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Die Nassauisch- Allgemeine ZeUun« erscheint. Sonn, Ma auSaenommen, tâqlich. Preis! Vierteljahr,« für Wiesbaden und den Thurn und Tar,s'schen Postbejirk 2 p., sonst 2 fl. 24 kr.

Nassauische Allgemeine Zeitung.

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Wiesbaden. 1834

Nr. 99.

Freitag, 28. April.

Kirchlich-Politische Umschau aus Einlaß des badischen Conflictes

IV.

Wir haben von den Interessen der Regierungen gespro- chen. Es ist ein großes Glück, daß die Bevölkerungen kein andere- haben, wenn es ja ein Interesse der Völker heißen kann, daS geordnete Recht zu besitzen für die wirkliche oder mögliche Willkür. Es ist dafür gesorgt worden, dieß den Katbolikeu nur allzubegreiflich zu machen; wir haben eine viel zu gute Meinung von dem Verstände unserer protestan­tischen Mitbürgern, als daß wir an deren Zustimmung zwei­feln sollten. Die katholischen Unterthanen Badens werden im gegenwärtigen Augenblicke Helotisirt. Der Ausdruck ist vielleicht zu mild, denn nie hat die spartanische Gerusiae den dortigen Unfreien den Weg zu den Göttern abzuschneiden unternommen; aber wir haben nicht gleich einen andern. Was anderwärts geschehen kann, muß immer erwartet wer­den. Es thut überaus Noth, daß sich alle Millionen deut- scher Katholiken vollständig überzeugen, daß sie sich mit dem Gedanken vertraut machen, und ihn mit allen Folgegedanken zu ihrem beständigen Begleiter wählen:Für unsere Kirche ist kein Recht in Deutschland. Was wir besitzen, daS besitzen wir von einem gerechtigkeitsliebenden Fürsten, von einem wohlgesinnten oder vorsichtigen Ministerium. Aenderungen sind möglich; Beispiele fehlen nicht." Es wäre ungeschickt, mit Mehrerem zu erörtern, was Jedermann sieht und die Thatsachen predigen. Daß die Angelegenheiten der Prote­stanten um keine Linie gesicherter stehen, dessen haben sie selbst daS volle Bewußtsein. Freilich droht hier die Gefahr nicht von den Regierungen des entgegengesetzten, sondern des ei­genen Bekenntnisses. Für den Erfolg ist das Einerlei. Wenn der Anprall minder laut vernommen wird, so geschieht daS nicht sowohl, weil der Stoß geringer, als weil die Wider­standskraft schwächer ist. Der Feind sitzt fast überall schon in der Festung; daher selten Belagerungen, nur Straßenge­fechte, die von den armen, ungeschulten Insassen gegen über- legene Macht und geordnete Taktik mit dem entschiedensten jedesmaligen Nachtheil gewagt werden. Die cs besser haben wollen, müssen erkenne«, waS wir erkennen, und begehren, was wir begehren.

Also der Ausgang deS gegenwärtigen Rechtszustandes der Confessionen ist eine Katastrophe; sein Bestand ist ein Schaden für Jedermann, und ein Nutzen für Niemand. Wir wollen nicht in Erwägungen und Beschuldigungen eingeheu, * wie das denn also werden, und die lange Frist der Jahre also bleiben konnte. Unsere Vater haben Herlinge gegessen, und uns sind die Zähne davon stumpf geworden. Das Blei­ben aber ist in menschlichen, und zumal in deutschen Dingen eine gar zu leichte Sache, denn die vis inertiae ist nicht bloS eine allgemeine Eigenschaft der Körper, und wenn dem Men« V scheu überhaupt, so kommt sie dem deutschen Menschen ins­besondere zu. Wer wird der politische Hermann Vicari sein, der den Weg findet, und ihn zu betreten Muth hat, aus einem altgewohnten, verrosteten und verrotten Zustande he« rauSzusühren? Wir wissen es nicht. Fata viam inve- nient. Auf daß sie uns aber nicht, wie die Geschicke zuwei­len pflegen, auf überaus rauhen und furchtbaren Wegen da« hinführen, möge die Weisheit von oben die menschlichen Führer der Geschicke erleuchten, so lange der Ausgang eini­germaßen in menschliche Hände gegeben ist. Die Frage ist von der ungeheuersten Bedeutung; Deutschlands ganze Zu­kunft liegt darin. Auch seine ganze Vergangenheit hat darin gelegen, und sie haben es nicht erkannt. Wir haben einmal den traurigen Beruf unter den Völkern, die Fragen deS in­

