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Dit R-ffams»' «Cflftncfite Zeitung erscheint, Sonn- Muäâenommen, t3 a l i d). P".»; ».»rtè-r.g für Wiesbaden und den Thurn und Tarrs^fchen Postbezirk 2 fl., sonst 2 fl. 24 rr.

Nassauische Allgemeine Leitung.

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Wiesbaden. 1834

Nr. 107.

Montag, 8. Mai.

Ventschlan».

* Wiesbaden, 8. Mai. Se. Durchlaucht Prinz Nikolaus ist vorgestern von seiner großen Reise nach A- merika im Herzogl. Residenzschloß Biebrich wohlbehalten eingetroffen.

Heute wurden die Assisen für das II. Quartal 1854 im diesseitigen Hofgerichtsbezirk mit der Verhandlung über die Anklage gegen Mathias Plocker von Höchst wegen Meineids eröffnet. .

Limburg, 6. Mai. Der gestern zu Diez abge- haltene Fruchtmarkt war nicht sehr stark befahren. Da aber beinahe zwei Drittheile der in voriger Woche zu Markt ge­brachten Frucht aufgestellt worden waren, so erlitten die Preise einen kleinen Rückgang. Nichtsdestoweniger blieb heute der Preis de- vierpfündigen Schwarzbrodes bei und aus 22 kr. stehen. .

* Limburg, 6. Mai. Gewiß sprechen wir nicht allein unsere eigene Ansicht aus, wenn wir dem von dem Abgeord­neten Heydenreich gestellten und eine Linderung der Noth der ärmeren Volksclasie bezweckenden Anträge unseren vollen Beifall schenken. Herr Heydenreich hat sicherlich aus dem Herzen Tausender gesprochen und die gegenwärtig allein zweck­dienlichen Mittel zur Hebung des allgemeinen Nothstandes angegeben. Noch aber möchten wir die allgemeine Aufmerk­samkeit auf einen weiteren beachtenSwerthen Punkt hinlenken, der uns bei Erörterung dieser recht eigentlichen Lebens- frage von Wichtigkeit zu sein scheint; wir meinen die Ver- besserung der Armenpflege auf dem Lande. Weit entfernt davon, denjenigen Theil der Bevölkerung, wel­cher auf die Bebauung der Felder und die Producirung der Cerealien angewiesen ist, der Härte und Gefühllosigkeit gegen fremdes Elend anklagen zu wollen, ist indessen die Thatsache constatirt, daß in den Städten und größeren Gemeinden des Herzogthums für die Armen auf eine bei Weitem bessere und ausreichendere Weise gesorgt ist, als in den Dörfern und kleineren Ortschaften. Den Beweis für unsere Behauptung liefert uns die Erscheinung, daß gerade unsere Stadt tagtäg­lich von einer Schaar von Bettlern überschwemmt wird, die benachbarten sehr reichen und wohlhabenden Gemeinden an­gehören. Ob zur Entfernung dieses Mißstandes die strengere Durchführung des noch in Kraft bestehenden Gesetzes, welches die Bürgermeister und Gemeindevorstände für einen jeden ortsangehörigen und in einer anderen Gemeinde betroffenen Bettler mit einer Strafsumme belegt, wünschenswerth sei, las­sen wir dahin gestellt sein; zweckdienlicher aber und angemes­sener erscheint es statt dessen immerhin , wenn von obc» das Gefühl der Theilnahme für fremde Noth und der Wohl- thätigkeitSsinn geweckt, gehoben und gepflegt, die sich zersplit­ternden Kräfte concentrirt und ihre sachgemäße Verwendung angeordnet würde. Freilich müßten sich in den einzelnen Ge­meinden einflußreiche Männer finden, welche durch Belehrung und Beispiel das Werk der christlichen Nächstenliebe förderten und den' Gemeinsinn bei ihren Mitbürgern belebten. Vor Allen wäre diese schöne Aufgabe wiederum den geistlichen und wetlichen Vorstehern einer jeden Gemeinde vorbehalten. Sie müßten Hand an's Werk legen und zeigen, wie man selbst mit geringen Mitteln durch Gründung von Frauen- vereinen, Errichtung von S uppe n a n st al te n, Beschaffung von Arbeit für Arbeitslustige rc Großes leisten und der allgemeinen Noth nach Kräften steuern könne. Viele größere Gemeinden sind hierin bereits mit gutem Bei- spiel vorangegangen und eS sollte uns freuen, wenn wir in diesen Blättern noch viele Berichte über die Förderung der Werke

