergangen. Ich hatte die Zeit inzwischen zum Rccoguoscireu benutzt. Wie mein Leidensgefährte gesagt hatte, bewohnte Nina, so will ich sie tu Zukunft nennen, in der That das Zimmer unter mir, aber es war unmöglich, zu ihr zu ge­langen. Ich sah sie täglich mit die bestimmte Zeit ihre Prome­nade machen, sie ging immer gesenkten Blickes einher. Daß sie blaue Augen habe, wußte ich nur vom Kerkermeister. Letzter» suchte ich auf alle mögliche Weise miktheilsamcr zu machen, ich erfuhr jedoch eben nicht viel mehr, als mir bereits gesagt ward. Nina war fromm und ging jflcißig zur Beichte Die gebotenen katholischen Fasttage hielt sie aus's strengste; so nahm sie am Freitag bis 511111 Abend keinerlei Speise zu sich. Das hierdurch ersparte Geld- denn sie bezog wie wir die FestungSgebühren legte sie bei Seite, um sich davon Nähutensilien und dergleichen anzuschaffeu. Seitdem sie in K. war, also volle fünf Jabpe, hatte sie auch nicht einen Brief erhalten und auch keinen fort geschickt. Und dennoch hatte sie in der Heimath Geschwister und auch Derjenige, der ihr einst liebeschwörend zu Füßen lag, lebte noch; so erfuhr ich.

Eines Tages saßen wir ebeü, mein Gefährte und ich, bei einer Schachpartie, als der Profoß zu uns in'8 Zimmer trat. Er kam eben von Nina, die ihren Spaziergang vollendet hatte und wollte uns zu gleichem Zwecke abholen. Wir baten ihn, erst unsere Partie beendigen zu dürfen und er setzte sich gewährend neben uns hin, nur dem Verlaufe des Spiels zuzusehen. Als mein Gegner über einen Zug etwas zu lauge nachdachte,, wandte ich mich gegen den Profoßeu, um mich indessen mit ihm in ein Gespräch cinzulassen nud da erst bemerkte ich, daß er eine sei­dene Schnnr, durch die verschiedenartigsten Knoten verschlun­gen, in Händen hielt.

Wo haben Sie diese Schnur her? fragte ich, Bon meiner Tochter.

So pflegte der Profoß, der von den Gefangenen größtentheils Herr Vater" gerufen wird, Rina scherzweise zn nennen.

Ich weiß nicht, fuhr er fort, sie spielt immer mit der Schnur und scheint ein besonderes Vergnügen daran zu haben, die Knoten, die Sie hier sehen, zn schlingen und wieder aUfzulösen.

Stuii blitzte in mir ein Gedanke auf.

Hat sie Ihnen diese Schnur gegeben?

O nein; ich nahm dieselbe, als ich zu ihr in's Zimmer trat, in die Hand und spielte damit durch die Finger, allein ich merkte gar nicht, daß ich sie mitgenommen, bis sie mich darauf auf­merksam Machten.

Von einer überlegten Fortsetzung deS Spiels war keine Rede mehr. Mein ganzes Sinnen und Trachten war auf die Schnur- gerichtet. In einigen Zügen war ich schachmatt.

Unterdessen hatte ich zur Erlangung der Schnur dasselbe Ma­növer angewendet, welches der Profoß durch feint Erzählung mich soeben gelehrt hatte. Ich nahm sie ihm während deS gleichgiiltig fortgefüvrten Gesprächs aus der Hand und uiachte inich init schein­barer Unbefangenheit daran, die Knoten aufzulösen. Steine Ah­nung hatte sich nicht getäuscht. Es waren Gedanken, es waren lebendige Worte, die ich mit geübten Fingern las.

Die Gefangenen haben sich nämlich zur Mittheilung ihrer Gefühle und Gedanken eigene Sprachen gebildet. Es ist hier nicht der Ort, ans die Entstehung nud Ausbilduug derselben näher einzugehen. Gewiß ist aber, daß die Verbrecher ich rede hier nur von Criminalverbrechern die sogenannten Diebesjargone Mir im Kerker erlernen oder sich wenigsten darin mehr als in der Freiheit vervollkommnen. Die politischen Sträflinge, welck/e nur äußerst selten nur mit soeialen züsammenkommen, erlernen diese Sprachen fast nie, hingegen bediene» sie sich sehr ost der Finger­sprache und des Klopfens an der Wand. Ich habe z. B. oft ganze Tage lang mit meinem nächsten Zimmernachbar die in­teressantesten Schachpartieen durch die Wauch zu Ende geklopft. Ein viel seltenerer Weg der Gèdankeneomnmnieation aber ist der, welcher vermittels einer Schnur bewerkstelligt wird. Nur wenige sind in das Geheimniß eingeweiht, welches, wie ich mir sagen ließ, von den Zigennern zuerst gelehrt ward. Nur alte ergraute

Gefaugciie sind jetzt meistcNiheils im Besitze desselben. Wem e mitgetheilt wird, der musterst sein Wort verpfänden, daß er e5 nur einen Gefangenen und auch nur dann lehren werde, wenn dieser sei» volles Vertrauen errungen und ihm das gleiche Ver­sprechen gegeben hat. Ich hatte die Knotenschrist in den Case­matten zn O. erlernt. Ein an Leib und Seele gckrocheiier Schanz- strafling, mit dem ich mich den ganzen Tag unterhielt und dem ich Trost nnd Muth ^usprach,- weihte inich juni Dank dafür in das Geheimniß ein. Die Sprache selbst ist arm an Worten, sie ist durch und durch eine geistige, die abstracten Begrisfe sind darin mehr vertreten als die convretèw; von ihrer Constr-uction will ich nur soviel verrathen , daß sie weniger ans Buchstaben denn ans Worten besteht und ungefähr auf dasselbe System basirt ist, welches der heutigen Stenographie zu Grunde liegt.

Eine solche Schnur ich möchte sie Mr Selam des Gefau- genen nennen hatte ich mut in Händen! Wie Nina sich diese Sprache zueigen gemacht hatte, weiß ich nicht anzugeberr. Sie mochte dieselbe vielleicht während ihrer fast zweijährigen Unter- suchungShaft in ihrer Heimath erlernt haben. Ich löste die Kuo ten nach einander auf; beim hierin eigentlich besteht das Lesen. Ich laS:

Ich habe geglaubt, geliebt, gehofft. Wann wird es Tag werden? Meine Seele ist krank. Nur bei Gott ist Erbarmen und Verzeihung!" Ü -

Ich war furchtbar ergriffen.

Unterdessen war Alles zum Geben bereit. Wir begaben uns wie gewöhnlich unter Aufsicht des Profoßeu in den Hofranm Mid begannen unsere Runde. Ich tbat, als ob ich der Bewegung bald müde wäre nnd stellte midi , an einen im Hofe stehenden Pfosten gelehnt, so auf, daß id> von Nina, wenn sie am Fenster war, gesehen werden mußte. Wie in Gedanken vertieft, spielte ick, scheinbar mit der Schnur, während ich die Worte knüpfte: Der Abendstern ist auch der Morgenstern. Auch bei den Men­schen ist Versöhnnng. Schicke mir ein Bilch."

Des andern TagS kam der Profoß und bat inich, ich möchte ihm die Schmit geben, wenn ich sie noch versänke; feineTochter" ver nüsfe sie mit Unlust; er habe ihr zwar eine andere augebetett