nersten Geistes- und HerzeuslebeiiS unter uns, zum Schau­spiele und Beispiele der Andern, abzustreilen. Das Beispiel ist aber leider meisthin ein warnendes geworden, auch dadurch, baß wir den Streit vor allen Andern in einen blutigen ver­wandelt haben. Daß dem nicht wieder also werde, und daß ferner Alles hübsch unter uns bleibe, und daß nicht neue Franzosen oder Schweden, mit gleichen oder andern Namen, die innere deutsche Streitsache uns zu Hohn und sich zu Nutz austragen helfen das ist die Sorge, das ist die Auf­gabe, das ist die Nothwendigkeit der Gegenwart. Mögen wir nicht abermals die Tage versäumen, die noch benutzt werden können.

Diese Aufgabe will aber zuerst in einer Weise gefaßt wer. den, daß sie eine Möglichkeit der Lösung bietet. Was vor fünf Jahren von einer deutschen Einheit geredet wurde, das haben die Kinder geredet, oder die Träumer, oder die Schelme. Aber auch nicht Alles, was Wohldenkende und Verständigere dazu gemeint, scheint die erschwerenden Bedingungen der Frage hinreichend erwogen, und die Gränzen der Ausführbarkeit in beständigem Augenmerk behalten zu haben. Unsere Rede muß dahin zurückkehren, von wo sie ausgegangen ist. Das deutsche Volk ist im Glauben getheilt. Das ist eine ungeheure, durch keinerlei Anstrengung aufzuhebende, durch keinerlei Sophistik wegzuläugneude, durch keinerlei Drehung zu bemäntelnde, durch keine patriotische Fantasie zu vergoldende Thatsache. Was aber im Glauben entzweit ist, das ist es in seinem gan­zen Herzen, in seiner ganzen Seele, in seinem ganzen Ge« müthe und in allen seinen Kräften. Was helfen alle vcrhül- lenden und verhehlenden Reden und Vorstellungen , wo der Schaden lebenstief, und die mögliche Rettung allein in der Wahrheit ist! Jegliche Art von Vereinigungsvorschlag wäre ein überaus unpraktischer Gegenstand menschlicher Verhand­lungen. Der protestantische Theil hat in dreihundert Jahren Zeit genug gehabt zur Ueberlegung, daß er Deutschland nicht protestantisch machen werde; wir unserer Seits hoffen nicht, es über Nacht katholisch zu machen. Einige Regierungen, mancherlei Ministerien, viele Zeitungen und noch mehr Phi- lister haben allerdings sich des Glaubens getröstet, auch Hand dazu angelegt, dasselbe deutsche Gesammtvolk zwar nicht eigent­lich protestantisch , noch weniger katholisch, aber aufgeklärt- sadenscheinig-weltbürgerlich ministeriell-indiffercntistisch zu machen. Denn sie sind in ihrer Weisheit der geheimnißvollen Wahr­heit Meister geworden, daß, wenn Niemand mehr etwas hat, alles Streites um den Besitz, und um den Werth des Be­sitzes ein Ende, ulrd die Ruhe des unzerstörbaren Schlafes gefunden sein wird. So viel ist auch unzweifelhaft gewiß: wenn wir verfaulen, so verbrennen wir nicht. Die Vielwis­senden haben aber doch das Geheimniß des deutschen Geistes und Lebens nicht allerdings gewußt, und es hat ein guter Theil des Volkes ihre Opiate sich fern gehalten, ein anderer halbbetäubter aber sich wieder aufgerafft, so daß das Bewußt­sein deS alten Zwiespalts neuerdings recht sichtbarlich an's Licht getreten, was denn, jenen Zwiespalt einmal gesetzt, jeden­falls daS Bessere gewesen. Das Vernünftigste wird ja wohl fein, eine Thatsache anzuerkennen, die wir Alle nicht ändern können, und den Kampf fortzusetzen, dessen wir uns einmal nicht entschlagen können. Also mit dieser Aufforderung zum Kampfe leiten wir unsere Vorschläge zum Frieden ein? Ohne Zweifel. Denn wir haben schon gesagt, daß wir nur einen möglichen Frieden anstreben, und keinen chimärischen, vor Allem aber einen wahren, und keinen falschen. Der ganze, aufrichtige, ehrliche Kampf kann uns nicht nur am Ende den Frieden bringen, er wird ihn, das ist unsere eigentliche Ab­sicht, schon mit und neben sich führen. Denn eS ist ein an- dereS Gebiet der Waffen und ein anderes der befriedeten

