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Nassauische Allgemeine Zeitung.
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Wiesbaden. IS5^
Nr. 154.
Dienstag, L. Juli.
Bestettiingtu auf das 3. Quartal der Nassauischen Allgemeinen Zeitung werden baldigst erbeten.
AuS den Kammern.
Die D o m ä il e n f r a g e.
Wiesbaden, 1. Juli. Sitzung der Stäude- vcrsain in 1 it it g. Tagesordnung I. Abg. Mo l ler erstattet Bericht über die Pferdcankäufe für die Artillerie, und der CcKnmissionSantrag, daß solche möglichst im Lande bewerkstelligt werden möchten, wird angenommen. —
II. Hieraus kommt die Erklärung des H. Staats- ministerillms vom 26. April 1854 über das Do- mailialvcrniögtn zur Verhandlung.
Nachdem der Ausschuß (Berichterstatter v. Eck) unter dem 26. Mai l. J. einen Bericht hierüber abgefaßt hatte, übergab ihm der landesherrliche Comm. Boll Pracht am 3. Juni eine schriftliche Erwiederung, welche den Ausschuß zu einem weiteren Bericht veranlaßte. Diesen trug Abg. v. Eck nebst den vom Ausschuß gestellten Anträgen vor, nämlich:
l. daß die Ständeversaulmlung an das Staatsmi- nisterillu» das dringende Ersuchen stelle, dasselbe wolle möglichst bald eine Borlage machen zur .Vereinbarung über den Betrag der für die Herzogliche Schatulle und Hofhaltung zn verwendenden Summe, so wie über die künftig zn gewährenden Apanagen, Witthume und Ausstattungen, und
IL daß die Ständeversaumibung dem Staatönn- uisterium gegenüber folgende Erklärung abgebe: 1) daß nur die Verwendung von 345,000 fl. für die Herzogliche Hofhaltung und Schatulle, frwtc für Witthum und Apanagen und weiter die Beriveudung der für die bauliche Unterhalinng des Wittlvensitzes Ihrer Königlichen Hoheit der Frau Herzogin Pauline erforderlichen Summe ans den Revenuen des Domamalvermögeus dem dermMg^, Besitzstände entspräche,
2) daß die Ständcversaniinluug bis zu einer hier-, über, erfolgten Vereinbarung gegen die Verwendung jeder weiteren Stimme aus den Domauialreveuüen zu den angegebenen Zivecken Verwahrung einlege, — und
3) daß sie wegen der etwaigen .Verwendung weiterer Stimmen die Mitglieder des Gesammtstaatsiniuisteriums perantwertlick; erkläre.
Von Sr. Excellenz dem Grafen von Waldcr- dorff war dagegen folgender Antrag Angebracht worden : Nachdem der von hoher Kammer gewählte Ausschuß am Schlüsse seines zweiten Berichtes daraus au- trägt, daß zur Ausgleichung der Domäucnfrage iiu nächsten Jahr von Seite der Regierung umfassende Vorlagen gemacht werden möchten, und von Seiten der landesherrlichen (Kommission im Ramen der Regierung die Erklärung gegeben worden ist, auf eine solche Vorlage und Verhandlung in umfassendster Weise eingehen zn wollen, einer Seils aber ans dem Inhalt beider Ansschußberichte hervorgeht, daß dieses Eingehen nur in sofern geschehen möge, als der Besitzstand, wie
er nach Ansicht des Ausschusses zur Zeit bestehe, bis zur Austragung fest gehalten werde; anderer Seits aber die Regierung der Ansicht ist, ferner hierüber nur verhandeln zu können, wenn vorerst die Versammlung diese Ansicht ruhen lasse, sonach eine Vereinbarung nicht angebahnt, viel weniger eine von den Ständen wie vom Lande sehnlichst gewünschte gütliche Austragung dieser Frage nicht erzielt werden kann, so erlaube ich mir einen vermittelnden Antrag dahin zu stellen:
»Hohe Kammer möge dermalen auf die Regier ungs- "declaratiou vom 26. April einen definitiven Beschluß "nicht fassen, sondern mit ausdrücklichem Vor- "behalt aller gegenseitigen Rechte und "Rechts st and Puncte den Gegenstand bis zum "nächsten Landtage beruhen lassen, unter der Ver- "ausseßung daß alsdann die H. Regierung, wie sie "bereits durch ihre Commission hat zusichern lassen, »sämmtliche Materialien mittheilen werde, welche zu »der von dem Landtage dann anziln ehinenden noch- "maligen Prüfung, aller hier einschlagenden Rechts- "Mld Zahten-Berhältuisse erforderlich sind."