Menschenfreundlichkeit lesen würden. Man wird uns keines kleinstädtischen und engherzigen Dünkels zeihen, wenn wir

gerade unserer Stadt das Verdienst zusprechen, für die ärmere und bedürftigere Classe ihrer Bewohner nach Kräften gesorgt zu haben. Es gibt vielleicht keine andere Gemeinde des Her- ogthums, welche bei einer höchst bedeutenden städtischen Schuld*) (sie beträgt gegenwärtig noch mehr als 90,000 fl.) ein so unbedeutendes Gemeindevermögen besitzt, daß die Bestrei­tung der Gemeindebedürfnisse fast lediglich durch die Auflage städtischer Steuer ermöglicht werden muß. Dennoch aber besitzen wir mehrere ungemein segensreich wirkende Anstalten zur Linderung der Noth und Abhülfe der Armuth. Zu den in früheren Zeiten gegründeten Instituten, nämlich zu dem Kloster Bethlehem (einst Nonnenkloster, jetzt zum städti­schen Krankenhaus eingerichtet) und dem St. Annenhospi­tal, welches von einem Bürger Limburgs gegründet und durch dessen Freigebigkeit mit reichen Mitteln ausgestattet als Versorgungshaus für alte arme Männer dient, außerdem aber noch in sonstiger Weise zur Armenpflege beiträgt, ist in neuerer Zeit das aus Privatnritteln und milden Beiträgen erbaute und unterhaltene Kloster des hl. Vincentius gekommen, welches einigen Mitgliedern des Ordens der barm­herzigen Schwestern eine Stätte geräuschloser und segensrei­cher Wirksamkeit bietet und mit Recht eine Musteranstalt ge­nannt werden darf. Möge eine geübtere Feder als die unsrige in diesen Blättern ein Bild der segensreichen Thätigkeit dieser Nonnen entwerfen. Außer diesen Anstalten aber trägt der schon vor mehreren Jahren gegründete und unter trefflicher Verwaltung stehende Frauen verein, der sich besonders die Unterstützung armer Kranken und Wöchnerinnen, sowie die Beschaffung von Arbeit für weibliche Hände zur Aufgabe ge­macht hat, nicht wenig zur Linderung fremden Elendes bei. Schließlich erwähnen wir noch der umsichtigen Thätigkeit un­sers Localarmenfonds, dessen Mittel durch monatliche freiwillige Beiträge vermehrt werden, sowie des Krankerr- und Sterbeverein's, der für die ausreichende Pflege seiner erkrankten und die anständige Beerdigung der verstor­benen Mitglieder sorgt.

Dillenburg, 5. Mai. Folgende Fälle werden bei den hiesigen Assisen pro II. Quartal d. I. zur Verhandlung kom­men. A. Mit Geschwornen: Montag den 8. Mai, Phillippine Liedt aus Cubach, Amts Weilburg, wegen Dieb­stahls. Dienstag den 9. Mai, Joh. Heinr. Schröder aus Merkenbach, Amts Herborn, wegen Diebstähle. An demselben Tage Mittags 3 Uhr, Joh. und Philipp Borbanus aus Mit­telhofen, Amts Rennerod, wegen Diebstähle. Mittwoch den 10. Mai, Jacob Klein aus Dodenau, wegen Diebstähle und Landstreicherei. Am selbigen ^age Mittags 3 Uhr, Peter Fried. Bindewald aus Kirschhofen, Amts Weilburg, wegen Schriftfälschung. B. Ohne Geschw orene: Samstag den 13. Mai, Christian Merkel 2r aus Bicken, wegen Schrif- fälschung. Montag den 15. Mai, Alexander Foel aus Weil­burg, wegen Meineides. Dienstag den 16. Mai, Peter Lich­tenthaler aus Neunkhausen, Amts Hachenburg, wegen Schrift- fälschung. Mittwoch den 17. Mai, Wilhelm Thiel und dessen Ehefrau Anna Marie, geb. Jung aus Hamwerth, Amts Ha­chenburg, wegen Schriftfälschung. Donnerstag den 18. Mai, Georg Hirschfeld aus Selbenhausen, Amts Weilburg, wegen Diebstahls.

Frankfurt, 7. Mai. Hr. v. Bismark-Schönhausen ist mit dem gestrigen Abendzug nach Berlin abgereist.

