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Nassauische Allgemeine Zeitung.
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Wiesbaden. 1854t
Nr. 153.
Montag, 2. Juli.
Q
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Aus den Kammern.
f* Wiesbaden, 28. Juni. Sitzung der zweiten Kammer. Fortsetzung der Discusfion über den Antrag des Abg. König auf Zurücknahme der gegen die Nassauischen Zeitungen erlassenen Verfügung. (Forts, und Schluß.
Eigner: Da hier ein Recht verlangt werde, welches die Constitution von 1814 ausdrücklich gewähre, so sehe er sich veranlaßt, dem Antrag beizustimmen.
Reichmann: Der Abgeordnete für Idstein habe die Sache so gefährlich dargestellt, daß man glauben könnte, das Vaterland sey in Gefahr, wenn der Antrag nicht sofort behandelt würde. Er habe sich dafür ausgesprochen, daß vohcr eine Untersuchung und Prüfung nöthig sey. Daher erkläre er sich, wie sich von selbst verstehe, für die Jnbetrachtnahme. Aber er werde nicht von der Geschäfftsordnung abgehen trotz den großen Gefahren, welche aus der angeblichen (?) Beschränkung der bisherigen Preßfreiheit hcrvorgchcn sollten. Der Abgeordnete für Idstein habe auch hervorgehoben, daß Rechte der Kammern verletzt würden, indem, was hier verhandelt werde, auch nicht mehr so der Publicität anheim gegeben werden könne, wie bisher durch die Zeitungen, da unsre übrigen (eigenen ?) Verhandlungen erst nach Mouaten erschienen. Ob es zweckmäßig, auf Mittheilung der Kammerverhandlungnn in öffentlichen Blättern Gewicht zu legen, wolle er dahin gestellt seyn lassen. Aber wenn man dies thue, dann sey die Ver- siigullg sehr zweckmäßig, weil in beiden Blättern beliebige Mittheilungen der Berichterstatter gebracht würden, die für gut fänden, das eine zu sagen, das andere wegzulasfen, so daß niemand dadurch eines treuen Bildes sicher seyn könne. Die Zeitungen brächten also in dieser Beziehung keinen Borthdil, soüdcru durch die stückweise und uicht ganz getreue Mittheilung nur Nachtheile. Aber diese seyen nicht so groß, daß eine Beschränkung der Zeitungen nothwendig. Es sey nur so kein ungeheurer Mangel, wenn nicht Alles, was hier gesprochen, in den Zeitungen witgetheilt werde. Wenn dieses nach den Kammerprotocollen geschähe, so käme man wenigstens etwas mehr der Wahrheit nahe. Aber selbst die Pro- tocolle seyen immer nur stückweise, aber doch immer treuer und von der Versammlung genehmigt. Was das andere betreffe, daß augenblicklich keine Mittheilung über kirchliche Fragen nach der Regierungsverfügung erfolgen soll, so habe das keine ungeheure Bedeutung. Es gebe Leute genug, die des Zeitungsgesprächs müde seyen, und man habe Gelegenheit sich in benachbarten Blättern auszulassen, die sich darüber freuen und häufig im Lande gehalten wurden.' Aber er sage das nur beiläufig, und wegen der Zweckmäßigkeit des Antrags, um nicht mißverstanden zu werden; die Sache sey nur nicht so dringlich. Angeblich sei durch die Verfügung ein verfassungsmäßiges Recht angegriffen. Ob sich das
wirklich so verhalte, ob die Regierung sich darüber ausweisen könne, ob sie dazu genöthigt gewesen oder nicht, müsse man prüfen.
Rullmann: Er könne die Ansicht des Vorredners nicht theilen und keine Verfassungsverletzung in der Thatsache finden. Daher sey er gegen die Jnbetrachtnahme.