Häuslichkeit; trägt ja doch auch der wirkliche Krieg, unter redlicher und menschlicher Führung, seine Zerstörung nicht in die Hütten hinein. Wir aber können die Hütten und die Häuser, und die Paläste und die Staatsgebäude, und das ganze öffentliche und äußere Leben vom Kriege frei haben, wenn wir wollen. Laßt uns nur Sonne und Wind gerecht theilen, und wie gesagt, in Allem ehrlich sein. Laßt uns kämpfen, Wort gegen Wort, Grund gegen Grund, Ueberzeu­gung gegen Ueberzeugung ; der Stärkere wird doch am Ende Sieger bleiben. Und daß der stärkere Grund und die stärkere Ueberzeugung auf Seite der Wahrheit stehen müssen, darüber können wir jetzt schon einig sein.

* Wiesbaden, 28. April. Unsere Badesaison wird in diesem Jahr früher als sonst beginnen. Schon übermorgen, Sonntag den 30. April werden die neu und glänzend berge­stellten Säle des Kurhauses dem Publicum geöffnet. Nach­mittags wird das erste große Concert der Regimentscapelle unter der Leitung des verdienstvollen Musikdirectors Stadt­feld t in den KurhauSanlagen stattfinden. Diese haben durch die geschmackvollen Schöpfungen des Hrn. GartendirectorS Thelemann eine ganz veränderte Gestalt und erhöhten Reiz gewonnen. Es ist nämlich nicht nur die Umgebung des Weihers durch Anlegung neuer Wege und Blumenbeete wie durch Lichtung des an einigen Stellen allzudichten Gehölzes bedeutend verschönert, sondern auch die ganze bisher etwas stiefmütterlich behandelte düsteâ Anlage hinter der alten Co lonnade in einen freundlichen englischen Garten mit weitläuf- tigen Rasenplätzen und malerischen Baumgruppen verwandelt, der Lauf des BacheS geregelt und dieser selbst, zur Ausschmük- fung des gefälligen Landschaftsbildes durch Anlegung künst­licher Wasserfälle, eines kleinen Weihers mit Felsenpârticn rc. benutzt und bildet nun der früher nur als Verbindungsweg dienende Platz einen iiitegrirenden Theil der KurhauSanlagen selbst. Diese großartige Veränderung ist nur ein geringer Theil der schon im verflossenen Jahr entworfenen und noch in diesem Jahr iné Werk zu setzenden Verschönerungsprojecte. Abgesehen von den weiteren durch den Herrn Gartendirector Thelemann in den Gartenanlagen und in der nächsten Umgegend von Wiesbaden auszuführevden Verschönerungen, abgesehen von der Restaurirung der Spiel-, Speise-, Concerl­und ReunionSsäle und der neuen kostbaren Ameublirung dieser sämmtlichen Räume sollen einige neue Säle an daS Kurhaus gebaut, auf dem Rasenplatze vor demselben eine großeFoii- taine errichtet und vom Kochbrunnen aus ein bedeckter Gang nach dem Kurfaal geführt werden, welcher den Kurgästen ausreichenden und willkommenen Schutz gegen die allzuwohlge­meinte Freundlichkeit, wie gegen die Ungunst deS Wetters gewähren und zugleich als Trinkhalle dienen soll. Dieser bedeckte Gang wird aus eisernen durchbrochenen durch Bögen verbundenen Pfeilern und einem auf diesen ruhenden platten Dache auS gleichem Metalle bestehen, wie erwähnt, am Koch­brunnen beginnen, rechts in die Taunusstraße anszweigen, und in gerader Linie bis an die Mitte der alten Colonnade ver­längert werden. Seitenflügel würden ihn mit dem Kursaal, so wie mit der gegenüberliegenden neuen Colonade in Ver­bindung setzen, und den ganzen Bau ein Gang, der die bei­den Colonnaden mit einander verbindet schließen. An den Stelle», wo der bedeckte Gang von Straßen durchschnitten wird, und an der alten Colonnade, an welche vom Kochbrun- nen aus Wasser hingeleitet würde, sollen dem Vernehmen nach Pavillons mit gläsernen Kuppeln errichtet werden. In diesrr Weise wenigstens wird uns daS Project als im Plane stehend bezeichnet.