Reg.-Comm. Bollpracht sprach über die.Ansichten der 'Regierung. Nach einer langen und lebhaften Dis- knssion, wobei für den Antrag des Grafen v. Walderdorff außer dem Antragsteller die Abg. Reichmann, Rutlmann, Halbey, Wilhelmi und Möller, — für die Ausschußanträge aber die Abg. König, Rau, Eigner, Knapp, Schellenberg, Müller, von Eck das Wort ergriffen, wurde der Walder- dorff'sche Antrag mit 25 Stimmen (Heydenreich, Rau, König, Lang, Eigner, Hammelmann, Schwickert, Cramer, Diehl, Trombetta, Kraus, Hoffmann, Gourdv, Müller, Schrodt, Sebastian,, Münch, Ulrich, Schäfer, Knapp, Schlachter, Schellenberg, von Eck, Bellinger, Wirth) gegen 11 (v. Waldcrdorfs, v. Bock, v. Marschall, Wilhelmi, Metzler, Möller, Halbey, Gödecke, Rullmann, Reichmann, Höchst) abgelehnt, und der in seinen zwei Theilen zur AbftmkMtNU gebrachte Eoimnisfivnoantrag mit großer Majorität angenommen. Für beide Theile desselben stimmte jetzt der Abg. Höchst, für den ersten Theil v. Bock, gegen den zweiten Theil Abg. Cramer. — III. ii. LV. v. Eck erstattet die Ausschußberichte über die Steuer-AllfordcrmWN der H. 'Regierung, welche auf noch zwei weitere Simpel für das laufende und zwei vorläufige Simpel für das nächste Jahr gehen. Beide,Steueranfvrderuugen wurden e i n ft iin m t g verivilligt.
Wie wir gestern mitgetheilt haben, wurde in der Sitzung der ersten Kammer vom 1. d. von der H. Regierung auf eine Interpellation des Abg. Gourde erklärt, daß die Unterhandlungen in Betreff der Dill- und Lahneisenbahn noch zu keinem Ergebnisse geführt hätten. Die Antwort auf diese von dem Abg. Gourde gestellt Interpellation lautet wörtlich wie folgt:
Die Herzogliche Regierung befindet sich ohne nähere Kenntniß darüber, ob das königlich preußische Gouvernement die Köln- Mindener Eiseubahngesellschaft mit einer Concession zum Bau
der Deutz-Gießener Eisenbahn belieben, diese Gesellschaft die Concession angenommen und die Aufwendung von 20 Mill. Tblr. zum Zwecke des Baues in einer am 24. Juni abgehalteneu Versammlung bereits beschlossen hat. Im klebrigen nimmt die herzogliche Regierung Bezug auf den Beschluß der vcrehrliFen ersten Kammer zu der Petition des Philipp Bauer von Camberg, die Eisenbahn von Deutz über den Westerwald-betreffend, wonach die herzogticlze Regierung ersucht wird, die Ertbciluug einer Couccs- fion zum Bau einer Eisenbahn von Dentz nach Gießen, soweit sie das Herzogthum berührt, von Ertheilung der Concession von Leite der preußischen Regierung zum Bau einer Bahn über den Westerwald, sowie einer solchen durch das Lahuthal abhängig zu machen. Die herzogliche Regierung theilt die von der verehelichen Kammer ausgesprochene Ansicht insofern, als auch sie bisher dahin zn wirken bestrebt war. daß die Concession einer Eisenbahnverbindung durch das Dillthal mit den übrigen für das H.r- zogthum von Norden nach Süden und von Osten nach Westen projectirten Eisenbahnen möglichst in Berbmduug gesetzt werde.
Deutschland.
Moutabanr, 26. Juni. (Fr. I.) Der cmS der lmfsauischen evangelischen Landeskirche auSgeschiedene, zu der s. g. altlutherifchcn Seele übergetretene evangelische Kaplan Heili von hier ist wegen Herabwürdigung dcr evangelischen Religion von dem Oberappellaüonsgericl t zn Wiesbaden zn einer. vierzehntägigen Amtsgefängnss- S träfe vernrtheilt korben.