Rau. Von allen Gegnern des Antrages hat sich der Herr Abgeordnete für Herborn am klarsten ausgesprochen; er sagt: das Verbot ist verfassungsmäßig, darum ist die ganze DiScnssion überflüssig. Auf diesem Boden stehen wir aber nicht, und wir wollen auch den Herrn Abgeordneten Rnlliuann allein da stehen lassen. Der Herr Abgeordnete für Wiesbaden hat uns viel von Ungeheuerlichkeiten gesprochen, welche der Herr Abgeordnete für Idstein nur nach seiner Phantasie dargestellt habe. Dieser hat uns aber keine Phantasiegcbilde vor- getragen, sondern unbefangen über wirkliche Zustände geurteilt. In seiner ersten Erklärung sagt der Herr Abgeordnete für Wiesbaden, es sei möglich, daß die Regierung die Zweckmäßigkeit des Verbotes nachweifen könne; jetzt geht er aber schon weiter: er rechtfertigt nicht nur die ungesetzliche Maßregel, er lobt sie sogar. (Reichmann: Das habe ich nicht gesagt.) Die ganze Versammlung hat die Worte des Herrn Abgeordneten gehört und wird sie nicht anders gedeutet haben. Wenn er auch das Verbot nicht gerade verfassungsmäßig genannt hat, so erklärte er doch, daß es nach obwaltenden Umständen ganz in der Ordnung und sogar zu loben sei. Das ist der Sinn der von dem Herrn Abgeordneten Reichmann gesprochenen Worte. Der Herr Abgeordnete für Usingen räth uns an, dem Beispiele der ersten Kammer zu folgen und den Antrag in einen Ausschuß zu verweisen. Ich habe alle Achtung vor der ersten Kainmer, aber nach meinem Dafürhalten sollen wir in diesem Punkte ihr doch nicht nachfolgen. Es könnte leicht geschehen, daß die erste Kammer nach ausführlichen Verhandlungen über die Jnbetrachtnahme geschlossen wird, ohne über den Gegenstand selbst berathen und beschließen zu können. In diesen Fehler wollen wir nicht verfallen. Wir wissen, daß die Stände- versammtnng nur noch eine Sitzung hält, in welcher die Steuern bewilligt werden. Nach der bisherigen Uebung sind schon öfter Anträge in derselben Sitzung, in welcher sie gestellt wurden, sogleich berathen und zur Beschlußnahme gebracht worden, obgleich der betreffende Gegenstand nicht so bekannt war, wie die erwähnte Maßregel, um die es sich jetzt handelt. Ich erinnere nur daran, daß ich vor einigen Wochen mit dem Herrn Abgeordneten Heydenreich einen Antrag auf Unterstützung gering vermögender Landwirthe rc. stellte. Damals hat weder ein Ständemitglied, noch die hcrzogl. RegierungS- commission gegen die sofortige Berathung das Mindeste eingewendet. Der Herzog). RegieruNgscommissär bemerkt, die Regierung sei heftig angegriffen worden. Man wird aber doch zugeben müssen, daß unsere Worte nur der Wichtigkeit der Sache entsprechend waren. Mit der Erklärung, daß die Herzogs. Negierungscommission jetzt noch unvorbereitet sei, bin ich auch nicht einverstanden; denn ich weiß, daß heute Vormittags schon in der ersten
Sammer über denselben Gegenstand verhandelt worden ist. Eine weitere AuSknnft haben wir übrigens nicht zu erwarten. Im Laufe der gegenwärtigen Sitzung ist mir die Nachricht zugekommcn, daß diesen Nachmittag die herz. Regierungscommission im Ausschüsse der ersten Kammer erklärt habe, die Maßregel sei nothlvcil- dig gewesen, über die Ursache, warum aber, gebe sie keinen Aufschluß. Sollen wir jetzt noch lange Vorbc- rathungen halten? Wir kennen ja hinreichend den betreffenden Thatbestand. Wir wissen, daß das erlassene Verbot ungesetzlich ist, und daß nur gesetzliche Maßregeln angeordnet werden dürfen.
Reg.-Comm. Werren. Er wiederhole nur, daß der Antrag nicht auf der Tagesordnllng stehe und er daher zur Abgabe einer Erklärung nicht instruirt sei. Die Wichtigkeit der Sache werde von allen Rednern anerkannt, auch von ihm zugegeben. Eben deßhalb aber sei die Beobachtung der in der Geschäftsordnung vor- geschriebencn Formen nothwendig. Von einem Vorredner sei erklärt worden: cs sei gleichgültig, ob die Re- gicrungS - Commissäre instruirt wären und welche Er- kärung sie abgäben, die Kammer sei im Besitze des Hinlänglichen Materials rc. Das sei nicht nach der Geschäftsordnung. Die Regierung habe ein Recht darauf, bei allen Beschlüssen der Kammern mitznwirken und die Art dieser Mitwirkung bestimme §. 56 der Geschäftsordnung bezüglich aller Anträge, was auch schon mit Nothwendigkeit aus den Vorschriften folge, wie Interpellationen zu behandeln seien, daß nämlich nicht sogleich eine Antwort gegeben werden müsse, und wenn keine weitere Verhandlungen über denselben Gegenstand zulässig seien: offenbar nur, um Ueberstür- zungen rc. zu verhüten. Was von Interpellationen, gelte noch sicherer von einem Anträge der gestellt werden solle, während eine Interpellation nur den Zweck babe, die Kammer (den Interpellanten!) zu informiren. Daher lege er Namens der Regierung Verwahrung ein gegen die Behandlung der Sache nach dem Anträge (als dringlich).