Erinnerungen aus der guten alten Zeit.

(Fortsehun«.)

Die Urgroßmutter begann nun auf ihrer kleinen Burg zu schalten und walten recht nach ihrer Herzens Lust; ihre Acckcr waren bald vie schönsten, ihr Vieh das stattlichste, ihre Dienstboten ric bestgczoqencn in der Gegend. Im Sommer hatte sie die Hände voll zu thu», bis sie die Runde machte auf Feld und Wiesen und ein scharfes Auge hielt auf Knechte und Magde. Zm Winter wurde ihr die Zeit auch nicht lang; da holte fie nach, was die damalige übcrpraktischc Zeit an ihrer Erziehung versäumt, machte sich Auszüge auS den besten Schrif­ten, schrieb ihre ligenen Betrachtungen über Zeit und Leben, in sehr ungekünstelter Sprache zwar und mit vielen Schreibfehlern, aber aus der Tiefe eines klaren, frommen Gemüths , das seines Weges sicher war. Ueber alle Ereignisse ihrer inhaltreichen Zeit führte sic genaue Tagebücher und es ist ergötzlich zu sehen, wie in ihren Hauskalendern Weltbegebenheiten und häusliche Ereignisse friedlich Seite an Seite stehen.

$ V ^ct. Hat der estreichisch Gene- lhberfallen" @tattt ^weidin;

^S der Herzog den Ge- geschickt W m,f "du Aschberg St s-he " » n »m 5fen Januar die Kaiserin Eli­sabeth von Rußland gestorben

Die Schweizerkuh gckalbct, es wigte (i0 Pfund

Die große Sau ge« mezget, bat drei und einen halben Zentner gewohgen.

Bier Scheffel Den­kel an den Müller Schwarzen verkauft, a 6 fl.

Zhr Töchterlein bildete sie mit Liebe

sie ^^^^^rleui bildete sie mit Liebe und Fleiß heran und lehrte

Ä V Kopf brauchen.

war a #ocm Schloßlein in das Dorf und in die Nachbarschaft nomiè ! unzugänglich, und doch gab es für die große Oeko- Ausstüaen^?^.^ ^'^ ^^"r- ^ n'm' *'e Urgroßmutter zu vielen hatte ^ wenig sie Zeit und Lust zu Berqnügensrciscn varre. schulte sie denn ein zahmes Ackerpferdlein ein, auf dem

sie ihre Güter bei schlimmem Wetter besuchte und ihre Geschäftsreisen machte; und sie hat als sehr alte Frau noch mit einigem Vergnügen erzählt, wie sie in ihrem Federhütchen einmal durch's Feld geritten sei und ein Bauer sie gefragt habe:Wo will denn die schöne Zung- fer hin?"und meine Sophie war doch schon zwölf Jahr alt ! " fügte sie bei.

So lebte sie auf ihrem Schlößchen in großem Frieden, wenn auch nicht in Ruhe; aber zu lang sollte die Herrlichkeit nicht dauern. Es konnte nicht fehlen, daß die schöne stattliche Frau, deren häusliche Tu­genden weitum bekannt wurden, die Augen gar manchen Wittwers und Ledigen auf sich zog; aber sie entschloß sich gar schwer zu einer zweiten Heirath, sei es aus Treue für den ersten Gatten, fei cs, daß sie sich gern der goldenen Freiheit in ihrem bewegten Wirkungskreis freute. Endlich aber gelang es doch dem Herrn Pfarrer Wedbler, einem ehrbaren Wittwer, die schöne Wittwe von ihrem Schloß herab in sein freundliches Dorf Rebenbuch zu führen, wie in einem schönen Hochzeitkarmcn des Langen und Breiten erzählt ist, das also beginnt:

Gechrtestc Frau Braut, hier kommt ein Hochzcitsstrauß

Vom Weilcnberger Markt, aus wohlbekanntem HauS.

Ganz kürzlich war ich erst nach Weilenberg gekommen,

Da hab' ich alsobald die Neuigkeit vernommen:

Frau Pfarrer Trutzin ist Herrn Pfarrer Wcddlcrs Braut Und Dienstag werden sie zu Rcbcnbach getraut :c.