Frankfurt, 3. Juli. Das neue österreichische Anlehen ist nunmehr abgeschlossen tnid zu einer der größten Finanzoperationen der neueren Zeit ausgedehnt worden. Die Summe des Aulehens ist vorläusig auf 350 Millionen festgesetzt und soll nach Maßgabe der zu erwartenden stärkeren Einzeichnungen bis auf 500 Mill, ausgedehnt werden. Die Berzmstmg ist 5 vom Hundert und die Ziuseuzahlung geschieht in Gilbermünze. Der Emmissionspreis ist auf 95 pCt. Bankvaluta gestockt. Die allgemeine Betheiligung wird im Kaiserstaate keinem formellen Zwange unterzogeil. Die Regierung wird nur an den Patriotismns der Oesterreicher appelliren. Der Zweck des Ankeihetls ist in erster Reihe die Wiederherstellung der Valuta durch RsickzaWng der Staatsschuldeu an die 'Rationalbank, mid sodann die Deckung ettteS etwaigen Ausfalles im StacushauS- . Halte. Dies sind die Grnndzüge eines Finanzgeschäftes, welches in aller Beziehung geeignet ist, die Aufmerksamkeit von ganz Europa auf sich zu ziehen, da das Anlehen zugleich einen Zweck verfolgt, welcher gegcn- lvärtig der Zweck Europas ist. Europa will ben Frieden, und der Friede ist wesentüch bedingt durch die active Theilnahme Oesterreichs am Kampfe in der Türkei. Erreicht Europa diesen Frieden, so ist kein pecuniärcs Opfer zu theuer bezahlt, insoweit das An- lehen zugleich zu einer europäischen Angelegenheit wird, da eö dem kampfbereiten Staate die Mittel des Kampfes gewähren soll. Von diesem Stqndpuncte wird diese Finanzoperation zu einem weseutlicheu Bestand- theile der orientalischen Frage, ganz abgesehen von dem bedeutenden Einflüsse, welchen die dnrch dasselbe bezweckte Wiederherstellung der Valuta auf alle Besitzer österreichischer Fonds ansüben muß.
Müilcheu, 1. Juli. Die gestrige Nummer 154 des "Bolksboten" wurde wegen eines Artikels.Betreffs der
ZHrndisehe Weiden^ Erzählungen ans dem nordischen Volksleben von Eduard Ziehen. Franlsnrt a. M. bei Nècidingcr, Sohn u. Eomp. 1854.
Unter diesem Litel bat cs der Verfasser versucht, durch eine Neid« von ErMnugen das nationale Gepräge des wendckchen Volksstannnes zu schildern: Er sagt die Wenoeii , welche den östlichen Theil der bannover'schcn Provinz Lüneburg und die nördliche Hälfte der Altmark beivotmeu, unterscheid«»'' sich in Hinsicht auf Cbaracker, Tracht, LebenSuvise, Dialect, Sitten und Gebräuche so scharf von ihren germanischen Nachbarn, daß ein auf/ merksamer Beobachter sehr bald den slavischen Abköminking unter Hunderten von niedersächsischen Bauern heraiWnden wftV/ Während bei den Germanen eine uralte Sitte nach der andern verschwindet, halten die Wenden mit großer Pietät an den Gebräuchen ihrer Verfahren fest, gleich als ob sie eine Ebre darin setzten, auch nicht die kleinste Eigenthümlichkeit ihres Stammes aufzugeben. Diese Stabilität in der äußern und innerlichen Wesen- best eines Volkes bietet dem aufmerksamen Beobachter allerdings mannichfache Gelegenheit dar, literarische Auknüpfungspunete zu finden. Diese hat denn auch Eduard Ziehen festzuhalten gewußt. Wir theilen im Nachfolgenden unsern Lesern eine dieser Geschick,-' teil unter bem Titel „Ter Dorsinnsirant" mit, da dieselbe am meisten gerundet und durch ihren charakteristischen Typus am lebendigsten hervortritt.
Der Dorflilllsicant.
„Mit wem spielt der luftige Dobelitz denn da drinnen?" — nagte ein muger Bauer in seiner Sonntagstracht einen bejahr- dniein kleinen Torso unweit. eines hübschen verschallten ^'" ^'^ Töne zweier Saiteninstrnmente her
Rademachers, der ein Musscant
.s. ' ^ Spielen auf der Violine," versetzte der Greis, mirb'^'f"'^^,)die lange das Spielen noch bauern
, „Lange.kauu's - nicht mehr -dauern," entgegnete 'Jener; „sie spielten scheu eine ziemliche Zeit. Wenn Jbr keine große Eile habt, so setzt euch mit mir auf den abgebauenen Baum da drüben, bis die Stunde vorbei ist: wir können dann ein wenig mit einander plaudern."
Dach Spielen dauerte allerdings nicht lange mehr.