Metzler. Es sei vorhin gesagt worden, man solle der Regierung in einem Falle, wie der vorliegende, mit der Wahrheit kommen. Er habe auch die Ansicht, daß die Stände verpfiichtet seien, der Regierung überall die Wahrheit zu sagen. Aber das müsse nur richtig verstanden werden; die Kammer dürfe die Absicht der Sie- gierung nicht mißdeuten, nicht verkennen. Die Regierung habe sich darüber bei uns nicht ausgesprochen. Er denke sich dabei die Absicht, den Unfug, er könne und wolle ihn so nennen, 31t hemmen, daß über die Kirchen frage auf heftige Weise Krieg geführt worden, Kirchen-Obere von den Parteien in öffentlichen Blättern hingestellt wurden, wie sie eS doch toohl nicht sollten. Er denke sich das so, möchte cs aber von der Regierung hören; sie möge sich erklären. Sie habe den Zustand für einen ausnahmsweisen gehalten, für einen Kriegszustand: und der Zustand sei nicht in der gewöhnlichen Weise mit Waffen gewesen, sondern in der geistigen, und der zu einem solchen Extreme gediehen, daß Maßregel, die ein Ende machten, zweckmäßig und nothwendig gewesen. Er wolle daher warten, bis die
Der Heirathsantrag.
Eine amcricauische Skizze von Fr. Gerstäcker.
(Schlußtz
Lachend und plaudernd waren wir so bis dicht vor das HauS gekommen und wollten eben vorüber reiten, als Steward sagte: „Halt, Leute! Mrs. Glennock hat immer delieate Milch und ich bin furchtbar durstig. Wenn sie zu Haus ist, bitt' ich sie um ein Glas. Halloh, the house!«
Wir hielten die Pferde an, um zu sehen, ob dem Ruf Folge geleistet würde; es dauerte auch gar uicht lange, so erschien MrS. Glennock selber in der Thür. — »How do you do, Madam?« rief ihr Steward entgegen, sobald er ihr helles Kleid erkannte, „wie geht's? wie treiben Sie's? immer noch munter?" — „Ah, guten Abend, Gentlemen:" rief die Wittwe, als sie uns erkannte. „Wollen Sie nicht einen Augenblick absteigen und auSrnhen?" — „Danke, danke," sagte Steward, der das Gespräch allein führte; „wir möchten heute Abend an der Cypress flat lagern und dürfen uns nicht lange aufhalten, wenn wir die erreichen wollen: aber hatten Sie wohl ein Glas Milch bei der Hand? Ich weiß nicht wie's ist, aber bei Ihnen schmeckt mir die Milch immer am besten."
„Wenn das Ihre Frau hörte, würde sie schön drein scheinen," lachte die Wittwe; „aber warten Sie nur einen Augenblick, Gent- leiiicn, Sie sollen gleich bekommen. Wollen Sie denn nicht ab- steigen?" — „Danke, danke!" sagte Steward, und die Dame verschwand im Hans, das Verlangte rasch zu holen.
Es war eine Frau von etwa drei- oder vierunddreißig Jahren, Lustig und frisch aussehend und immer sreundlich und gastfrei und teilnehmend, wo sie helfen konnte; die Nachbarin — freilich ein «was weiter Begriff in jenen dünn bevölkerten Strichen — Vielten deßhalb auch viel auf sie und niemand konnte ihr daS geringste Böse nachsagen.
-„"Ein verdammt nettes Frauchen!" sagte Stanley, als sie im WM verschwunden war, die Milch zu holen und wir draußen
' unsern Pferden hielten. — „Wenn auch nicht gerade vcr
dämmt nett," lächelte Steward, der als Methodist nie Worte der Art gebrauchte, „aber doch angcnebm; wenn sie Eure Frau wäre, tauschte ich gleich »even,« ja cs käm' mir sogar auf einen kleinen Zuschuß nicht an."
Stanley lachte hell auf und Mrs. Glennock erschien in diesem Augenblick schon wieder in der Thür mit einem Theebrett und drei großen Blechbechern voll Milck, die sie uns, zu den Pferden hinantretend, mit einem freundlichen „wohl bekomm's" herauf reichte. — „Deliciös!" sagte Steward, sich mit dem kennet seines ledernen Jagdhemds den Mund wischend, „wie Zucker!" — „Wenn s nur schmeckt," lächelte Mrs. Glcunock. — Stanley sagte fein Wort, aber er schielte ein paar Mal unter seinem Becher weg nach der Wittwe hinunter und trank daun seine Milch bis auf den letzten Tropfen aus.