Aus Baden, 4. Mai. Die Verhältnisse zwischen der katholischen Kirche und unserer Regierung sind, nach dem

) Bekanntlich hatte sich der hochselige Bischof Brand seiner Zeit vergeblich um Uebernahme eines Theiles derselben als Landesschuld bei dem Landtage verwendet.

Mainzer Journal", nun nachgerade auf dem Punkt gediehen, daß der Hochwürdigste Herr Erzbischof ohne allen Zweifel demnächst dasJnterdiet über die ganze Erzdiöcese badischen Antheiles verhängen wird. In Freiburg herrscht durchweg eine ruhige, auf Alles gefaßte Stimmung.

Hamburg, 4. Mai. Der altlutherische Prediger Husch­mann ist vom Senat ausgewiesen, die Gemeindevorsteher sup- pliciren wegen seines Hierbleibens.

Stettin, 4. Mai. Die Nachricht, daß die Absendung von 8000 nach Stockholm bestimmten Helmen verboten sei, ist unbegründet. Die fraglichen für die schwedische Regierung bestimmten Helme sollen mit dem schwedischen Postdampfschiffe Nordstern" befördert werden.

Berlin, 5. Mat. Es ist jetzt ausgemacht, daß der Frei­herr v. Werher als Nachfolger des Generals v. Rochow die Vertretung Preußens am russischen Hofe übernimmt. An seine Stelle kommt der diesseitige Gesandte in Stockholm, Geheimrath Brassier de St. Simon, nach Kopenhagen, und den Gesandtschaftsposten am schwedischen Hofe erhält der Graf Westphalen. Für den Grafen Bernstorff, der als Nachfolger des Herrn Bunsen demnächst nach London abgeht, wird der preußische Geschäftsträger am Turiner Hofe, Baron Kanitz, den Gesandtschaftsposten in Neapel übernehmen. In Be­zug auf die künftige Vertretung Preußens bei Sardinien ist noch keine Bestimmung getroffen.

Noch stehen wir schreibt man derA. A. Z." in unserer auswärtigen Politik auf dem alten Fleck, nicht heiß und nicht kalt, noch gibt man sich in einflußreichen Kreisen der Täu­schung hin, daß es möglich sein werde in dem Kampf eines gan­zen Welttheils nicht Partei zu nehmen. Dennoch mehren sich die Anzeichen einer heraufziehenden kriegerischen Eventualität, und ich hebe darunter vorzugsweise die Verzögerung des jähr­lichen sogenanntengroßen" Avancements in der Armee her­vor. (Dasselbe ist mittlerweile erschienen.)

Se. Konigl. Hoh. der Prinz von Preußen wird sich in diesem Monat noch zu einer größeren Truppen-Jnspection nach Schlesien begeben. Der bisherige Gesandte in London, Ritter Bunsen, beabsichtigt zunächst noch in England zu verbleiben.

Berlin, 6. Mai. DasC.-D." schreibt: Die Ansicht, daß das Ausscheiden des Generals v. Bonin aus dem Ca- binet einen Sieg der russenfreundlichen Partei documentire, wird, wenigstens in militärischen Kreisen, nicht getheilt. Hier ist man vielmehr überwiegend der Meinung, daß die Ueber» tragung eines wichtigen Commando's an einen ^er kriegs­kundigsten preußischen Generale auf den nahen Eintritt der Eventualitäten schließen lasse, welchen durch den Abschluß des Vertrages mit Oesterreich vorgesehen ist, und daß die Ueber­nahme des Commandos die Niederlegung des Portefeuilles zur nothwendigen Voraussetzung hatte. Die Uebertragung der Neißer Division an Herrn Bonin ist nur provisorisch erfolgt, als eine Uebergangsstufe zu einem größeren Kommando. Oesterreich hat dem griechischen Hofe eröffnet, daß es bereit sei, ihm Truppen zur Disposition zu stellen, wenn er sich zu einer Unterdrückung aller Aufstandsversuche verpflichte. Wie es heißt, würde der Generalfeldzeugmeister v. Heß noch im Laufe dieses Monats hier wieder eintreffen , um fernere Berathungen, welche sich auf einzelne Puncte des Vertrags zwischen Preußen und Oesterreich, namentlich in militairischer Hinsicht beziehen, hier zu pflegen. Man hört hier ansühren, daß derselbe sich bereits für längere Zeit eine Wohnung hier gemiethet habe.

Dresden, 4. Mai. Der Herzog und die Herzogin von Bordeaux find heute Mittag nach Prag abgereist.