Der Pfarrer Weddler war nun ein Mann ganz anderer Art, als der erste Gemahl, groß und stattlich, wie er jetzt noch in der schön gepuderten Lockenperücke aus seinem Bild herabschaut, ein Mann, der als Hofmeister die Welt gesehen, von frischem, lebenskräftigem Sinn, voll Salbung und Selbstgefühl. Da galt es nun zunächst nicht zu trösten und aufzuheitern, die Bürde des Mannes zu tragen, um ihn in Würde zu erhalten, es galt sich aufzurichten in aller Kraft und Lebensfülle des Geistes und Körpers, um alsGefährtin, die ihm entsprechend sei," dem Mann zur &eite zu stehen.

Kinder genug kamen zusammen, Sophie, vas Töchterlein der Mut­ter, das dereinst so zur Unzeit ihren Reichthum gepriesen, von der der Stiefvater selbst rühmend erwähnt,daß er sie wegen bewiesener Liebe und Gehorsams als seine eigene Tochter allezeit geliebt, ^ eine hübsche Tochter und drei kräftig Heranwachsende Söhne des Vaters von denen der eine alibercitö Alumnus war Die neue Mutter ward mit Freude und Liebe ausgenommen , der Alumnus, der Poet des Hauses, verfertigte im allerhochfliegendsten Stple ein Gericht, in dem

er sie willkommen hieß, und ein Triumphzug wie der, in dem man die neue Frau Pfarrerin zu Rcbcnbach cinhöltc, war seit Menschen- gedenken nicht gesehen worden.

In dem Pfarrhaus, über dem, so lang die erste Gattin, eine edle, aber leidende Seele gelebt hatte, beständig eine leichte Wolke gchan- 'gen, gestaltete sich nun n Fleiß und Frömmigkeit ein frisches, frohes und kräftiges Leben. Zwei Töchterlein, entsprossen der neuen Ver­bindung, das Dörtchen, des Hauses Zier und Krone, und die muntere Wilhelmine. Unter den Geschwistern war neidlose Liebe und Ein­tracht, ein Segen, der sich noch bis auf die Urenkel erstreckt, jede Freude und Ehre, die das Eine erlebte, war ein Zubel für Alle. Die Mutter führte die Zügel des Hauses mit kräftiger Hand und schadete ihren Kindern weder durch die weichliche Schonung der guten Stief­mütter, noch durch die lieblose Härte der schlimmen.

Eine Hausfrau wie die Frau Pfarrerin in Rebenbach war weit und breit nicht zu finden; die Pfarrfrauen der Gegend machten förm­liche Wallfahrten, um neue Vortheile im Gartenwcsen unv der Vieh­zucht von ihr zu erlernen, man schickt ihr junge Töchter von Bekannt ten aus dem halben Vaterland , um unter ihrer Zucht sich zu guten Hausfrauen zu dilven, oder heimathlose Mädchen, die keine Zuflucht hatten, und die Jedermann hernach gern aus ihren Hänven nahm.

Auf Zucht unv Sitte hat die Frau Urgroßmutter streng gehalten und keinen Sinn für die Licenzen der romantischen Poesie gezeigt. Einmal war ein munteres leichtfertiges Bäschen aus der Resivenz zum Besuch da, nicht um sich bilden zu lassen, sondern, wie sie dachte, um zu bilden und um den landpomeranzigcn Basen in ihrem neuen Auf­satz mit Pumpelrosen und ihrer neumodischen Kontusche zu imponircn. DaS Väschen war auch musicalisch und producirte ein nagelneues Lied, das eben erst in der Residenz in Mode gekommen war, es fing an:

Komm, Herr Heinrich, komm herein, Komm, wir find alleine :c.

Die Urgroßmutter hörte den ersten Vers an:wie, Philippine, zeig mir das Lied!" Wohlgefällig brachte es das Bäschen, verwundert, daß die alte Tante roch noch Geschmack an so was finde. Die Tante nimmt es ruhig in die Hand:so, jetzt bring' ein irdenez Teller und ein Licht herein!" Das Bäschen guckt sie verblüfft an; man weiß aber kein Beispiel, daß Jemand versucht hätte, zu widersprechen, wenn die Urahne etwas ernstlich befahl,so, und nun legst du sogleich den Wisch da auf den Teller und verbrennst ihn vor meinen Augen! meinst du, so dummes Zeug dürfe vor die Ohren immer