„Wünschen Sie mehr, Gentlemen?" fragte die Frau freund lich. — „Danke, danke, das hält nun für uns auf drei Tage ans," sagte Steward. „Wenn wir was schießen, Mrs. Glennock, können wir's vielleicht gut machen. Haben doch lange keine Bärenrippen gehabt? „wie?" — „Segne Ihre Seele, Sir! Seit der Zeit nicht, wo sich mein Seliger binlegte, um nicht wieder aufzustehen —" — „Nun, Rippen sind schlecht versprechen, so lange sie noch auf vier kräftigen Tatzen dr, uß n in irgend einem Canebrake herumlaufen, lackte der alte Jäger; „wenn wir sie aber bekommen, so sollen Sie wenigstens den Geschmack davon haben." Und mit freu üblichem good bye und herzlichein Dank schieden wir von der Fran, die einen Augenblick noch in der Thür stehen blieb und uns nachsah und sich bann eben umdrehte, ins Haus zurückzngehen, als Stanley, der der letzte war, sein Pferd herumlenkte und sie noch einmal anrief.
»Halloh, ma’m!« — „Sir? sagte die Frau, sich nach ihm nmwendend. Stanley war jetzt etwa zwanzig Schritte vom Haus weg. — „Hätten Sie was dagegen," rief er ihr zu nud warf dabei einen etwas scheuen Seitenblick nach Steward und mir herüber, „hätten Sie was dagegen, wenn Sie — wenn Sie meine Frau wittden?" — Mrs. Glennock lachte bell auf. — „Das wäre zu viel, Mr. Stanley," sagte sie, „Bärenrippeu und einen Mann für einen Becher Milch!" — „Nun, überlegen Sie's sich — ich mein' es ernsthaft; Mr. Rowley (ihr Schwager) wird
Jlmcn nähere Auskunft über mich geben können." — „Aber Mr; Stanlev —" — »Ncvcr mind; ich will jetzt gar keine Antwort. wir müssen fort, weil wir Cypress flat sonst nicht mehr erreichen, und im Dunkeln ist es ein heilloses Reiten durch den offenen Canebrake (Schilfbruch). Wenn ich zurückkommc, will ich eine Antwort holen " Und lachend hinüber grüßend, winkte er mit der Hand, gab seinem Pferd den einen Sporn, den er an den linken Hacken geschnallt trug, und kam rasch, ohne sich weiter um zuschen, hinter uns hcrgcspreugt.
„Wohl, Stanley," sagte Steward trocken, als er zu uns heran kam, „du treibst den Spaß ein wenig weit; wenn dich Mrs. Glennock wegen Eheversprechens verklagte, müßten wir gegen dich zeugen." — „Wegen Eheversprechens verklagen?" lachte Stanley; „dazu soll sie keine Gelegenheit bekommen; ich mein' eS ernsthaft."
Steward griff seinem Pferd in die Zügel, sah den langsam nnd schmunzelnd an ihm vorbeireitenden Stanley mit halb schief gehaltenem Kops lächelnd au und sagte: »Now you do’ — nt—«*) — „Hm," meinte Stanley, „wenn Miller durchaus nicht will—" — „Unsinn!" sagte Steward. Unser Gespräch mußten wir aber hier unterbrechen, denn der Pfad wurde so schmal, daß wir nickt mehr neben einander reiten und uns also auch nicht mehr unter halten konnten. Außerdem kamen wir hier mehr und mehr aus guten Jagdgrund, wo wir keinen großen Lärm machen durften, und die Hunde waren schon einigemal unruhig geworden aus kalten Fährten. Gegen Abend schlugen sie plötzlich an, und fort ging die Hetze, glücklicherweise in der Richtung der Cypress flat ju, so daß wir, wenn wir auch nichts bekamen, doch wenigstens unsern Lagerplatz noch erreichen konnten. t .
' Dnrck das Jagen der Hunde und einige ziemlich frisch ans- feheube Bärensährten, die wir gesunden, wurde aber unsere diu merksamkeit an diesem Abend so in Anspruch genommen und das Gespräch brebte sich so ausschließlich um unsere Jagd und unsere Aussichten auf morgen, daß wir wirklich, Steward nud ich wc
*) Eine in diesem Sinn wirklich unübersetzbar« amerikanische Redensart; im Denlschen wäre der Sinn, ungefähr wenigstens: "glamb' ja nicht, daß du mir etwas ansdinde» kannst.»