Wien, 4. Mai. Der Sectionschef im Ministerium der

Erinnerungen aus der guten alten Zeit.

(Fortsetzung.)

VII.

Ein Stadtschreiber.

- Amb das war eine gloriose Zeit, als der Herr Döte (Datbel Stadtschrelbcr noch regierte. Seit die Stadtschrcibereien einaeaanacn find, ist kein respectablcs Haus mehr im Städtchen zu finden " ® gibt es Gerichtsnotare und Amtsnotare, Stadtschultheißen undRatbs- schrtlbcr, Verwaltungsactuare und Pfandcommiffäre, die allesammt Mühe haben, sich nebst Familie des Hungersterbens zu erwehren Alle diese Aemter waren dereinst vereinigt unter dem Dache der Stadt, schrklberei, alle diese Würden ruhten auf dem Haupte des Serm Stadlschreibers, und die zahllosen Schreiber, die sich in die Aemter ryeuten' waren nur Glieder im Dienste dieses ehrwürdigen Hauptes viel Stadtschreiberei war kein modernes Haus, cs versprach nicht

N " .n, aber von innen waren die Räume bequem und statt. neföeift wnr^trau6 auf die Straße lag das Wohnzimmer, in dem SeXr V» unB "° sich die Familie des Tags über aufhielt, um aus- und^in^"^ beobachten zu können, was alles im Städtchen nachbarte ?£ Schreibstube hatte nur die Aussicht auf be- schäft gestört würve^ Me' .damit das Dienstpersonal nicht im Ge- der Substituten undein eigenes Arbeitszimmer wagte keiner Prinzipal hatte in ^de? Anspruch zu machen; selbst der Herr unuâunteii ?ilgcmemen Schreibstube nur einen besonders gS btS AL^uem gepolsterter Lehnstuhl stand, den er £a«Xfm1 Stunden lang zu besetzen. litt; ein^epolstertes Sonb^"^' aber durchaus nicht elegant möb« weich gepolsterte Sessel nan>geschnörkeltcn Füßen, hochlehnige, Blicke der jüngeren Schreibe? ^ '"anchmal sehnsüchtig die hölzernen Stühlen vorlieb nVb^ "s Jncipienten richteten, die mit Gipfel blaue Meißner ?""^cm nneDrifsur", auf deren eine hohe Kommode r^rcnte Gipsfiguren prangten, -in Nähfioch "" m S S S inhaltsschwerem Bauche, Tagwerk vollbrackteu hHbP^v ^m^ und ihre Töchter ihr neben aber war noch' ein6^?/,fclC 0an3e Zimmereinrichtung. Da- Gelegenheiten acbei? w.^E ^^ a^ ' das bei außerordentlichen fl heizt wurde, und Gastzimmer von der verschiedenartig­

sten Größe und Einrichtung, je nach dem Rang der etwaigen Gäste. Eine Sladtschreiberei war ein gastfreies Haus, das ganze Jahr offen für Verwandte und Freunde, zu welch erster» nach gut schwäbischem Brauche das halbe Vaterland gehörte. Die unheizbaren Zellen des Schreibereipersonals lagen im obern Stock unter dem Dach. Es ging die Sage, des Herrn Amtssubstituten Zimmer könne geheizt werden, seit Menschengedenken hatte aber keiner von einem solchen Vorrechte Gebrauch gemacht.

Ein Stadtschreiber hatte ein wahrhaft fürstliches Einkommen, was sich denken läßt, da in seine Kaffe all die Einkünfte der zahlreichen Aemter und Aemtlein flossen, die jetzt in so viele Kanäle und Bäch­lein vertheilt sind, und da zudem noch dasSchmieren" und Geschenke­nehmen in jeder Art bei den Beamten eine ganz hergebrachte Sache war, die mit einer gewissen Würde betrieben wurde und dem amt­lichen Ansehen durchaus keinen Eintrag that.

Das fürstliche Einkommen theilte denn auch dem Herrn Stadt- schreiber eine Art fürstlichen Bewußtseins mit, und kaum wird ein regierendes Haupt in unsern Tagen in seinem Staatsrath mit der Ehrfurcht empfangen, mit der die lautlose Schaar der Schreiber sich erhob, wenn der Herr Prinzipal geruhte, Morgens gegen 10 Uhr sei­nen Polsterstuhl in der Schreibstube einzunehmen; die meiste Zeit re­gierte er übrigens unsichtbar wie der Kaiser von China.