Der SAfmufieaut Dobelitz, ein untersetzter Dreißiger von äußerst lebhaftem Temperament, saß mit feinem fünfzehnjährigen Stimler vor einem riesigen Notenpulte und ließ denselben ein leichtes Uel'nngsstück ans A-dur geigen, wobei er selbst Note für Note mitspielte. Die drei Kreuze hatten dem angehenden Ton tun stier, welcher sich noch mit den Elementen der Musik hernm- iWNg, anfangs einigen Sdirecf eingejagt; als er aber von seinem Lehrer hörte, daß er das Stück schon zweimal gegeigt habe, so
war er mntbig daran gegangen.
Mitten im besten Gei^
Stimme:
ijen ruft Tobelitz Plötzlich mit zorniger
Der Nadeuiachersohn, dem das Riederfächsiscsce geläufiger ist als das Italienische, versteht: „wis!"—was im Niedersächsischen „kräftig", „herzhaft" bedeutet — und streicht, ohne an die drei Kreuze zu denken, zn dem eben nicht piano angezogenen Kia des Lehrers wiedernm ein markiges F auf der Quinte.
„Eis!“ schreit nun der hitzige Dorfinnsikmeister mit blitzenden Augen, und der stäininlge Rademachersoh» reißt abermals sehr „wis" ein F b rans.
„Eis!!“ brüllt Tobelitz da mit grimmiger Miene zum dritten Male — und voller Verzweiflnng packt der Bube den Frosch des Bogens mit Riejengcwalt und Holt dermaßen „wis" zn einem F auf der Quinte ans, daß der ci-devant Schasdarm gellend springt.
In der nächsten Minute lagen Bub«, Geige und Bogen draußen vor der Thür, und Dobelitz rief
teil niit donnernder Stimme zu:
„Sag' Seinem Vater, Du Schlingel, Obren mit seinem großen Nabenbohrer .komm' wieder!"
Dabei warf er die Thür zn und der
dem gänzlich Verdutz
ausbohren, — dann
Rademachersohn hum
pelfe mit seiner dreisaitigen „Grabsirene" und fd/iaimubeuebteu Bogen gesenkten Kopfes, heim.
„Dobelitz scheint ja ein ganz verdammt hitziger Mensch zu sein!" meinte der junge Bauer, welcher das Heränssiiegen des angehenden TonkünstlèrS mit Schrecken angeschaut hatte und cs für rathsam hielt, noch eine Weile zn warten, ehe er dem Dorf- muftcanfeu seinen Besuch machte.
„Ja hitzig kann er werden," versetzte der Greis; „aber wer's versteht, mit ihm nmzngehen, dem Passirt so etwas nicht. Ich weiß zwar nicht, was ihr von. ihm wollt, aber das kann ich Euch sagen: wenn Ihr b’rtuuen seid, ist er schon so ruhig und luftig, als ob nichts vorgcfallcn wäre. Je gewaltiger er schreit und tollt, desto schneller ist's vorüber. Daß er so lange Geduld mit dem einfältigen Jungen gehabt hat, wundert mich wirklich, da er dessen Vater durchaus nicht leiden kann. Wo er den Rade macher Tomeis sieht, macht er ein verächtliches Gesicht und dreht ihm den Rücken. Die Lento haben sich schon vergeblich den Kopf zerbrochen, warum er so erbost ans Borneik ist, da dieser nach seiner heiligen Versicherung ihm niemals etwas zu Leide gethan bat. Der Rademacher ist allerdings ein wenig hochmüthig >«d pocht auf sein Geld, — aber deshalb kann Dobelitz ihn mdjt so hassen, da er nichts von seinem Hochmuth zu leiden hat. Sein Groll ist so stark, daß er sich anfangs dnrchauS geweigert hat, reit fünfzehnjährigen Jungen zu unterrichten, und erst als Borneik ihm das Dreifache von Dem geboten, was Andere bezahlten, hat er sich endlich dazu verstanden. Es sollte mich nicht wnucern, wenn der Rademacher jetzt auch wild würde.
„Nun, mein Anliegen wird Dobelitz gewiß nicht böse mack>cn," meinte der junge Bauer, indem er anfstand um mit bem 0m e dem Hanse des Mnsicantcn znschritt. „Ich soll ihn fragen, ob er in der nächsten Woche mit seinen Leuten auf der Hochzeit meiner Schwester spielen will."
Wenn er nicht schon versagt bat, thut er s auf jeden Fall," entgegnete Jener tähelnb. „Mit Violine, (Statuette und Roten- tasche über Land zu wandern und auf Hochzeiten zu spielen, geht ihm über Alles. Tann ist er „recht in seiner Wolle", wie er zu sagen pflegt."