Womit der Herr Stadtschreiber seine übrige Zeit ausfüllte, da er mit wissenschaftlichen Forschungen sich nicht anzustrengen pflegte und den Genuß der schönen Literatur seinen Töchtern überließ, dürfte fast räthselhaft erscheinen; wenn man aber erwägt, wie viel Zeit die Ver­waltung seiner Privateinkünfte und der Einzug der Geschenke in An­spruch nahm, wovon er wenigstens die klingenden selbst in Empfang nahm, während die Frau sich mit Annahme der Zuckerhüte und Kaffee- düten, mit Gänsen, Hühnern und sonstigen Victualien befaßte, so dürfte man sich nicht mehr wundern. Rechnet man dazu, daß er sich nicht vor acht Uhr aus dem Bett erhob, und mindestens eine Stunve brauchte, um seine Morgenpfeife zu rauchen, daß er nach Tisch eine hinreichende Siesta hielt und sodann wieder unter dem Fenster lag, um sein ehrwürdiges Haupt den Vorübergehenden zu zeigen, daß er mit gehöriger Ruhe der Verdauung oblag, die Tagesneuigkeiten an» hörte und die Zeitung studirte, so ist das Räthsel vollends gelöst.

Die rechte Uebersicht über sämmlicheS untergebenes Personal konnte man bei Tisch bekommen, wo sich auf den Schall einer Glocke oder auf den Ruf der Hausjungfer alles zu Tische einfand und nach adge-

haltenem Tischgebet und einer Scala vongesegnete Mahlzeit" in der gehörigen Rangordnung Platz nahm. Zu oberst natürlich thronte der Herr Stadtschreiber, eine stattliche, wohlgenährte Gestalt, zu seiner Rechten die Frau Stadtschreiberin, eine äußerst höfliche, kleine Frau, dann die jeweiligen Gäste, von denen das Haus selten leer war, so­dann die Töchter de« Hauses.

Darauf begann der Reigen der Schreiber mit dem ersten, dem Amtssubstituten, der noch zweier Teller, ja sogar einer Serviette mit perlengesticktem Band gewürdigt war. (Es waltete starker Verdacht ob, daß letzteres ein Geschenk der Jungfer Caroline, der zweiten Tochter des Hauses sei, nach deren Besitz er strebte und Erhörung hoffen durfte, wenn erst Mine, die älteste, ziemlich unschöne Tochter anver- weitig versorgt war, denn die Frau Stadtschreiberin war entschieden der Meinung,man dürfe den Haber nicht vor dem Dinkel schneioen.") Folgte sodann der Substitut, der auch noch zwei Teller, aber keine Serviette mehr hatte, nach diesem die übrigen Schreiber, die in Er­mangelung eines Ertratitels mit ihren Namen angeredet wurden, und zuunterst auf einem ordinari Küchenstuhl der Jncipient, der allezeit zu etwaigen Handreichungen bereit sein mußte.

Mehr noch als an Platz und Stühlen war der absteigende Rang an den Weinflaschen zu erkennen, mit denen jedes Couvert versehen war. Zuoberst vor des Herrn Platze stand blos das geschliffene Glas, die Flaschen mit auserlesenen Weinen, mit denen er sich und die Gäste bediente, standen etwas im Hintergründe, damit nicht so leicht bemerkt werden könnte, was und wieviel dem Herrn Prinzipal zu sich zu neh­men beliebte. Der Herr Amtsstibstitut sowie der Substitut waren noch je mit einer Flasche rothen TischweinS versehen, sodann kam eine Stufenleiter immer kleinerer Bouteillen von immer zweifelhafterer schillernder Farbe nnd säuerlicherem Geruch, bis sich die Reihe beim Jncipienten mit einem halben Schöppchen Aepselmost schloß.

Während des Essens wagte selten einer des untern Personals den Mund zu öffnen, außer zu einer Antwort; nur die beiden Substituten führten mit Herr und Frau vom Hause ein Gespräch über Stadt­neuigkeiten, wagten auch hie und da einen Scherz mit den Jungfer Töchtern (von Fraulein wußte man noch nichts) und mit den Gästen, die sehr häufig aus jungen Damen bestanden. Nachdem Suppe, Fleisch und Gemüse abgetragen waren, erhob sich der Amtssubstitut mit gefülltem Glas:Herr Stadtschreiber, ich habe die Ehre, auf Ihre Gcsunvheit zu trinken;" mit gnädiger Verbeugung antwortete das gebietende Haupt:Ich danke Ihnen, Herr AmtSsubstitut, wünsche